AnlagePunk · Aktivrente

Rentenkoma statt Reformen: Berlin drückt die Snooze-Taste

Friedrich Merz
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Aktien als Feigenblatt, Versprechen als Strategie. Die Politik traut sich keine Rentenreform zu – und die Rechnung läuft weiter.

Zumindest einen Highscore hat Deutschland noch. Er zeigt sich nicht bei Digitalisierung, nicht bei KI und schon gar nicht darin, eine Industrie, in der man mal Taktgeber war, wieder in Form zu bringen. Nein. Deutschland ist Weltmeister im Wegdrücken von Realität. Politische Placebos basteln – diese Fertigkeit macht uns so schnell keiner nach.

Das neueste Produkt heißt Rentenpaket. CDU, CSU und SPD feiern sich für Aktivrente, Mütterrente, Frühstart-Rente und ein Rentenniveau von 48 Prozent bis 2031. Jede dieser Ideen kostet mehr als bisher – aber niemand sagt, wer das bezahlen soll. Die Botschaft: Keine Panik. Alles bleibt, wie es war. Heute versprechen, was morgen unbezahlbar ist – und das als Generationengerechtigkeit verkaufen. Berlin nennt das Stabilität. In Wahrheit ist es Schuldenpolitik mit Wohlfühlfilter.

Zur Beruhigung der Jüngeren gibt’s „Generationenkapital“: 10 Milliarden Euro in Aktien. Klingt nach Zukunft, ist aber ein Teelicht im Kohlebergwerk. Die Rentenkasse verballert über eine Milliarde Euro – täglich. Das Aktienpaket ist also kein Gamechanger, sondern Gaslighting. An die echten Reformen traut sich keiner ran: Beamte einzahlen lassen? Tabu. Länger arbeiten? Bloß nicht.

Warum ist das so? Weil in Berlin nicht gerechnet wird, sondern taktiert. Merz wollte Wirtschaftskanzler. Heute ist er Verwalter des Stillstands. Zusammen mit Klingbeil und Söder inszeniert er Handlungsfähigkeit – in Wahrheit sichern sich die drei nur ihre Machtoptionen. Reformen? Ja. Aber bitte ohne Umfrageschäden. Wer wie die Jungen aus der Union widerspricht, gilt als „Renten-Rebell“. Dabei können sie nur Mathe: Weniger Einzahler. Mehr Rentner. Ende der Durchsage. Die Lösungen kennt jeder: Länger arbeiten. Kapitaldeckung. Eigenverantwortung.

Aber Deutschland ist eine Demokratie auf Beruhigungsmitteln. Alle wollen alles – und bitte ohne Rechnung. Am Ende geht es nicht um Renten. Es geht um eine Politik, die Stabilität simuliert und Stillstand produziert.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.