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Rolle rückwärts bei Atom – wie geht das?

Feiert die Atomkraft ein Comeback?
Foto: picture alliance / Harald Dostal / picturedesk.com | Harald Dostal
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Französische Betreiber haben den deutschen Wiedereinstieg in die Atomkraft geprüft. Ergebnis: Fünf Kraftwerke könnten wieder angeschaltet werden. Doch es gibt Voraussetzungen, damit das gelingt.

Die Kenntnisse sind (noch) da, die technischen Möglichkeiten auch – was wäre nötig, damit in Deutschland wieder Kernkraft zur Energiegewinnung genutzt werden könnte? Die noch amtierende Bundesregierung schließt seit dem endgültigen Abschalten der letzten drei deutschen Kernkraftwerke kategorisch aus. Aber die Regierungszeit der Bundesregierung neigt sich dem vorzeitigen Ende, und die, die in den Starlöchern stehen, wollen die Atomkraft möglicherweise wieder einschalten. Energiepreise und drohende Knappheiten fördern neues Denken.

Im Jahr 2010 hatte die CDU/CSU/FDP-Bundesregierung beschlossen, die Laufzeiten der damals 17 Kernkraftwerke um Jahrzehnte zu verlängern – ein Schritt, der die Stromkosten deutlich zu senken versprach, wären die Kraftwerke doch bis dahin längst abgeschrieben und Kosten im Wesentlichen durch den laufenden Betrieb erzeugt. Aber: Der Einstieg in den schnelleren Ausstieg kam nur ein Jahr später. Weil ein Seebeben und ein Tsunami in Japan zahlreiche Opfer forderten, und dabei das Kernkraftwerk Fukushima zerstört wurde, beschloss die Regierung den beschleunigten Abschied von jeglicher Kernenergie.

Bei einigen KKW sofort, bei den übrigen gestaffelt bis Ende 2022. Obwohl Tsunamis in Deutschland nicht vorkommen, und in Japan nicht ein einziger Mensch durch radioaktive Strahlung ums Leben kam, herrschte hierzulande Panikstimmung, und das vor drei anstehenden Landtagswahlen. Die Bundesregierung handelte mit Blick darauf, und so blieb es endgültig beim Aus für diese CO₂-freie Energieerzeugung. Vor allem die Grünen, inzwischen in der Regierung, lehnten jede Verlängerung der Laufzeiten ab, bis auf wenige Monate zum Übergang nach der Corona-Pandemie bis Frühjahr 2023.

In Deutschland solle nie wieder per Atomkraft Energie erzeugt werden, so das Credo. Und am liebsten international ebenso wenig, wie gerade die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) enthüllte: In einem vom Umweltbundesamt bestellten Gutachten des Öko-Instituts, so die Zeitung, „stand das Ergebnis schon vorher fest“. Es sollte, wie aus Unterlagen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Atomausstieg hervorgeht, Kernkraft als bedeutungslos für den Klimaschutz entlarven. Mit diesen Erkenntnissen beabsichtigte man, den Weltklimarat zu beeinflussen, der bislang Kernenergie als klimaschonende Technologie anerkennt. Die Grünen in der Bundesregierung, so die NZZ, wollten nicht weniger als die Nutzung von Atomkraft auch weltweit stoppen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass allein die Diskussion der technischen Voraussetzungen für eine Wiederinbetriebnahme oder den Neubau von Kernkraftwerken hierzulande nicht en vogue war. Allerdings erlebt die Energieform weltweit eine Renaissance, rund um Deutschlands Grenzen entstehen neue Kraftwerke, werden neueste Technologien erprobt – vom Minireaktor in der Größe eines herkömmlichen Seecontainers bis zur Forschung an der Kernfusion (im Gegensatz zur Kernspaltung eine Technologie, die keine Radioaktivität freisetzen könnte) entwickelt die Welt sich weiter.

Weltweit arbeiten zahlreiche Startups an neuen Konzepten. Führend darunter: Copenhagen Atomics. Das Unternehmen setzt auf Kleinreaktoren, die dezentral Energie liefern können. Vielversprechend, aber dies schon seit Jahren, ist die Kernfusionstechnik – immer wieder werden Fortschritte verkündet, aber der tatsächliche Durchbruch zu ungefährlicher Energieausbeute scheint noch fern. Nichtsdestrotz arbeiten auch deutsche Wissenschaftler an solchen Technologien. „Bayern Innovativ“ ist eine der Unternehmungen, die sich hier nicht entmutigen lassen. Und über Kernspaltung hinausdenken.

„Ich sehe die Zukunft der Energieversorgung in der Kombination aus erneuerbaren Energien und innovativen Technologien wie der Kernfusion. Im Vergleich zur Kernspaltung bietet Fusion erhebliche Vorteile hinsichtlich Sicherheit und Nachhaltigkeit. Ziel muss ein diversifizierter Energiemix sein, der den steigenden Energiebedarf deckt und dabei Klimaneutralität mit Ressourceneffizienz vereint“, sagt Rainer Seßner, der Chef von Bayern Innovativ. In dem Bundesland  setzt vor allem die CSU-Mittelstandsunion auf eine neuerliche Kernkraftnutzung, aber auch Ministerpräsident Markus Söder, der einst zu den entschiedensten „Abschaltern“ gehört hatte, hat seine Meinung um 180 Grad gedreht.

Nach dem Abschalten des letzten Reaktors vor gut eineinhalb Jahren entwickelte sich – je nach Standpunkt – die Befürchtung, oder die Hoffnung, dass Deutschland nun mit der Kerntechnologie nichts mehr zu tun haben werde, und die Forschung abwandern würde. Betrachtet man aber die Leistungen an Universitäten und anderen wissenschaftlichen Instituten, und zieht Bilanz über die technischen Voraussetzungen für einen erneuten Betrieb von Kernreaktoren gleich welcher Ausprägung, ist Deutschland bislang jedenfalls nicht abgehängt. Was wäre nötig für den Wiedereinstieg?

  1. Sicherheitscheck der bestehenden Anlagen

Bis zu fünf der seit 2021 abgeschalteten Anlagen könnten wieder in Betrieb genommen werden, darunter Isar 2, Neckarwestheim oder Emsland, so die französische Energiegesellschaft Areva. Notwendig wäre eine umfassende Sicherheitsüberprüfung, gegebenenfalls Modernisierung, und die Neubeschaffung von Brennstoffen (Uran).

  • Brennstoffversorgung hochfahren

Die Beschaffung von Uran für den Betrieb der deutschen Reaktoren sollte theoretisch keine Hürde darstellen. Allerdings setzt dies einiges an Überlegungen voraus, mit welchen Handelspartnern man den deutschen Maßstäben folgend zusammenarbeiten will. Nicht alle Erzeuger sind da akzeptabel, bisher kam viel Uran aus Russland. Zur Aufbereitung des Urans wären vorerst ausländische Kapazitäten nötig. Stillgelegte Fertigung in Deutschland zu reaktivieren, kostet Zeit. Logistik und Zwischenlagerung sind weitere Themenfelder, die neu sortiert werden müssten.

  • Die richtigen Leute finden

Das eingespielte Personal der stillgelegten Kraftwerke ist im Ruhestand oder anderweitig beschäftigt. In den Nachbarländern Techniker und Ingenieure zu finden, wäre wohl eine Möglichkeit, den Mangelzustand zu überbrücken. Die Vernetzung jener Wissenschaftler und Forscher, die derzeit an kerntechnischen Themen arbeiten, beispielsweise in Fraunhofer- oder Max-Planck-Instituten, müsste neu aufgesetzt werden, soweit es die Anwendung in neu zu bauenden Kernkraftwerken betrifft.

  • Neue Regeln festlegen

Für den neuerlichen Betrieb von Kernkraftwerken bedürfte es zahlreicher gesetzlicher Regelungen, darunter zunächst die, den gesetzlichen Atomausstieg rückgängig zu machen. Es folgten dann Genehmigungsverfahren mit der entsprechenden Dauer und den erwartbaren Einsprüchen. Zertifizierung der jeweiligen Reaktoren wäre der nächste Schritt, sodann natürlich die weiterhin akute Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle.

Ohne grundsätzliche Akzeptanz in der Bevölkerung wären alle diese Schritte wohl kaum zu verwirklichen; eine grundlegende Bedingung, so Markus Krebber, Chef von RWE. Dementsprechend würde selbst unter idealen Bedingungen die Wiederinbetriebnahme bestehender Kraftwerke etwa drei bis fünf Jahre dauern, schätzen Experten. Die Nutzung neuer Technologien, wie etwa der erwähnten modularen Reaktoren, erfordern wohl eher einen Zeitrahmen von bis zu fünfzehn Jahren. Am ehesten wären da noch neuartige Reaktor-Technologien vermittlungsfähig, die kaum oder keine radioaktiven Abfälle erzeugen. Das ist zwar Zukunftsmusik, ähnlich aber verhält es sich bekanntlich mit der Nutzung von „grünem“ Wasserstoff, dessen Durchbruch lange schon nur kurz bevorsteht.

Angesichts der Schwierigkeiten zweifeln sowohl der Verband der deutschen Energiewirtschaft als auch zum Beispiel das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) an einem Revival der Kernkraft in Deutschland. Der Aufwand wäre zu groß, so das IW, und Strom aus neuerbauten Kernkraftwerken zu teuer. Allenfalls die künftigen kleinen modularen Reaktoren (SMR) seien eine interessante Entwicklung – man bräuchte aber „hunderte oder tausende davon“. Vorerst lässt sich schlussfolgern, dass der Bezug von Atomstrom aus den Nachbarländern, etwa Frankreich, sinnvoller ist als erneute Eigenproduktion – und der geschieht ja auch bereits. Künftig würden, wenn diese Länder bei ihren Plänen bleiben, auch Polen oder Tschechien Kernkraft-Strom exportieren. Derzeit betreiben, so der „World Nuclear Industry Status Report“, zwölf der 27 EU-Staaten Kernkraftwerke Atommeiler, einige von ihnen planen den Ausbau. Weltweit sind 90 Reaktoren im Bau oder in Planung. Allein 40 in China. Der deutsche Weg ist nirgendwo, so scheint es, wegweisend. Und sollten deutsche Regierungsbehörden Überzeugungsarbeit gegen Atomkraft unternommen haben, so hat sie jedenfalls nicht gefruchtet.

Reinhard Schlieker

Der langjährige Wirtschaftsjournalist und Autor Reinhard Schlieker bringt einen breiten Fernsehhintergrund mit. 1991 ist Schlieker in die Redaktion des ZDF-Heute-Journals eingetreten. Im Jahr 2000 wechselte er in die Finanzredaktion des ZDF mit Livemoderationen von der Frankfurter Börse in den aktuellen Nachrichtensendungen. Für Millionen Fernsehzuschauer ist Schlieker das seriöse Gesicht der deutschen Börse. 2001 veröffentlichte er das Buch „Zwischen Reibach und Ruin“. Während der Finanzkrise 2008 arbeitete er zeitweise im Team des ZDF-Studios New York und ab 2010 des ZDF-Studios Washington mit. Schlieker war zuvor für den deutsch-britisch-schweizerischen European Business Channel mit Sitz in Zürich tätig, für den er zeitweise auch als Korrespondent aus Paris und London berichtete.