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Wie aus einem alten Spaßbad das größte DIY-Projekt in Rotterdam wurde

Wie aus einem alten Spaßbad das größte DIY-Projekt in Rotterdam wurde
Marcel Wogram Niederlande, Rotterdam, 08.01.2019 - BLUE CITY ist ein Inkubator für Gründer in und um Rotterdam. Zur Zeit dient unser Zentrum (ein verlassenes Schwimmbad) als Nährboden für 16 innovative Unternehmen. Credit - Marcel Wogram for BUSINESS PUNK
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Aktualisiert
Lesezeit12 Min · 2.425 Wörter

Das erste Mal, als Floris Schiferli an seinem späteren Arbeitsplatz aufkreuzte, standen weite Teile des Gebäudes unter Wasser, andere Bereiche waren gar nicht zugänglich oder unwirtlich dunkel und nass, während über allem Wellen tobten und Schreie durch lange Röhren hallten. Schiferli, der heute Architekt ist, war damals, zu Beginn der 90er, 13, vielleicht 14 Jahre alt und zu Besuch in Rotterdam. Und das, was heute sein Arbeitsplatz, sein persönliches riesiges DIY-Recycling-Architektur-Projekt und vielleicht auch die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit ist, war damals noch keine Ruine. Sondern ein Spaßbad namens Tropicana, eingequetscht zwischen Rotterdamer Maasboulevard und dem größten Hafen Europas. Das 1988 im Auftrag des niederländischen Feriendorfbetreibers Center Parcs erbaute Badeparadies, muss man wissen, war von Anfang an mehr als ein Gebäude gewesen: ein Versprechen.

Mit zwei breiten Rutschen für Familien, drei langen Röhrenrutschen, einem zum Teil unterirdischen Wildwasserkanal, einem Wellenbad, einem Kinderbecken, einer Höhle, einem Solarium und einem sicher 100 Meter durchmessenden Dom in der Mitte dieses mit echten Kanarienvögeln besiedelten und Naturstein verzierten falschen Paradieses war das Tropicana eine Sensation seiner Zeit. Einer Zeit mit eigenen Regeln. Denn als der Rotterdamer Bürgermeister Bram Peper das Tropicana am 2. September 1988 eröffnete, waren Reisen in die echte Karibik für die allermeisten Menschen einerseits noch vollkommen unerschwinglich; andererseits waren sämtliche Fragen nach CO₂-Bilanz, Betriebskosten, Wärmeisolierung und derlei Humbug noch weit, weit weg. Und doch war das Tropicana ein Versprechen, das nie so ganz eingelöst wurde.

Der große Dom des alten Spaßbads ist der Endgegner beim geplanten Umbau. Das Klima ist eigenartig und die Sonne knallt rein (Credits: Marcel Wogram).

Erst verkaufte der Betreiber das Bad, das nicht in sein Gesamtkonzept passte, aber niemand wollte es wirklich haben. Dann machten Geschichten von Belästigungen junger Mädchen in den Grotten und Pools die Runde, und der Königliche Niederländische Schwimmbund bemängelte die Hygiene. Schließlich nahm das Interesse der Bevölkerung rapide ab. Wozu in einem schlecht imitierten Paradies den Tag vergammeln, wenn das echte nur wenige billige Flugstunden entfernt wartete?

Es begannen die Jahre des Verfalls: Während im vorderen Teil des Tropicana noch Saunen betrieben wurden, öffnete im hinteren Bereich ein Club niederländischer Machart: zuckersüßer Marschtechno, plumpe Wandmalereien, dazu neonbunte Leuchtschilder plus die dazu passenden Drogen. Aber am 29. April 2010 war es auch damit vorbei. Mit einer Party namens Supafly schloss das Tropicana endgültig seine Tore. Das Wellenbad lag brach, die Rutschen trocken, nur das durch die Fugen im Schwimmbecken gesickerte Wasser tropfte noch leise in den alten Beton.

In anderen Städten hätte man das alte, leere Bad vielleicht abgerissen. Weg mit dem Spaß vergangener Zeiten, her mit den lukrativen Lofts in seelenlosen Glas-Beton-Palästen mit Tiefgarage. Aber die Rotterdamer, erzählt Schiferli, hatten nicht vergessen, dass ihnen das Tropicana in den für die Stadt nicht einfachen 90er-Jahren manchen Tag und später manche Nacht versüßt hatte.

Es gab also, wie das so ist, große Pläne: Der Architekt Jeroen Hoorn schlug etwa vor, den kompletten Bau mit einer Außenhaut aus Kupfer und Aluminium zu überziehen, um so aus dem Spaßbad eine Konzerthalle namens Metamorfose Tropicana zu machen. Andere Investoren träumten von einem riesengroßen Fitnessstudio. Aber daraus – wie aus allen weiteren großen Plänen für das ehemalige Schwimmparadies – wurde nichts. Dafür aus den kleinen.

Denn just zu jener Zeit, als das Spaßbad schließen musste, passierten in den Niederlanden zwei Dinge: Hausbesetzungen wurden unter Strafe verboten; gleichzeitig wurde eine Strategie entwickelt, die auf Niederländisch den schönen Namen „Antikraak“ trägt und letztlich bedeutet, dass Gebäude legal zur Zwischennutzung freigegeben werden können, auch wenn sie vielen Auflagen eigentlich nicht entsprechen. So auch das Tropicana.

Floris Schiferli: Seit 2008 arbeitet der Architekt, Designer und Stadtplaner beim Rotterdamer Architekturbüro Superuse Studios (Credits: Marcel Wogram).

Denn während das einstige Bad vor sich hin gammelte, zogen 2012 Siemen Cox und Mark Slegers in die alten Maschinenräume und Okke van Beuge in das rückseitige Lager ein. Cox und Slegers hatten den verwegenen Plan, mit ihrer Firma Rotterzwam Austernpilze für Feinschmeckerrestaurants auf Kaffeeabfällen wachsen zu lassen, wofür sich die dunklen, kühlen, feuchten und auch sonst sehr an Höhlen erinnernden Unterbauten des Badeparadieses ideal eigneten.

Van Beuge dagegen hatte sich als Schreiner selbstständig gemacht, eine Werkstatt gesucht und sein Rohmaterial unter anderem direkt vor Ort im Bad gefunden. Während van Beuge eigentlich Geschichte studiert hatte und nur zum Schreinern kam, weil Freunde selbst gebaute Holztische von ihm wollten, verfolgten Cox und Slegers eine richtige, große Vision: Inspiriert von dem Buch „The Blue Economy“ des Belgiers Gunter Pauli, wollten sie ein Haus der Kreislaufwirtschaft errichten, in dem des einen Müll des anderen Baustoff ist.

Doch zunächst brauchte das alte Tropicana einen Investor und Sicherheit, dafür einen Plan und für die Erstellung des Plans wiederum Architekten. Also kehrte Schi­fer­li, der einst über die Rutschen des Bades gejagt und durch dessen Wellen getobt war, in das alte Spaßbad zurück.

Recycelte Ruinen

Denn Schiferli war mittlerweile längst einer der wichtigen Köpfe der 1997 gegründeten Superuse Studios, eines Designer- und Architektenkollektivs, das sich auf urbane Erneuerung und Wiederverwendung von Materialien spezialisiert hat. Superuse hatte sich mit Wiederverwertungsprojekten längst einen Namen gemacht und unter anderem Harvestmap.org gegründet, ein Kartenverzeichnis für kostenlose Baustoffe, die sonst auf dem Müll landen würden.

Damit waren Schiferli und Superuse exakt die richtige Wahl, um aus einem runtergekommenen Schwimmbad wieder ein Versprechen zu machen. Und der Architekt der richtige Mann, um die Stadt Rotterdam und den Verkäufer des Hauses zu überzeugen, das Tropicana nicht einem Investor zu überlassen, sondern einer Herde Weirdos, die versprachen, das Gebäude aus sich selbst heraus umzubauen.

Schlechte Architektur

Jeder Stein, jede Wand, die irgendwo abgebaut werden würde, sollte anderswo wieder genutzt werden. Das war das neue Versprechen. Denn dieses Mal sollte es nicht feucht und fröhlich zugehen – sondern nachhaltig und klug. Also machte sich Schiferli ans Werk, entwickelte das Konzept Blue City, eine 12 500 Quadratmeter große Mischung aus nachhaltigem Startup-Hub und Atelierhaus, aus architektonischem und städtebaulichem Experiment und dem größten DIY-Projekt der Stadt.

Die Blue City im alten Spaßbad ist heute ein Hub für Öko-Startups (Credits: Marcel Wogram)
… Öko-Startups wie Hugo de Boon. Hier entwickelt man eine veganische Lederalternative. (Credits: Marcel Wogram)

Heute, vier Jahre nachdem die iFund-Stiftung des niederländischen Unternehmers Wouter Veer das „Schwimmbad voller Möglichkeiten“ für mehr als 1,7 Mio. Euro übernommen und Superuse, Rotterzwam und den anderen Erstmietern zur Verfügung gestellt hat, steht Schiferli im alten Eingangsbereich und schaut zu, wie die Mieter der benachbarten Büros am runden Holztresen Kaffee bestellen. Die Sonne quält sich durch die Wolken über der Nieuwe Maas und blendet.

„Unter Klimagesichtspunkten ist das wirklich schlechte Architektur hier! Und natürlich ist das nach heutigen Maßstäben kein schönes Gebäude“, sagt Schiferli, schaut sich um und lacht. Die dunklen Türkistöne im Treppenhaus, die halb nackte Meerjungfrau über der Kaffeebar, Relikte einer geschmacklich schwierigen Zeit. „Und natürlich ist so ein Spaßbad der Inbegriff einer Wirtschaft, die ihre Abfälle überhaupt nicht mitdenkt.“

Für Schiferli ist aber genau das die Herausforderung – und die Chance. Etwas plump formuliert: Wenn man es schafft, aus einem so verschwenderischen, unter Umweltgesichtspunkten vollkommen unverantwortlichen Gebäude wie einem Spaßbad ein Zentrum für nachhaltiges Unternehmertum zu machen, und dabei alle Bestandteile des Gebäudes wiederverwertet, dann hat man letztlich den Beweis erbracht, dass eigentlich überhaupt kein Gebäude abgerissen werden muss.

Wo zum Beispiel früher Umkleidekabinen und Bars waren und später der Club, haben Schiferli und seine Kollegen aus alten Fensterfassaden lichte, gläserne Büroflächen mit Blick auf den Hafen entworfen. Längst sind die komplett vermietet, die Anfrage ist deutlich höher, als der Platz es hergibt. Aktuell werden die alten Pumpen- und Hohlräume im Keller unter dem Badebereich erschlossen, durch die noch immer ein Geruch von Feuchtigkeit zieht. „Es ist wirklich extrem“, sagt Schiferli. „Immer, wenn wir eine Wand aufbohren, tropft tagelang Wasser aus dem Beton – weil die Becken so undicht waren.“

Anders als bei anderen Großbauvorhaben gibt es deshalb nur einen ungefähren Plan und einen vollkommen anderen Ansatz beim Ausbau: So sind die exakte Anordnung und Nutzung des Gebäudes nicht festgelegt. Superuse Studios haben zwar einen Strukturplan erstellt, in dem alle Sicherheitsaspekte enthalten sind, zudem wurden einige Grundsätze für den Umgang mit dem Gebäude formuliert. Und es gibt die Hoffnung, alle Bereiche bis 2020 zu nutzen. Aber das war’s dann auch mit der Planbarkeit.

Am alten Eingang des Tropicana wird heute Kaffee gekocht. (Credits: Marcel Wogram)

Auf dem ursprünglichen Entwurf, einem 21-seitigen PDF mit Energie- und Windprognosen, die Schiferli und Superuse 2015 erarbeitet hatten, sah die Blue City noch seltsam geleckt aus, wie 3D-Illustrationen von Bauvorhaben eben aussehen: voller Sonnenschein und Menschen, mit kurzen Schatten und immergrünem Gras. Was für ein Trugschluss. Denn was in den kommenden Jahren auch immer genau passiert: Das liegt eben auch am Tropicana. Das schrittweise Vortasten ins eigene Gebäude birgt viele Überraschungen: Einer der Räume am oberen Ende des Bades, den Superuse heute selbst nutzt, befand sich ursprünglich unter einer mehrere Meter dicken Betondecke. „Wir mussten gemeinsam mit dem Eigentümer erst einmal kalkulieren, ob die Kosten, die Decke aufzubrechen, von den möglichen Mieteinnahmen überhaupt gedeckt werden würden“, erklärt Schiferli.

Denn so ambitioniert und ökologisch die Blue City ist, sie muss sich finanziell tragen. Und das bedeutet auch, dass die Blue City ihre Meeting- und Eventräume dann und wann auch an große Konzerne vermietet, immer in der Hoffnung, dass neben Geld auch die Idee einer anderen Art der Wirtschaft die Seiten wechselt.

Langsam, langsam schließt sich der Kreislauf im alten Schwimmbad: So bildet der Kaffeesatz der Aloha Bar an der Spitze des Gebäudes den Nährboden für die Austernpilze von Rotterzwam, mit dem dabei frei werdenden CO₂ züchtet eine Firma namens Spireaux im Keller Spirulina-Mikroalgen, die als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden können.

Im Keller braut Okke van Beuge nun Bier in den Tanks der einstigen Spaßbadbar (Credits: Marcel Wogram)

Im Obergeschoss, dort, wo früher die reichen Technofreunde Magnumflaschen Sekt köpften und auf die tanzenden Mädchen gafften, sitzen heute der große, blonde Koen Meerkerk und Hugo de Boon, der ein bisschen aussieht, als wäre er der Head of Head Shop in der Blue City – der tatsächlich aber wahnsinnig ernsthaft daran arbeitet, einen Lederersatz namens Fruitleather aus Mangofasern zu entwickeln.

Vor drei Jahren waren Meerkerk und de Boon noch Studenten und kochten die Mango selbst ein; heute prüfen sie professionelle, nach exakten Normen durchgeführte Testergebnisse, um herauszufinden, welche Zusammensetzung sich als wie knickresistent erweist. Und damit am schnellsten tierisches Leder ersetzen kann.

Als Nächstes der Dom

Ganz unten, im Keller, neben Spireaux, braut Okke van Beuge, der einst ins Tropicana gekommen war, um zu schreinern, unter dem Namen Vet & Lazy (der exakt das bedeutet, was man vermutet) mittlerweile zusätzlich Craftbier mit belgischem Touch – die alten Biertanks des Spaßbades standen ohnehin im Keller, warum also nicht? Und so wird in den Stabilisierungsräumen direkt unter dem ehemaligen Schwimmbecken, dessen fast 50 Zentimeter dicke Stahlbetonwände erst einmal durchbrochen werden mussten, mittlerweile Bier mit so fabelhaften Namen wie „Deine Mutter“ und „Le Phallus“ gebraut – Letzteres unter Beigabe von Austernpilzem von Rotterzwam. Aber das ist alles natürlich nur der Anfang.

Der große Dom des einstigen Tropicana ist noch unrenoviert, die hohen Decken, das eigenartige Klima werden eine Herausforderung sein. Aber Schiferli ist geradezu vorfreudig: Erst dann, wenn auch der hallenartige Raum genutzt wird, ist der Beweis erbracht. Dass man nicht abreißen muss. Dass Kreislaufwirtschaft funktioniert, architektonisch, aber auch wirtschaftlich. Und darum geht es. Die Idee ist größer als das Gebäude.

Später, am Abend, wird Okke van Beuge draußen an der Kaimauer stehen, auf die Nieuwe Maas und die Brücken von Rotterdam blicken und kichern. Am heutigen Tag hat van Beuge nicht bloß die Bestätigung bekommen, dass das Bier von Vet & Lazy in Zukunft in niederländischen Supermärkten gelistet sein wird. Vor Kurzem hat er außerdem die Genehmigung erhalten, auf dem alten Parkplatz direkt am Wasser im Frühjahr einen Biergarten zu eröffnen. „Wir werden den besten Ausblick der Stadt haben“, sagt van Beuge und strahlt. Das Beste daran: Er musste die Stadt nicht einmal groß überzeugen.

Bier statt Heroin

Die sonst menschenleere Seite des Gebäudes war in den vergangenen Jahren immer wieder zugemüllt worden, Obdachlose und Prostituierte hatten sich hierher verzogen, ebenso wie Heroinsüchtige. Die Stadt, sagt van Beuge, ist im Grunde genommen heilfroh, dass sich endlich jemand um das schwierige Areal kümmern wird. „Die sparen dadurch jährlich einen fünfstelligen Betrag an Reinigungs- und Securitykosten.“ Bald, wenn es warm wird, soll hier unten schon wieder Flüssigkeit sprudeln und Menschen werden sich fühlen wie im Urlaub. Der Kreis schließt sich. Das alte Tropicana-Versprechen wird neu eingelöst.

Fehlt eigentlich nur noch, dass irgendwoher „Circle of Life“ von Elton John herüberweht. Aber dafür wäre es zu früh. Denn noch etwas sieht man von hier aus: Dass eigentlich überall in Rotterdam in diesen Tagen neue Hochhäuser hochgezogen werden, voller Glas und ambitionierter Formen, schnell und clean, Häuser, bei denen niemals Wasser aus dem Beton tropft. Und für deren Bau Altes abgerissen wurde. Es ist noch ein weiter Weg für die Blue City, um vom Experiment zum Vorbild zu werden. Und dann zum neuen Standard.


Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titel-Story: Der japanische E-Commerce-Unternehmer und Milliardär Yusaku Maezawa und warum er mit Elon Musk zum Mond fliegen wird. Außerdem gibt es ein Dossier zum Thema „Future City“. Darin besuchen wir eine Gruppe aus Architekten, Tüftlern und Gründern, die in Rotterdam gerade ein halbverottetes Spaßbad saniert und ausprobiert haben und zeigen, wie man alte Häuser neu nutzen kann. Für mehr Infos hier entlang.

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.