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„Seaspiracy“-Doku: Eine Welt, in der Tier- und Menschenleben wertlos sind

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Aktualisiert
Lesezeit4 Min · 784 Wörter

Wer in traditionellen Restaurants in kleinen Dörfern nach vegetarischen Alternativen fragt, bekommt häufig Fischgerichte vorgeschlagen. Das könnte auch daran liegen, dass viele vermeintliche Vegetarier:innen bei Fisch auf dem Teller ein Auge zudrücken.

Die neue Doku „Seaspiracy“ auf Netflix zeigt allerdings, dass unser Fischkonsum mindestens genauso gefährlich für die Tier- und Umwelt ist, wie klassischer Fleischkonsum.

Damit nicht genug: Die skrupellose Welt der kommerziellen Fischerei ähnelt mafiösen Strukturen, in denen selbst Menschenleben wertlos sind. Auch die Polizei vor Ort deckt die kriminellen Machenschaften der profitgierigen Unternehmen.

Doch starten wir von vorn: Der Filmemacher Ali Tabrizi wollte ursprünglich eine Dokumentation über die Meere unseres Planetens drehen. Allerdings stieß er dabei schnell auf immer schockierendere Informationen in Zusammenhang mit dem kommerziellen Fischfang.

Alles nur Show

Wer als Kind schon einmal in einem Zoo mit Aquarium war, erinnert sich an die scheinbar glücklichen Delfine oder Wale, die ein Kunststück nach dem anderen vorführen. Und auch wenn die Tiertrainer:innen den Anschein wahren, ihren Tieren ginge es gut und sie seien so etwas wie ihre besten Freunde, ist das absolute Gegenteil der Fall.

Die Tiere können in den Aquarien zum einen nicht artgerecht gehalten werden und leiden deswegen häufig an Krankheiten. Zum anderen kaufen Zoos die Tiere bei Fischhändlern ein. Woher dabei der Delfin oder Wal stammt, interessiert herzlich wenig.

Viele der Zoo-Tiere wurden einfach illegal im Meer gefischt. Und auf einen gefangenen Delfin kommen laut der Doku eine Vielzahl an getöteten Delfinen.

Umweltorganisationen in der Kritik

Während die Qual von Zoo-Tieren vielen Leuten mittlerweile bekannt sein dürfte, erschrecken andere Fakten der Doku umso mehr. Wer glaubt, mit Verboten von Einmalplastik wie Strohhalmen könnten die Ozeane gerettet werden, täuscht sich.

Zum einen ist da die maßlose Überfischung, die ganze Korallenriffs absterben lässt. Zum anderen sind 46 Prozent des gesamten Plastikmülls in den Meeren Fischernetze, in denen sich Meerestiere verfangen und qualvoll sterben.

Denn auch, dass Fische keine Gefühle haben, ist lediglich ein Mythos. Fische sind ganz im Gegenteil emotional hochintelligente Tiere und empfinden Schmerzen.

Dass Umweltorganisationen dennoch quasi nur den Plastikverbrauch im Alltag kritisieren, hinterfragt Tabrizi in seiner Doku und stößt dabei auf sehr viel Gegenwind von Seiten der NGOs und vermeintlichen Umweltretter:innen.

Die Sache mit den nachhaltigen Labels

Um beim Fischkauf einen möglichst nachhaltigen Fisch zu kaufen, achten viele Leute auf Labels wie „Dolphin Safe“ oder das MSC-Label. Die versprechen einen Fischfang ohne Beifang wie Delfine oder Haie.

Im Laufe der Doku wird allerdings schnell klar: Niemand kann für eine beifanglose Fischerei garantieren. Der Leiter der „Dolphin Safe“-Vereinigung bestätigt im Film selbst, dass es keine Garantie dafür gibt.

Die Menschheit überfischt die Meere sowieso schon gnadenlos, jeder Beifang, der dabei unnötig ums Leben kommt, ist ein weiterer Rückschlag für die Biosphäre der Ozeane. Wer den Klimawandel stoppen will, sollte laut der Doku deshalb auch auf Fisch verzichten.

Mafia-Strukturen der Fischindustrie

Wer nach all den Erkenntnissen noch nicht genug geschockt ist, here you go: Denn nicht nur, dass das Leben der Meeresbewohner für die Unternehmen scheinbar wertlos ist, auch Menschenleben zählen in der Industrie nur wenig.

Um genügend Arbeiter:innen auf dem Boot zu haben, werden beispielsweise in Thailand Menschen auf die Boote gelockt und anschließend über Jahre zur Mitarbeit gezwungen. Wer sich wehrt wird bestraft, oder auf hoher See getötet. Einige, die entkommen konnten, sind dabei die anonymen Informationsgeber:innen in der Doku.

Einer der Interviewten antwortet auf die Frage, ob das Filmen der Fischfangschiffe gefährlich sei: „Wenn du Angst vor dem Tod hast, geh nach Hause“.

Und dann muss die Filmcrew den Interview-Dreh tatsächlich schlagartig beenden. Der Grund: Die Filmemacher wurden an die Polizei verpfiffen und die waren in dem Moment schon auf dem Weg zum Drehort.

Berechtigter Hype um „Seaspiracy“

Der Hype rund um die Doku lässt sich für mich gut nachvollziehen. Denn, nennt mich naiv, aber dieses Ausmaß an Schrecklichkeit war mir nicht bewusst, obwohl ich mich seit Jahren mit meiner Ernährung auseinandersetze.

Wer Fleischesser:innen wegen ihres Steaks auf dem Teller kritisiert, sollte mindestens genauso kritisch auf den Teller mit Meerestieren gucken. Ich für meinen Teil will weder illegale Fischereien mit Beifang noch moderne Sklaverei auf den Booten unterstützen.

Die einzige Lösung dafür: Entweder kennt ihr Leute, die euch den Fisch aus See oder Meer angeln oder ihr müsst selbst ran an die Arbeit. Denn wer Fisch aus nachhaltigen Verhältnissen essen will, kann sich nur auf seine eigenen Augen und kein Label dieser Welt verlassen.

Michael Gnahm

Michael studiert Marketingkommunikation, weil er es mit klassischen Studiengängen wie Wirtschaftswissenschaften einfach nicht so hat. In den Journalismus ist er zufällig reingestolpert und mittlerweile voll in Love. In seiner Freizeit hört er gerne musikalische Kunstwerke aus dem Bereich des deutschen Sprechgesangs. Also komm ins Café, wir müssen reden!