SpaceX: Der Börsengang, bei dem Vernunft aus der Umlaufbahn fliegt
SpaceX geht am 12. Juni an die Börse – mit 135 Dollar je Aktie und 1,75 Billionen Dollar Bewertung. Experten warnen: Kurs-Umsatz-Verhältnis von 100 ist schlicht absurd.
1,75 Billionen Dollar Bewertung, kein einziger Cent Gewinn – und trotzdem berichten Banken von beispiellosem Anlegerinteresse. Der SpaceX-Börsengang am 12. Juni ist nicht nur der potenziell größte IPO der Geschichte, er ist auch ein Lehrstück darüber, wie Hype Vernunft verdrängt. Wer jetzt einsteigt, kauft nicht einfach eine Aktie. Er kauft eine Wette auf Elon Musks gesamtes Ökosystem – das Gute wie das Schlechte.
Vier Geschäftsmodelle, zwei davon wertlos
Eine SpaceX-Aktie klingt nach Raumfahrt und Starlink. Stimmt – aber nur zur Hälfte. Im Paket enthalten sind auch xAI und die Plattform X, beide chronisch defizitär, beide noch nie profitabel. Wer den Ausgabepreis von 135 Dollar zahlt, finanziert also Musks gesamtes Verlustportfolio mit. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt laut Spiegel bei 100 – ein Wert, bei dem selbst hartgesottene Growth-Investoren schlucken.
Normalerweise gilt ein Verhältnis von zwei bis drei als ambitioniert. Ökonom Meziane Lasfer von der Bayes Business School bringt es auf den Punkt: „Es handelt sich um ein Unternehmen, das enorme Verluste macht“, sagte Lasfer laut Spiegel. Dazu kommt ein Streubesitz von unter fünf Prozent – und wer kauft, bekommt Risiko ohne echte Mitsprache: Formal existieren zwar Stimmrechte, doch Musk sichert sich über Super-Voting-Aktien rund 85 Prozent der Stimmrechte und macht den Einfluss normaler Aktionäre damit faktisch wertlos.
Indexregeln werden für SpaceX verbogen
Normalerweise müssen Neulinge an der Börse monatelang Geduld beweisen, bevor sie in Indizes aufgenommen werden – ein Schutzmechanismus für Anleger. Doch weil SpaceX, OpenAI und Anthropic gleichzeitig aufs Parkett drängen, denken Finanzmärkte offenbar über Ausnahmen nach.
Derzeit gebe es Überlegungen, SpaceX bereits nach zehn Tagen in Indizes einfließen zu lassen, so Saidi Sulilatu, Chefredakteur von „Finanztip“, gegenüber SWR. Das bedeutet: ETF-Sparer könnten schon nach wenigen Tagen unfreiwillig in SpaceX investiert sein – ohne es zu wissen.
Europa schaut zu, versteht aber wenig
Der SpaceX-IPO ist auch ein Test für europäische Kapitalmärkte. Nur 17 Prozent des Privatvermögens in EU-Haushalten stecken in Wertpapieren – in den USA sind es 43 Prozent.
Europäische Privatanleger sind beim Thema Börsengang strukturell unterversorgt: weniger Erfahrung, weniger Analysewerkzeuge, weniger Zugang. Das Deliveroo-Desaster von 2021 zeigt, wohin das führt – der Kurs brach am ersten Handelstag um bis zu 30 Prozent ein. Und das war ein Essenslieferant, kein 1,75-Billionen-Dollar-Raumfahrtkonglomerat.
Business Punk Check
SpaceX ist kein normales Unternehmen und dieser Börsengang kein normaler IPO. Wer das Gegenteil behauptet, lügt oder will etwas verkaufen. Die harte Wahrheit: Hinter dem Ausgabepreis von 135 Dollar steckt keine Fundamentalbewertung, sondern kollektive Erwartungspsychologie. Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 100 bei einem Unternehmen ohne Gewinn ist kein Wachstumssignal – es ist ein Warnsignal. Für institutionelle Investoren mit Analystenteams und Hedging-Strategien mag das kalkulierbar sein.
Privatanleger ohne diese Ressourcen spielen ein anderes Spiel. Die Indexregel-Debatte macht es noch brisanter: Wer passiv in ETFs spart, könnte bald ungewollt SpaceX-Aktionär sein. Konkrete Handlungsempfehlung: Wer aktiv einsteigen will, sollte mindestens drei Monate Kursentwicklung abwarten. Wer ETF-Sparpläne hat, sollte prüfen, welche Indizes SpaceX aufnehmen könnten – und ob das zur eigenen Risikostrategie passt. Abwarten ist hier keine Feigheit, sondern Kalkül.
Quellen: Spiegel, Swr, Voeb, Verbraucherzentrale, Mckinsey, Bankenverband, Deutsche-bank, Extraetf, Bundesbank, Private-banking-magazin