Standsome: „Wir hatten den großen Drang, nach Nordamerika zu gehen“
Das Mainzer Unternehmen Standsome gewann Ende 2018 den Hessischen Gründerpreis. Standsome verkauft nachhaltig produzierte Aufsätze für Schreibtische zum ergonomischen Arbeiten. Kurz nach dem Gründerpreis verabredeten wir uns zum ersten Interview mit Co-Founder Leonard Beck.
Nun expandiert das Startup nach Nordamerika, um ihr Produkt dort nachhaltig zu produzieren und zu verkaufen. Deshalb haben wir uns erneut mit Leonard zum Interview getroffen.
Was ist seit dem letzten Interview bei euch alles passiert?
Leonard Wir hatten das letzte Mal kurz nach dem Hessischen Gründerpreis Ende 2018 gesprochen. Damals erbrachte die anschließende Berichterstattung den endgültigen Beweis: Je mehr Leute von unseren Produkten erfahren, desto mehr wollen sie auch. Nach einem Hessenschau-Beitrag in der Primetime wurde über Nacht das Lager leer gekauft.
Davor fragten wir uns immer: Das Geschäft übers Internet läuft schon gut, aber ist es auch skalierbar? Nach der Auszeichnung wussten wir das erste Mal: Ja, ist es. Wir haben dann einfach aus eigener Kraft losgelegt und ein runderes Konzept aufgebaut.
Ein runderes Konzept?
Leonard Dass wir unseren Kund:innen nicht nur ein Produkt überlassen, sondern auch eine Welt drum herum bauen. Wir wollen dieses Lebensgefühl vom gesunden Arbeiten vermitteln. Denn Ergonomie muss nicht medizinisch und langweilig sein, sondern geht auch cool. Und wir wollen auch ein paar Tipps an die Hand geben: Wie kann ich meinen Arbeitsalltag gesünder oder besser gestalten, ohne dass es mich nervt?
So kam auch ein neues Produkt dazu, das wir vor allem auf die Nachfrage unserer Kund:innen hin entworfen und designt haben: der Standsome Free, ein freistehendes Pult. Dann kam Corona und wir haben erstmal ein ganz großes Fragezeichen gemacht, weil wir nicht wussten, was passiert. Denn etwa ein Drittel unserer Kund:innen waren Unternehmenskunden und die sind innerhalb von zwei Monaten plötzlich auf Null runtergegangen.
Das klingt dramatisch.
Leonard Wir haben nur gedacht: Scheiße, was heißt das jetzt für uns, wenn alle Unternehmen ihre Ausgaben auf Null runter streichen? Aber dadurch, dass die Leute mehr zu Hause gearbeitet haben, haben sie nach einer Lösung gesucht, wie sie auch im Homeoffice ergonomisch und flexibel arbeiten können. Die meisten haben nicht das Geld oder den Platz für einen extra Schreibtisch und erst recht nicht für einen höhenverstellbaren Schreibtisch.
Da haben wir gesehen: Die Privatkund:innen ziehen an, weil die Leute auch keinen Bock haben, auf ihre:n Arbeitgeber:in zu warten. Aktuell sehen wir, dass viele Mittelständler:innen auf das Thema aufmerksam werden und sagen: Okay, ich muss meine Mitarbeiter:innen auch im Homeoffice so ausstatten, dass die da anständig arbeiten können.
Jetzt expandiert ihr auch nach Nordamerika. Wie seid ihr da vorgegangen?
Leonard Seit Ende letzten Jahres sind wir in die Vorbereitungen gegangen und haben die beiden Kanadier gefunden, mit denen wir zusammenarbeiten. Die beiden haben wir eher zufällig gefunden. Aber wir hatten schon den großen Drang danach, nach Nordamerika zu gehen, weil wir immer wieder einzelne Bestellungen von Privatkund:innen und Unternehmenskunden aus den USA hatten.
Da haben wir gesagt: Ein paar Mal Einzelbestellungen verschiffen, können wir schon machen. Aber so richtig cool ist das nicht. Dann sind wir in die Vorbereitungen gegangen. Jetzt können wir dort bald mit kanadischem Holz starten.

Weißt du, wie die Leute in Amerika auf euch aufmerksam geworden sind?
Leonard Viele sind über Instagram, über Facebook auf uns aufmerksam geworden, auch wenn wir probiert haben, nur den deutschsprachigen Markt zu triggern. Aber unser Shop und unser Content sind auch auf Englisch verfügbar. Zudem haben wir festgestellt, dass es bei unseren Produkten oft eine Weiterempfehlung ist. Oder man sieht bei den Kolleg:innen einen Standsome stehen und wird auf uns aufmerksam. Und genauso lief es dann auch in den USA.
Diese ganze Gesundheitssache, die ihr mit eurem Standsome bespielt, ist hier in Deutschland supergroß. Wie ist das in Amerika?
Leonard Fast noch weiter. Gerade wenn es darum geht, gut qualifizierte Menschen zu finden, sind diese Benefits viel gängiger. In den USA ist es gängiger, dass man Anreize schafft, warum diese Stelle jetzt attraktiver ist als eine andere in einem vergleichbaren Unternehmen.
Da gehören inzwischen Möglichkeiten wie Remote-Work und eine passende Ausstattung dazu. Man sieht es an genügend Startups, die sich wirklich auf die moderne Ausstattung von Arbeitsplätzen fokussieren. Und man sieht am Hype um WeWork und Co., dass die flexible Nutzung von Arbeitsflächen einfach ein Thema ist, das schnell an Bedeutung gewinnt.
Wie fängt man diesen Prozess an, einen Partner in Nordamerika zu suchen? Fliegt man da auch rüber und guckt sich das alles selbst an?
Leonard Wir hatten den Sonderfall, dass wir nicht rüberfliegen konnten. Das war auch die größte Herausforderung in den letzten acht Monaten, dass wir alles mit Menschen aufziehen mussten, die wir in persona noch nie gesehen haben.
Wir haben probiert, das über viele Videocalls on top zu den inhaltlichen Calls abzudecken und mal gemeinsam per Zoom ein Bier zu trinken. Uns ging es immer darum, dass wir einen verlässlichen Partner finden, von dem wir profitieren können, so wie er von uns profitieren kann.
Inwiefern profitieren?
Leonard Wir kennen den amerikanischen Markt nicht so sehr und wir suchen halt Leute, die da Bock draufhaben, die vor Ort sind und die sich damit auseinandersetzen können. Das fängt dann auch schon mit Punkten wie einer passenden Produzentensuche an. Da ist es hilfreich, wenn jemand vor Ort gut vernetzt ist und ein Gefühl hat, wie dort die Abläufe sind.
Wir haben es so gemacht, dass wir an unser Netzwerk aus den letzten 5 beziehungsweise bei meinen Mitgründern eher 15 Jahren Unternehmertum gegangen sind und dort gestreut haben, dass es für uns von Interesse ist, jemanden aus den USA oder Kanada zu finden. Es hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir zwei Unternehmer gefunden haben, die wirklich Bock darauf haben, vor Ort diese ganze Kette abzudecken.
Wie unterscheidet sich so eine Expansion von einer Neugründung?
Leonard Wir haben viele Vorteile, weil wir natürlich die Produkte schon entworfen haben. Wir haben das Marketing-Know-how, wie wir die Produkte vertreiben können. Es ist nicht so, als würde man von Null anfangen.
Das macht es nochmal spannender, weil man in einer ganz kurzen Zeit alle Learnings der letzten fünf Jahre in einen Prozess packen kann, der viel kompakter ist. Das ganze Wissen dann auf einen Markt anwenden zu können, der viel größer ist, macht es noch aufregender.
Ihr müsst den Leuten vor Ort allerdings viel Vertrauen schenken, oder?
Leonard Uns ist wichtig, dass wir in einem regelmäßigen Austausch stehen. Die meiste Zeit war es zweimal die Woche. In den letzten Wochen eher häufiger, damit man über alle Themen spricht. Deshalb auch die Treffen on top. Da geht’s zum Großteil um Vertrauen. Das hat zum Glück gut funktioniert.
Wir haben uns auch Produkt-Samples der kanadischen Standsomes schicken lassen, damit wir einen Eindruck von der Qualität bekommen. Da es um ein haptisches Produkt geht, muss diese so hoch sein, dass wir auch als Gründer und Markeninhaber sagen können: Damit können wir dort loslegen.
Gibt es in Nordamerika genügend kleine Handwerksbetriebe?
Leonard Ja, die gibt es. Für das, was wir so vorhaben, reicht auch nicht mehr der Handwerker um die Ecke. Es sind kleine Betriebe, aber eher im Bereich 20 bis 50 Mitarbeiter:innen als im Bereich ein bis drei Mitarbeiter:innen. Wir haben dort sogar einfacher Betriebe gefunden als hier, weil in Deutschland das Misstrauen gegenüber einem Startup ein Ticken höher war. Schlussendlich haben sich zwei Produzenten herauskristallisiert, mit denen wir sehr zufrieden sind.
Wie sieht das Team vor Ort aus?
Leonard Aktuell sind es die zwei Gründer in Vollzeit und die Betriebe, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir unterstützen mit unserem 20-köpfigen Team hier in Mainz die beiden vor Ort und übernehmen auch das Marketing. Wir hoffen, dass wir im Laufe des nächsten Jahres nochmal zwei, drei Leute dort einstellen können.
Wo genau ist euer Firmensitz in Kanada?
Leonard In Montreal, im französischsprachigen Québec. Es ist auch eine Herzenssache, dass die Homepage und alle Materialien auf Französisch zur Verfügung stehen.
Ihr habt allerdings noch niemanden für das Marketing auf Französisch?
Leonard Nein, das wird von den beiden Kanadiern natürlich übertragen und noch angepasst. Die Bedürfnisse sind dort anders als hier. Für uns ist das super interessant, weil wir in den nächsten Jahren auch in Europa weiterwachsen wollen. Da ist Frankreich ein Riesenmarkt, der für uns auch sehr attraktiv ist, aber wegen der Sprachbarriere hintenangestellt wurde.