Startup & Scaling Acht Jahre. Null Kündigungen. Kein Wunder – ein System

Acht Jahre. Null Kündigungen. Kein Wunder – ein System

In der Startup-Welt gilt Fluktuation als Naturgesetz. Bei uns hat seit der Gründung niemand das Unternehmen aus eigener Entscheidung verlassen. Was dahintersteckt, hat wenig mit Wohlfühlprogrammen zu tun.

Manchen Mitarbeitern winkt man hinterher. Bei anderen reißt der Abgang ein Loch, das sich in Monaten nicht stopfen lässt – und das deutlich teurer kommt, als Recruiting-Kosten allein anzeigen. Wissen, Netzwerke, Teamdynamik: Das geht alles mit.

Flexvelop ist ein Hamburger Fintech, das 2018 gestartet ist. Wir finanzieren Equipment für kleine und mittelständische Unternehmen – Laptops, Kaffeemaschinen, Medizingeräte. Inzwischen sind wir aus der Start-up-Phase in die Grown-up-Phase hineingewachsen. Und noch immer gilt ein Satz, der uns selbst intern manchmal ungläubig macht: Kein einziger Mitarbeiter hat uns aus eigener Entscheidung verlassen.

Das bedeutet nicht, dass jede Zusammenarbeit für immer war. Auch wir haben uns getrennt, wenn die Passung auf Dauer nicht gestimmt hat – fachlich oder kulturell. Aber der Unterschied ist entscheidend: Wenn Mitarbeitende kündigen, ist das fast immer ein systemisches Signal. Wenn das Unternehmen kündigt, ist das eine notwendige strategische Entscheidung. Beides passiert. Nur eines davon lässt sich beeinflussen.

Was machen wir also konkret anders? Aus unserer Erfahrung lassen sich fünf Prinzipien ableiten, die die Mitarbeiterbindung systematisch stärken und sich auf nahezu jedes Unternehmen übertragen lassen.

Arbeit sichtbar machen – auch wenn man sie nicht anfassen kann

Fintech ist abstrakt. Es gibt kein Produkt, das man in die Hand nimmt. Kein Kunde kommt vorbei und sagt: danke, gut gemacht. Feedback kommt nur, wenn etwas schiefgeht. Ein sauberer Vertragsabschluss erfolgt automatisch, als wäre nichts passiert.

Das Flexvelop Office
Das Flexvelop Office

Das kann frustrieren. Wer keine unmittelbare Rückmeldung auf seine Arbeit bekommt, kann kaum emotionale Bindung für das entwickeln, was er tut.

Unsere Antwort darauf ist so simpel, dass man sie fast nicht ernstnehmen will: Im Büro steht ein mechanischer Zähler. Er klackert hörbar und zeigt den Betrag an, sobald ein Kunde etwas über unsere Plattform finanziert hat. Jede Transaktion – live, im Raum, während alle arbeiten. Nicht auf Folie 14 des Quartalsberichts.

Der Effekt auf das Teamgefühl ist nicht trivial. Das Team erlebt einen direkten Feedback-Loop auf seine eigene Leistung. Und das verändert, wie man sich mit dem Ergebnis identifiziert. Macht stolz und motiviert.

Ziele setzen, Wege freistellen

Ich war zwölf Jahre Offizier bei der Bundeswehr. Ein prägendes Führungskonzept aus dieser Zeit heißt Auftragstaktik – und es ist überraschend gut auf zivile Organisationen übertragbar.

Das Prinzip: Die Führung gibt das Ziel vor und setzt die Leitplanken. Wie das Ziel erreicht wird, liegt in der Verantwortung derer, die am nächsten an der Situation sind. Im Gefecht, weil zentral gesteuerte Entscheidungen zu langsam wären und nicht alle Informationen vorliegen. Im Büro aus demselben Grund.

Das Scrum-Framework, das heute in der Softwareentwicklung Standard ist, folgt exakt demselben Prinzip – nur mit anderen Begriffen. Der Sprint ist der Auftrag. Das Team entscheidet den Weg.

Wer nur ausführt, geht irgendwann. Wer Ownership trägt, bleibt. Das ist keine Philosophie – das ist Mechanik. Gerade in sensiblen Branchen wie dem Finanzsektor ist die Versuchung groß, jeden Schritt vorzugeben. Der Preis: Mittelmaß und Fluktuation.

Wachstum muss das bestehende Team einschließen

Der häufigste Kündigungsgrund in Wissensberufen ist nicht das Gehalt. Er ist: „Ich habe hier nichts mehr gelernt.“

Wachstum bindet nur, wenn das bestehende Team daran wächst – und nicht um es herum ein neues aufgebaut wird. Jede Expansion, jedes neue Produkt ist eine Chance, jemandem mehr Verantwortung zu geben, der sie verdient hat. Wer das verpasst, verliert genau die Leute, die man am wenigsten verlieren will.

Mitgestalten erzeugt Bindung, die kein Bonus replizieren kann

In der Verhaltensökonomie gibt es den IKEA-Effekt: Menschen schätzen Dinge höher, an deren Entstehung sie selbst beteiligt waren. Dasselbe gilt für Unternehmen und Prozesse.

Wer Workflows nur abarbeitet, fühlt sich ersetzbar – und verhält sich entsprechend. Wer dagegen Einfluss auf Produkt oder Abläufe nehmen darf, wer erlebt, dass eine eigene Idee tatsächlich umgesetzt wird, entwickelt emotionale Eigentumsrechte. Diese Identifikation schlägt jeden Bonus.

Wir haben deshalb vieles bewusst inhouse aufgebaut, auch wenn Outsourcing kurzfristig günstiger gewesen wäre. Was das Team selbst geschaffen hat, verteidigt es auch. Das schweißt zusammen.

Führung zeigt sich in Kleinigkeiten – nicht in Leitbildern

Ich bin in einer Sache nachweislich keine gute Führungskraft: Ich nehme mir nicht regelmäßig Zeit für Einzelgespräche. Das weiß mein Team – und es ist nicht gut. Was das Team aber auch weiß: Wenn jemand mit einem Thema zu mir kommt, lasse ich alles stehen und liegen. Ich habe kein eigenes Büro und keine eigene Tür. Ich sitze im großen Arbeitsraum, wie alle anderen auch.

Führung zeigt sich nicht in Leitbildern. Sie zeigt sich im Verhalten. Wenn ich zur Küche gehe, frage ich reihum, ob ich jemandem einen Kaffee mitbringen kann – den Praktikanten genauso wie den Senior. Das klingt banal. Aber es entstehen keine Allüren. Und weil ich es tue, tun es alle anderen automatisch auch, ohne dass ich es je eingefordert hätte.

Eine Geschichte, die das vielleicht am besten illustriert: Der Hausmeister unseres Gebäudes beschwerte sich, dass Zigarettenstummel vor der Eingangstür lagen – von unseren Leuten. Ich habe sie einfach selbst aufgehoben und weggeworfen und das Team ruhig darauf hingewiesen. Die Reaktion war eindeutig: Den Betroffenen war es so unangenehm, dass der Chef mit seinen Händen ihre Stummel aufsammelt, dass ich sicher bin – das passiert nicht wieder. Kein Aufstand, keine Rüge, keine E-Mail. Einfach machen – stumpf ist Trumpf. Das ist wirkungsvoller als jede Ansage.

Fluktuation ist eine Kennzahl. Behandelt sie wie eine.

Mitarbeiterbindung landet in den meisten Unternehmen im HR-Ordner. Das ist ein strategischer Fehler. Die Kosten pro Abgang – Recruiting, Einarbeitung, Produktivitätsverlust, abfließendes Erfahrungswissen – summieren sich in wissensintensiven Rollen schnell auf ein Jahresgehalt und mehr.

Kündigungen von Mitarbeitern entstehen selten spontan. Meist gehen ihnen klare Frühindikatoren voraus: sinkende Initiative, weniger Beteiligung, nachlassende Kommunikation. Wer diese Signale ernst nimmt, kann gegensteuern, bevor jemand den Abgang ankündigt.

Mitarbeiterbindung ist kein Feelgood-Programm. In einem Markt, in dem gut ausgebildete Menschen mehr Optionen haben als je zuvor, ist sie ein echter Wettbewerbsvorteil. Sie stabilisiert Teams, schützt Wissen, erhöht die Geschwindigkeit und senkt die Kosten. Wer sie als Führungsaufgabe begreift, muss nicht permanent Ersatz suchen. Er kann mit seinem Team wachsen.

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Dr. Hans-Christian Stockfisch

ist Gründer und CEO von Flexvelop (Hamburg). Das Fintech ermöglicht kleinen und mittelständischen Unternehmen flexible Equipment-Finanzierung – monatlich mieten, jederzeit kaufen. Zuvor war er zwölf Jahre Offizier bei der Bundeswehr.

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