Startup & Scaling Meerwasser als CO₂-Filter: Der nächste Klima-Hype kommt aus dem Ozean

Meerwasser als CO₂-Filter: Der nächste Klima-Hype kommt aus dem Ozean

Eine neue Pilotanlage filtert Kohlendioxid direkt aus dem Meerwasser – und könnte effizienter sein als herkömmliche Air-Capture-Verfahren. Doch die Technik steckt noch in den Kinderschuhen.

Das Meer ist der größte Kohlenstoffspeicher der Erde – und jetzt wird er zur CO₂-Quelle umfunktioniert. In Weymouth, Südengland, läuft seit Kurzem SeaCURE, eine Pilotanlage, die Kohlendioxid nicht aus der Luft, sondern direkt aus dem Ozean zieht.

Das Versprechen: Meerwasser enthält pro Volumeneinheit etwa 150-mal so viel gelösten Kohlenstoff wie Luft, was die Abscheidung theoretisch deutlich effizienter macht als klassisches Direct Air Capture. Die Projektpartner sehen das Verfahren als zusätzlichen Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität, wie t3n berichtet.

So funktioniert der Ozean-Filter

SeaCURE senkt gezielt den pH-Wert des Meerwassers, wodurch gelöstes CO₂ als Gas entweicht. Das System saugt das freigesetzte Gas ab und konzentriert es auf etwa 99 Prozent Reinheit, so Futurezone.

Die Anlage verarbeitet derzeit rund 3.000 Liter Meerwasser pro Minute – klingt nach viel, bringt aber nur magere 100 Tonnen CO₂-Entfernung pro Jahr. Zum Vergleich: Ein einzelner Transatlantikflug verursacht bereits mehrere Tonnen CO₂. Das System ist darauf ausgelegt, mit Strom aus erneuerbaren Quellen zu laufen; das Projekt gibt an, erneuerbare Energie für den Betrieb zu nutzen.

Konkurrenz setzt auf andere Chemie

Andere Ansätze gehen noch radikaler vor. Das Unternehmen Captura nutzt Elektrodialyse, um Meerwasser in Säure und Alkalibase zu trennen und so CO₂ herauszulösen, wie Basicthinking erklärt.

Das System braucht laut Hersteller im Wesentlichen nur Energie und Meerwasser – das entkarbonisierte Wasser kann anschließend wieder CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen. Noch einen Schritt weiter geht Heimdal CCU: Das Startup will gleich Rohstoffe für die Zement- und Glasindustrie aus Meerwasser gewinnen und dabei CO₂ binden, wie Cleanthinking berichtet. Heimdal hat seine Technologie im Labor demonstriert und arbeitet an ersten Pilotprojekten in Verbindung mit Entsalzungsanlagen.

Die Kehrseite der Medaille

Der Ozean hat bereits etwa ein Viertel der menschgemachten CO₂-Emissionen geschluckt – mit fatalen Folgen für marine Ökosysteme durch Versauerung. Genau hier liegt das Dilemma: Einerseits könnte Direct Ocean Capture diese Versauerung sogar reduzieren, wenn das entnommene CO₂ dauerhaft gespeichert wird. Andererseits ist völlig unklar, welche Nebenwirkungen großflächige Eingriffe in die Meereschemie hätten. Die Technik ist meilenweit von industrieller Reife entfernt – um in den Bereich von Megatonnen-Entnahme zu kommen, müsste eine Anlage wie SeaCURE mindestens um den Faktor 10.000 wachsen; für wirklich globale Klimarelevanz (Gigatonnen-Maßstab) wären Skalierungsfaktoren im Millionenbereich nötig.

Business Punk Check

Mal ehrlich: Eine Anlage, die bei 3.000 Litern pro Minute gerade mal 100 Tonnen CO₂ jährlich rausholt, ist noch Spielzeug. Zum Kontext: Deutschland emittiert über 600 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Technologie mag wissenschaftlich faszinierend sein – das Meer als CO₂-Reservoir ist tatsächlich effizienter als die Luft. Aber ohne massive Skalierung und Kostensenkung bleibt es Greenwashing-Material für Konferenzen.

Der realistische Blick: Fachleute erwarten, dass Direct Ocean Capture – falls technisch und wirtschaftlich gelingt – frühestens in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten in einer Nischenrolle zum Einsatz kommen könnte, etwa gekoppelt an Entsalzungsanlagen oder Industrieprozesse wie bei Heimdal. Bis dahin gilt: Emissionen vermeiden schlägt jede Filterlösung. Wer jetzt auf Ozean-Staubsauger setzt statt auf erneuerbare Energien und Effizienz, verwechselt Innovation mit Ablasshandel. Die Technik verdient Forschungsgelder – aber keine Freifahrtscheine für fossile Geschäftsmodelle.

Quellen: t3n, Cleanthinking, Futurezone, Basicthinking, Reset, Chemie, Zdfheute, Youtube, Bfn

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