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Steil nach oben: Monika Sattler und ihre Karriere auf dem Fahrrad

Steil nach oben: Monika Sattler und ihre Karriere auf dem Fahrrad
Björn Sum
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit12 Min · 2.376 Wörter

Die Berliner Karl-Marx-Allee an einem Tag im Mai. Menschen in Anzügen und eleganten Kleidern versammeln sich vor dem Kino International. 1963 eröffnet, danach jahrzehntelang das Premierenkino der DDR. In den 80er-Jahren saß hier Erich Honecker mit der versammelten Männermannschaft des Arbeiter-und-Bauern-Staats.

Was damals das Kino der Männer mit Macht war, soll an diesem Tag im Mai 2023 das Kino der Frauen mit Mut sein. Frauen, die einfach machen. Denn so ungefähr hat der Veranstalter des Abends, das deutsche Softwareunternehmen Lexware, das Eventmotto vorformuliert.

Als Personifizierung dieser Vorgabe steht Monika Sattler im Spotlight des Abends. Coach, Keynotespeakerin, Autorin. Eine Person, die die konsequente Suche nach Selbstverwirklichung in tatsächlich neue Höhen getrieben hat. Und deren Lebensgeschichte, wie sich an diesem Abend zeigen soll, als inspirierendes Beispiel für die Kraft produktiver Unzufriedenheit taugen kann. Mittlerweile ist sie Radsportprofi und zweifache Rekordhalterin. Besser: Veloprofi, wie man in ihrer Wahlheimat Schweiz sagt.

Das Kino ist daher auch ein ungewöhnlicher Ort für die Sportlerin, die sonst hoch oben in den Schweizer Bergen zu finden ist, immer mit dem Fahrrad auf der Straße. Daher gibt sie sich auch hier im Kino International sportlich. Ihre blonden Haare trägt sie zum Dutt gebunden, dazu eine grüne Stoffhose mit Schlag, schwarzes Top. Sie steht im Foyer, um sie herum vor allem Frauen. Männer sind hier heute in der Unterzahl. Es gibt Sekt und Kanapees, vor dem Kinosaal riecht es nach Popcorn.

Foto: Janina Steinmetz

Hunderte Frauen aus der jungen Wirtschaft, Influencerinnen, Gründerinnen und Sportlerinnen sind heute da, um einen Teil von Sattlers Geschichte zu sehen. Gegen 20 Uhr beginnt die Premiere von „Freigefahren“, dem Film über Sattler, den Sponsor Lexware im Rahmen einer Kampagne hat umsetzen lassen.

Moderatorin Sophie Passmann kündigt die Vorstellung an. „Die Challenge muss ich ablesen, ich habe nicht so viel mit Fahrradfahren am Hut“, sagt sie. Gelächter im Saal. Sattlers Challenge bestand darin, alle 124 Schweizer Pässe in 26 Tagen mit dem Rad zu fahren. Als erste Frau überhaupt.

Überall und nirgendwo

Der Saal ist gut gefüllt, die Zuschauerinnen greifen in Popcorntüten, trinken Aperol Spritz. „Scheitern ist für mich, wenn man aufgibt“, ist einer der ersten Sätze von Sattler im Film, und die Logik ist bestechend. Sattler ist 37 Jahre alt und blickt bereits auf ein Leben mit vielen verschiedenen Stationen auf unterschiedlichen Kontinenten zurück. Zwischendurch hat sie besagtes Scheitern immer wieder mal erlebt.

Geboren wurde sie in Darmstadt, Abitur machte sie in München. Danach stellte sich die altbekannte Frage: „Ich hatte das Problem, herauszufinden, was ich eigentlich machen will“, sagt Sattler. „50 Prozent meiner Mitschüler haben BWL studiert, das wollte ich definitiv nicht.“

Das Einzige, wofür sie gebrannt habe, sei der Sport gewesen, sagt sie. Deutschland sei allerdings für ein Sportstudium nicht infrage gekommen, ihr Ziel waren die USA. Sattler versuchte es an etlichen amerikanischen Unis, bewarb sich auf unterschiedliche Stipendien. Denn ihre Eltern hätten ihr die teuren Studiengebühren nicht bezahlt. Genommen wurde Sattler letztendlich an einer Uni in den Südstaaten – für ein Volleyballstipendium.

Doch dort wurde sie nicht richtig glücklich, sie wollte an eine Uni, die ihr mehr Möglichkeiten eröffnen könnte. Nach einem Jahr begann sie, sich neu zu bewerben. In London für Global Studies, in den USA für Internationale Sicherheit. Dann kam die Zusage von Georgetown in Washington, D.C. – einer der US-Eliteunis und wohl besten Schulen weltweit für Sicherheitspolitik.

Der Haken: Ein Jahr Studium kostet dort mal eben 70 000 Dollar. Zweimal hat sie nachgehakt und deutlich gesagt, dass sie den Betrag nicht zahlen kann. Siehe da, die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt: „Ich bekam das Stipendium.“

Sie sagt: „Das war mein erstes Learning: einfach mal fragen. Und nicht alles sofort hinnehmen.“ Sattler erinnert sich gut an ihre Studienzeit in Washington: „Das Einzige, was ich vermisst habe, war gutes Brot“, sagt sie. Immerhin schnupperte sie internationale Atmosphäre, und nach ihrem Abschluss in Sicherheitspolitik stand sie dann 2010 vor der nächsten Entscheidung: Wird es die steile Karriere bei der Weltbank oder lieber doch der Profisport?

Sattler erzählt, dass sie versucht habe, beides unter einen Hut zu bringen. Unter der Woche bei der Weltbank arbeiten, samstags und sonntags Radfahren. „Am Wochenende waren Puls und Intensität viel höher. Ich habe nur von Wochenende zu Wochenende gelebt“, sagt Sattler.

Unbound Gravel, Almanzo, Filthy 50

2011 startete sie mit dem Gravel-Fahren: Unbound Gravel, Almanzo, Filthy 50. 2012 dann ein Abstecher nach Deutschland. Bundesliga, in einem Team aus Stuttgart. „Drei Monate, um festzustellen, dass ich genau das nicht wollte“, sagt sie. Und damit meinte sie vermutlich nicht den Radsport an sich, sondern diese Art von Wettkampf, das Umfeld.

Weiter auf dem Zeitstrahl: zurück in die USA, um noch mal einen Abschluss zu machen, dieses Mal im Sport. Danach ab in die Schweiz, um dort als Unternehmensberaterin zu arbeiten. Von ihrer Corporate-Rolle hatte sie sich noch nicht endgültig trennen können. Glücklich wurde sie allerdings auch nicht. „Ich dachte, es lag vielleicht am Land“, sagt Sattler scherzhaft. Also zog sie nach Australien, arbeitete als Unternehmensberaterin. Um dort festzustellen, dass es irgendwie doch am Job lag.

Sattler erinnert sich an einen ehemaligen Kollegen aus der Schweiz, dessen Familie in Deutschland wohnte. Am Wochenende nahm er stets den Umweg über Island nach Deutschland, um seinen Status bei der Lufthansa aufrechtzuerhalten. „Ich wollte nicht Teil dieser Welt sein“, sagt Sattler. „Diese Menschen um mich herum hatten einfach ganz andere Prioritäten.“

Die Entscheidung wurde ihr dann kurzerhand abgenommen: Sattler wurde gekündigt, da die Software, auf die sie spezialisiert war, eingestellt wurde. „Plötzlich saß ich da, arbeitslos im Botanischen Garten in Melbourne“, sagt sie. Zu diesem Zeitpunkt war sie 30 Jahre alt. „Ich war down, weil ich mich gefragt habe, warum ich es nicht hinkriege, einen normalen Job zu haben und happy zu sein.“ Sie dachte nach: Glücklich machte sie das Radfahren.

„Also habe ich mein Rad und eine kleine Tasche gepackt und bin nach Spanien gezogen.“ Die Wahl fiel auf Spanien, weil sie dort ohne Probleme arbeitslos sein durfte, dauerhaft gutes Radelwetter herrschte und ihr die Kultur nicht ganz fremd war. La dulce vida dauerte ein ganzes Jahr, in dem das Cash von den Konzernjobs angezapft wurde. Und Sattler blieb produktiv-unzufrieden: „Plötzlich wollte ich Youtuber werden, dann Instagramer. Ich habe Klamotten designt und immer wieder festgestellt, dass das nicht meins ist“, sagt sie.

Also mit dem Bike im Gepäck weiter, dieses Mal nach Mallorca. Dort absolvierte sie jeden Tag rund vier Stunden Training, lief dazu noch. Und siehe da: 2018 stellte Sattler ihren ersten Rekord auf. Auf der Vuelta a España, der anspruchsvollen Spanienrundfahrt, 21 Etappen in 23 Tagen, 3 300 heiße Kilometer durch das staubtrockene Land.

Damals stand das Rennen nur Männern offen – für Sattler kein Hindernis. „Ich bin einfach früher aufgestanden und die Strecke vor den Männern gefahren“, sagt sie. Das Schwierigste an der Vuelta sei für sie nicht die Strecke an sich gewesen, sondern die Organisation davor. Akkreditieren, Stopps planen, Hotels buchen.

„Ich bin einfach früher aufgestanden und die Strecke vor den Männern gefahren.“

Monika Sattler

„Die Veranstalter wollten nicht, dass ich eine politische Kampagne daraus mache, aber sie haben mich toleriert“, sagt sie. „Die Kampagne wollte ich aber auch gar nicht. Ich glaube, wenn man als Frau einfach mal was macht, ist das schon ein Statement. Man muss es nicht immer noch verbal kommunizieren.“ Später schrieb sie dann noch ein Buch, das das Ziel hatte, Frauen zu ermutigen.

Heute coacht sie Führungskräfte. Die sollen mit ihrer Hilfe ihre beruflichen Ziele besser erreichen. Auch wenn sie sich selbst den Konzernen verweigert, sollen andere sich dort verwirklichen. Und sie spricht auf Panels. So wie jetzt im Kino International, nachdem der Abspann zu ihrem Film lief und die Lichter im Saal wieder angehen. Ohne den Druck des großen Unternehmens im Rücken zu haben. „Als Selbstständige kann ich mich konstant fordern. Manchmal bin ich auch überlastet. Aber genau das brauche ich“, sagt Sattler.

Eibrötchen und Quizfragen

Okay, also mal wieder „einfach machen“. Ein Motto, das mittlerweile natürlich zur hohlen Floskel und Parodie verkommt, dessen Verführungskraft aber trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen ist. „Was mich emotional am meisten beschäftigt hat, ist nicht das Projekt selbst, sondern die Menschen drumherum“, sagt Sattler im Film. Was insofern interessant ist, weil Radfahren in letzter Konsequenz vor allem Einzelkampf ist, sie sich aber als Teammensch sieht. „Ich möchte niemals alleine Ziele erreichen, sondern immer mit Menschen. Egal, in welchem Format“, sagt sie.

So hat sie bei der 124-Pässe-Challenge dann auch ein Team begleitet. Es hat sie unterstützt, gefordert, alle Pässe gemeinsam mit ihr bestritten. Sie Tausende Höhenmeter strampelnd, die anderen im Auto hinter ihr her. Die Wahl fiel auf die Schweiz, weil „Spanien kein gutes Land ist, um selbstständig zu sein“, sagt Sattler.

Foto: Björn Sum

Im Gespräch trägt sie ihre Haare wieder zum Dutt gebunden und ein Sportshirt. Sie lacht immer wieder. Sie sei nach ihrer Zeit in Spanien für ein Jobangebot in die Schweiz gezogen, dieses Mal im Sport, allerdings als Marketingmanagerin. „Und wieder habe ich gemerkt, das ist nichts für mich“, sagt Sattler. Das war kurz vor dem Ausbruch der Pandemie. Zwei Jahre darauf kam sie dann auf die Idee, alle Schweizer Pässe zu befahren. 1 368 Kilometer Strecke, 56 000 Höhenmeter, das alles in weniger als 30 Tagen. Einen konkreten Trainingsplan gab es nicht, aber das war nicht schlimm: „Ich fahre seit 15 Jahren. Ich weiß, was ich machen muss, um es zu schaffen.“

Wie bereits auf der Vuelta a España bestand die wesentlich größere Herausforderung in der Organisation, Logistik und dem Management des ganzen Projekts. Einmal sei Sattler kurz davor gewesen, hinzuschmeißen. Der Grund: Eine Tageszeitung hatte während der Vorbereitungen einen Artikel über sie veröffentlicht, darauf folgten Kommentare, in denen die Challenge schlechtgemacht wurde und in denen sie als Frau belächelt wurde.

„Ich habe mich gefragt, warum ich das noch machen soll, wenn eh alle negativ darüber denken“, sagt sie. Doch sowohl der Reporter ebenso wie ihr Team hätten sie dazu ermutigt weiterzumachen. „Meine Teamkollegin Julia hat gesagt: Solange wir Spaß haben, ist es doch völlig egal, was die Welt denkt.“

Sattler zog die Challenge also durch, im August 2022. 26 Tage lang stieg sie bei jedem Wetter aufs Fahrrad. Hinter ihr im Auto ihre Kollegen sowie ein ganzes Kamerateam. Die Kamera habe sie während der Challenge ausblenden können.

Alle 26 Tage folgten dann demselben Ablauf: Sieben Uhr aufstehen, acht Uhr losfahren. Ungefähr 2 000 Höhenmeter und vier bis sechs Stunden Fahrt absolvieren. Nur nach oben. „Da war nichts mit rollen lassen“, sagt Sattler. Dann ins Auto zum nächsten Pass, wieder aufs Fahrrad. Gegessen wurde unterwegs: Brötchen mit Ei, Avocado, Käse. Abends die Vorbereitung auf den nächsten Tag, strenge Bettzeit 22 Uhr.

Interessant die Strategien, die sie zum Durchhalten entwickelt hat. So hat sie sich jeden Tag erneut auf etwas anderes gefreut. Manchmal war es das Eibrötchen, manchmal gute Musik. Manchmal Quizfragen, die ihre Teamkollegen ihr zur Ablenkung stellten. Oder aber auf Menschen, die auf dem Rad dazukamen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiteten, weil sie über Social Media auf sie aufmerksam geworden waren.

Und fast nie lief alles wie geplant ab: „Es gab viele Überraschungen. Volksfeste, Baustellen, das Wetter. Manchmal mussten wir die Pässe sogar suchen“, sagt Sattler. Hier und da gab es erwartbarerweise einen Platten. Aber: „Alles Peanuts im Vergleich zur Vorbereitung.“

Am Ende ging es gar nicht um die Geschwindigkeit, sondern um das Absolvieren: „Genug essen und alles langsam angehen“, sagt Sattler. Wer über 100 Pässe vor sich hat, muss auf Hunger, Durst und Erschöpfung hören. Schöne, direkt in den Alltag übertragbare Lektion: „Man tendiert ja manchmal dazu, Probleme aufzuschieben, dabei muss man sie hier sofort lösen.“ Und das hat für sie funktioniert.

„Man tendiert ja manchmal dazu, Probleme aufzuschieben, dabei muss man sie hier sofort lösen.“

Monika Sattler

Denn nach 26 Tagen konnte sie die Zielgerade erreichen und damit ihren zweiten Weltrekord hinlegen. „Wenn man aus der Komfortzone geht, dann lebt man sein Leben“, sagt sie zusammenfassend am Ende des Films – und verpasst den Anwesenden im Kino den Tritt in den Hintern, für den sie freiwillig gekommen sind.

Sattler hat sich immer wieder selber den Weg aus dieser mittlerweile so totbeklagten Komfortzone gesucht. Wer die lukrative Karriere bei der Weltbank oder bei IBM für Lenker, Schaltung und Bremse aufgibt, macht es sich nicht ganz einfach. „Ich bin kein Fan von dem Wort Karriere. Das klingt nach Geld, Status und Aufsteigen“, sagt Sattler. Stattdessen legt sie Wert auf andere Perks: „Man sollte einen Job finden, in dem man seine Kreativität und sein Potenzial entfalten kann.“

Sattler ist sich dabei bewusst, dass sie Privilegien nutzt, die nicht allen Menschen zustehen, und ihre Geschichte tatsächlich ihre ist. Sie versucht sich an einer größeren Einordnung: „Geld ist schon wichtig, aber das sollte nicht der Treiber sein.“ Sie hat in erster Linie an ihrem Vorhaben wachsen und einen Transfer zu anderen Lebensbereichen herstellen wollen. „Vor allem in Bezug auf Führung und wie man mit anderen Menschen umgeht“, sagt sie.

Nach den vielen Versuchen, irgendwo in vorgegebenen Strukturen unterzukommen, hat Sattler mittlerweile die Konsequenz gezogen und ist nun ihre eigene Chefin – als Coach. „Mir sagt keiner, was ich zu tun oder zu lassen habe.“ Derzeit will sie ein Team um sich herum aufbauen. Mut, Mindset, große Ziele – als Verkaufsargument dient die eigene Geschichte.

Am Abend der Filmpremiere hat sie Hunderte Frauen um sich geschart. Sattlers Persönlichkeit zieht viele in ihren Bann. Gerade auch, weil sie einfach nicht stillhalten kann: „Die nächste Challenge wird auf jeden Fall kommen“, sagt Sattler. „Das liegt in meiner Natur.“

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 03/23. Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Danach. Wie geht es nach einem Fuck-Up oder Wendepunkt im Leben weiter? Außerdem haben wir mit Nationaltorhüterin Merle Frohms gesprochen und die Seriengründerin Marina Zubrod erzählt alles über ihre Hassliebe zum Unternehmertum. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

Portrait Katharina Boecker

Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.