The Platformers: Warum Tech-Giganten im KI-Zeitalter überleben und regieren
Während Start-ups um Aufmerksamkeit kämpfen, bauen SAP, Google, Microsoft & Co. ihre Marktmacht durch KI-Integration in bestehende Plattformen massiv aus. Eine Analyse, warum die etablierten Tech-Riesen die wahren Gewinner der KI-Revolution werden.
Von wegen KI killt alles. Angelehnt an die Transformers, nur dass diese hier keine Maschinen werden – sie steuern sie. Während Investoren und Twitter-Visionäre das baldige Ende klassischer Software beschwören – „KI ersetzt alles, was sich nicht wehrt“ – schleicht sich eine andere, womöglich deutlich realistischere Wahrheit durch die Tech-Landschaft: Die mächtigsten Gewinner der KI-Revolution sitzen längst bereit. SAP, Alphabet (Google), Microsoft, Oracle und Salesforce – nennen wir sie „The Platformers“ – sind nicht nur noch da, sie bauen gerade ihre zweite Dominanzwelle. Und das auf einem Fundament, das kaum ein Start-up nachbauen kann: Daten, Plattformen, Vertrauen – und eine sehr reale Infrastrukturhoheit.
Wer sind „The Platformers“ – und wer könnte dazugehören?
Im engeren Sinne verstehen wir unter „The Platformers“ die fünf Software-Schwergewichte: SAP, Alphabet (Google), Microsoft, Oracle und Salesforce. Sie stehen für maximale Plattformtiefe, Cloud-Infrastruktur, Datenhoheit und Integrationstiefe im Unternehmensalltag.
Doch der Kreis könnte sich erweitern: ServiceNow entwickelt sich mit seiner Now-Plattform und intelligenten Workflow-Automatisierungen zum möglicherweise sechsten Platformer. Ebenfalls im erweiterten Kandidatenkreis: Adobe (dank dominanter Position im Content- und Marketing-Tech-Stack), Workday (Spezialist für HR- und Finanzplattformen), Apple (wenn es seine KI-Offensive plattformstrategisch öffnet) und Meta, das durch Open-Source-Modelle wie LLaMA eine strategisch relevante Rolle in der KI-Infrastruktur spielt.
Nicht alle sind klassische Enterprise-Software-Anbieter. Doch je nachdem, wie sich die KI-Plattform-Ökonomie entwickelt, könnte der Begriff „The Platformers“ in wenigen Jahren für einen erweiterten Kreis von Unternehmen stehen, die für KI-Zugänge, Datenkontrolle und Automatisierung zentrale Schnittstellen stellen.
Daten regieren, und The Platformers sitzen auf dem Thron
Alle sprechen von KI – aber ohne Daten ist jede KI dumm. Wer hat die meisten, besten und sensibelsten Unternehmensdaten der Welt? Richtig: The Platformers. Ob SAPs ERP-Systeme, Oracles Datenbanken oder Salesforce’ CRM-Plattform – hier liegen die operativen Nervensysteme der Wirtschaft. Alphabet und Microsoft liefern dazu die Cloud-Power und eigene KI-Modelle. Start-ups müssen oft auf die Infrastruktur der Großen zurückgreifen – und zahlen dabei doppelt: Mit Geld und Abhängigkeit.
Diese strukturellen Vorteile werden durch das derzeitige Marktverhalten untermauert. SAP hat mit seiner Business-AI-Initiative die Cloud-Umsätze deutlich gesteigert, während Oracle sich über eine KI-befeuerte Nachfrage nach seiner Infrastruktur freuen darf. OpenAI trainiert neuerdings auf Oracle-Cloud, Microsoft kontrolliert über Azure und Copilot einen großen Teil der Produktivitäts-KI, und Salesforce integriert generative KI direkt in seine Suite.
Laut Gartner werden bis 2026 rund 80 % aller Unternehmenssoftwares KI-Funktionen integriert haben, ein Sprung von unter 1 % im Jahr 2023. Klingt gut für alle – doch in der Realität heißt das vor allem: KI wird Commodity. Wenn die Großen „einfach mitliefern“, wer braucht dann noch kleine Punktlösungen?
KI-Agenten: Die nächste Software-Revolution – und The Platformers liefern sie mit
Die nächste Evolutionsstufe der KI sind autonome Agenten: digitale Assistenten, die Aufgaben nicht nur begleiten, sondern eigenständig übernehmen – von Buchhaltung über HR bis zur rechtlichen Prüfung. PwC beschreibt diese Agenten bereits als „kommende Co-Worker der Betriebswelt“, die Prozesse um bis zu 60 % beschleunigen und ganze Tätigkeitsbereiche übernehmen könnten.
Und wo laufen diese Agenten? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf isolierten Start-up-Tools, sondern direkt auf den Plattformen von The Platformers. Microsofts Copilot, SAPs Joule, Salesforces Einstein – allesamt erste Schritte in Richtung intelligenter Agenten-Ökosysteme. Warum zehn verschiedene Spezialagenten verwalten, wenn ein Plattformanbieter ein vollintegriertes System mitliefert?
Diese Agenten könnten das Software-Paradigma komplett verändern. Statt Dutzender Einzelanwendungen mit manueller Bedienung steuert ein zentraler KI-Agent Workflows autonom. Anwendungen werden zu passiven Infrastrukturen. Und wer liefert diese? Genau: The Platformers. Denn sie bieten Daten, Nutzerzugang und Integration aus einer Hand.
SaaS-Start-ups: Von Held zu Helfer?
Was bedeutet das für die Start-up-Welt? Das klassische SaaS-Modell steht unter Druck. Wer eine einzelne KI-Funktion anbietet, die Microsoft, Google oder Oracle bald mitrollt, spielt ein gefährliches Spiel. Die Kunden wollen weniger Tools, nicht mehr – Stichwort Subscription-Fatigue. Dazu kommen steigende API-Kosten (etwa für GPT-Zugriffe), die kleine Anbieter zusätzlich belasten.
Die Differenzierung wird schwerer. Wer sich als Add-on im Plattform-Ökosystem positioniert (z. B. als Salesforce-Plugin), kann profitieren – aber unabhängig? Das wird hart. Die Margen schrumpfen, der strategische Wert ebenfalls.
Viele dieser Start-ups bauen zudem auf Infrastrukturen, die ihnen nicht gehören: AWS, Azure oder Google Cloud. Das bedeutet: Ihre Rechenkosten wachsen mit ihrem Erfolg – während die Plattformanbieter durch Cross-Selling, Pakete und eigene Nutzung ihrer Plattformen in einem günstigen Kreislauf bleiben.
Aber: Es gibt Schlupflöcher – noch
Das heißt nicht, dass alles vorbei ist. Wer spezialisierte Lösungen in regulierten, sensiblen Märkten (z. B. Medizin, Recht, Industrie) anbietet, kann The Platformers ein Schnippchen schlagen – zumindest temporär. Und: Open-Source-Modelle und neue Hardware (wie lokale LLMs) könnten langfristig wieder mehr Freiheit bringen.
Zudem vertrauen viele Unternehmen nicht blind den Big Playern. Datenschutz, Lock-in-Strategien, Souveränität – das alles kann clevere Start-ups nutzen, um sich als vertrauenswürdige Alternative zu positionieren. Kooperation statt Konfrontation lautet hier das Mantra: Als spezialisierter Partner oder Integrierer könnte man in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
Die KI-Welt wird größer, aber auch ungleicher
The Platformers haben das Rüstzeug, um im KI-Zeitalter nicht nur zu bestehen, sondern zu dominieren: Datenzugang, Cloud-Infrastruktur, Plattformmacht und Kundenvertrauen. Die These vom großen SaaS-Ende mag überspitzt sein – aber sie weist auf reale Verschiebungen hin.
Für Start-ups bedeutet das: Wer mit dem Strom schwimmt, sich spezialisiert, integriert oder auf eigene Kernkompetenz in Nischen setzt, kann überleben – und sogar wachsen. Wer aber gegen die Plattformmächte antritt, ohne klaren technologischen oder datentechnischen Vorteil, wird es schwer haben.
Die KI-Wirtschaft wird größer, aber auch steiler. Wer früh erkennt, wie sich die Macht verlagert, hat eine Chance. Der Rest? Muss hoffen, dass die Plattformgiganten wenigstens faire Spielregeln schreiben. Oder sich eine Lücke suchen, bevor der Stack sich schließt.
Quellen: Gartner.com, pwc, Bloomberg, Oracle, Goldman Sachs