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Tiffany Pham ist Mogulin mit Mission und baut an ihrem eigenen Medienimperium

Tiffany Pham ist Mogulin mit Mission und baut an ihrem eigenen Medienimperium
Audrey Froggatt Photography Juli Szaller Hurme, Namisha Bahl, Tiffany Pham, Bethany Heinrich & Natasha Birnbaum (v.l.)
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.580 Wörter

Mit 27 war Tiffany Pham im Vorstand eines TV-Senders. Heute vernetzt sie auf onmogul.com junge, ehrgeizige Frauen. Und baut an ihrem eigenen Medienimperium.

Man sagt, die besten Erfindungen lösen ganz konkrete Probleme. Idealerweise die Probleme der Erfinder selbst. Tiffany Pham zum Beispiel hatte vor rund zwei Jahren ein sehr, sehr konkretes Problem: Hunderte E-Mails von jungen Frauen in ihrem Posteingang. Ehrgeizige Frauen, die von ihr wissen wollten, wie man Karriere macht. Wie man Kontakte knüpft, ein Netzwerk aufbaut, ein höheres Gehalt einfordert und sich nicht abwimmeln lässt.

Dass diese vielen jungen Frauen damals gerade Pham mit ihren Karrierefragen behelligten, überrascht nicht. Die New Yorkerin war zwar erst 27, aber bereits Absolventin der Harvard Business School, hatte Jobs bei Universal Pictures, der BBC und HBO hinter sich, war Director of Business Development, Strategic Initiatives and Partnerships bei CBS, einem der größten Rundfunk- und Fernsehnetzwerke der USA. Sie ist prämierte Filmemacherin, Autorin eines BWL-Sachbuchs, ausgezeichnete Branchenhoffnung der „30 under 30“ von „Forbes“, Gründerin eines Drehbuchwettbewerbs in Peking, wurde vom „Business Insider“ zu den „30 Most Important Women under 30 in Tech“ gezählt. Für „Forbes“ schrieb Pham außerdem eine Porträtserie mit dem Titel „How She Did It“, in der sie die Erfolgsgeschichten von Unternehmerinnen, Designerinnen und Journalistinnen nachzeichnete. Kurzum: ein Lebenslauf wie aus mehreren zusammengecopypastet. Nur wie sollte sie ihr auf diesem steilen Weg angehäuftes Wissen sinnvoll weitergeben?

„Am Anfang habe ich wirklich jede Mail einzeln beantwortet“, sagt Pham heute und schüttelt lachend den Kopf. „Es waren immer dieselben Fragen, also habe ich jedes Mal wieder meine Liste mit hilfreichen Quellen, wichtigen Artikeln und Tipps geschickt. Dann hatte ich den Gedanken: Wie wäre es, wenn ich eine Plattform für all diesen jungen, ehrgeizigen Frauen schaffen würde, auf der wir uns alle austauschen könnten?“

Audrey Froggatt Photography
Tiffany Pham


Torte statt Kuchen

Pham überlegte, wie diese Plattform aussehen könnte. Ein Blog? Nicht groß genug für Phams ambitionierte Pläne. Reddit? Toll, aber ein reiner Bro-Spielplatz. Wikipedia? Dito, fast 91 Prozent männliche Autoren. Natürlich hätte Pham versuchen können, diese Männerdomänen zu knacken. Aber sie wollte kein Stück vom Kuchen. Sondern ihre eigene Torte.

Ohne Plan oder Ahnung von Programmierung, Design und Technik, aber auch frei von Angst, machte Pham sich an die Arbeit. Nachdem sie tagsüber ihren Hauptjob bei CBS hinter sich gebracht und am Abend ihre Aufgaben bei der Filmproduktion erledigt hatte, setzte sie sich nachts um drei an ihren Küchentisch, brachte sich selbst die Programmiersprache Ruby on Rails bei, nutzte allerlei mäßig programmierte Plug-ins und Funktionen, die sie im Netz fand, und designte die Plattform, die ihr gefehlt hatte, einfach selbst: Mogul.

Nach einigen Wochen stand eine erste Version, schlicht, aber funktionsfähig: Beiträge schreiben, Up-vote, Downvote, Kontakt. Ein, zwei Jahre würde es wohl dauern, bis aus dem rudimentären Netzwerk für Frauen so etwas wie ein richtiger Job werden würde, hatte Pham geschätzt. Dann ging Mogul ins Netz. Schon in der ersten Woche erreichte die Site über eine Million Nutzer. Jenseits aller Erwartungen, aber auch viel zu viel, totaler Irrsinn. All die Frauen, die ihr geschrieben hatten, wollten Teil von Mogul werden. Sie teilten die Inhalte der Seite wie verrückt. Mehrmals brach Onmogul.com unter dem Ansturm zusammen, während Pham von Fragen der Nutzer, der Presse und interessierter Autorinnen aus aller Welt überrollt wurde.

„Das war die größte Herausforderung: die Infrastruktur schnell genug zu skalieren, damit wir das irrsinnige Wachstum überhaupt in den Griff kriegen konnten“, sagt Pham. „Ich hatte ehrlich gedacht, dass ich alleine das Mogul-Team sein und die Seite von meinem Schlafzimmer in New York aus betreiben würde.“ Dieser Plan war schon mal aufs Schönste gescheitert. Pham brauchte ein Team. Schnell. Und das war ein Problem.

Man muss dazu wissen, dass Tiffany Pham immer eine Einzelkämpferin gewesen ist. Mit elf kam sie mit ihren Eltern und ihrer Großmutter aus Vietnam nach Texas, ohne ein Wort Englisch zu beherrschen. Das brachte sie sich mithilfe der TV-Serie „Friends“ selbst bei, stürzte sich ins amerikanische Schulsystem und hatte wenige Jahre später Zulassungen zu den besten Colleges des Landes im Briefkasten. Und fast die ganze Zeit trug sie diesen Plan mit sich herum: die Medienlandschaft zu demokratisieren.

„Ich hatte die Idee für so etwas wie Mogul schon mit 14 Jahren“, sagt Pham. „Das kommt von meiner Oma.“ Phams Großmutter, die eben starb, als Pham 14 war, hatte in Vietnam und quer durch Südostasien für antikommunistische Zeitungen gearbeitet. „Ich denke noch heute jeden Tag an sie“, sagt Pham. „Ihre Mission fortzuführen ist mein Ziel.“ Mogul ist ihr bislang wichtigster Schritt auf diesem Weg. Einem Weg voller Steine. „Wenn ich etwas gelernt habe, dann nach vorne zu stolpern“, sagt Pham. Einfach mal zu machen und dann zu schauen, was man verbessern muss. „Fail forward ist für mich ein Mantra geworden.“

 

Recruiting unter Freunden

Fünf Monate, nachdem sie mit der Arbeit begonnen hatte, stellte Pham ihre erste Mitarbeiterin ein. Heute beschäftigt sie 20 Programmierer und Designer in Vollzeit, darunter frühere Kollegen, Freunde und ihren Bruder David, der nun Chief Product Officer und Chief Technical Officer ist. Auch sonst ist das Recruiting von Mogul eher ungewöhnlich. Head of Operations der Site ist Juli Szaller Hurme, eine junge Ungarin, die Pham auf Mogul selbst aufgetan hat. „Sie war eine unserer hartnäckigsten Poweruserinnen. Sie hat jede Stunde etwas hochgeladen. Dann haben wir uns getroffen, ich habe gemerkt, wie sehr ihr das Projekt am Herzen liegt, und sie als Beraterin angeheuert.“

Das Team

Mit einer wilden Mischung aus Reddit, Frauenzeitschrift und femininem Medium.com wird Mogul heute von 18 Millionen Frauen zwischen 18 und 34 aus 196 Ländern pro Woche gelesen. „Eine der ersten Mails überhaupt kam aus Pakistan“, erinnert sich Pham. „Da schrieb mir ein Mädchen, dass alle um sie herum nur ans Heiraten dachten und wie sie von Mogul inspiriert war, mehr zu sein als das. Da wusste ich: Ich bin auf dem richtigen Weg.“

Überhaupt geht es Pham viel um Wege, um Vernetzung und um Wissen. Was sie geschaffen hat, ist auf eine Art vergleichbar mit frühen Weltkarten: Erst waren es Abenteurer, die in unbekannte Gefilde aufbrachen. Aber sie brachten Wissen um Wege und Orientierungspunkte für die anderen mit. Genau das soll Mogul sein: eine Sammlung von Wissen, wie man als Frau Karriere macht.

Wie schon bei Phams früheren Jobs trudelten nach kurzer Zeit Preise und Auszeichnungen ein: Die Site gewann den Cadillac IVY Innovator Award 2014, wurde 2015 vom Magazin „Entrepreneur“ als eines der „Top NYC Startups to Watch“ und vom Magazin „Inc.“ als eine der „Best Websites for Finding Top Talent“ ausgezeichnet. Anerkennung ist schön, aber noch lange kein Geschäftsmodell. Also tat Pham, was sie am besten kann: Sie kramte in ihrem prall gefüllten Kontakte-Ordner, konnte erst Topmanager von AOL, der BBC und MTV für ihr Advisory Board gewinnen und traf dann vor allem weibliche Manager von Google, Dreamworks und Amazon, denen sie Klicks gegen Bares versprach. „Am Anfang waren das wirklich kleine Deals, mal 2 000 Dollar hier oder da“, sagt Pham. Durch den gewaltigen Erfolg bei den Nutzerinnen stiegen bald die Budgets. 10 000 Dollar, dann 50 000 Dollar pro Deal. Was Mogul weiter fehlte: eine verlässliche Geldquelle jenseits der Mediendeals. Und eine Idee, wie man mehr sein könnte als eine Art Onlinemagazin für ehrgeizige Frauen. Pham überlegte, was junge Frauen mit Ambitionen brauchen. Ihre Antwort: Mentorinnen. Sie stöberte erneut in ihren Kontakten.

Mit Mogul At Work etablierte sie eine Art Premiummitgliedschaft, bei der die Nutzerinnen sich für 29 Dollar im Monat mit beruflichen und auch privaten Fragen an Expertinnen wenden können, die den Weg durch die Berge und Täler des Erfolgs schon gegangen sind. Außerdem entwickelte Mogul zehn kostenpflichtige Onlinekurse, einen für jeden Aspekt des Lebens der Nutzerinnen, von Karriere, Bildung, Entrepreneurship und Grundwissen des Ingenieurwesens bis hin zu Beziehungen, Schönheit und Reisen.

Bei allem Lifestyle und aller Lässigkeit ist es Pham ernst mit ihrer im Kern feministischen Mission. Nur 15 Prozent der Mitglieder von Vorständen und Beiräten seien Frauen, sagt sie. „Mogul will junge Frauen, noch bevor sie wirklich mit ihrer Karriere beginnen, ermuntern, für sich selbst einzustehen, sich zu vernetzen und zu pushen.“ Pham hat es ausgerechnet: Wenn sich nichts ändert, dauert es noch bis 2085, bis Frauen 50 Prozent der Führungspositionen in den USA einnehmen. Deutlich zu lange.

Die „Queen of Millennials“, wie der Silicon-Valley-Investor Guy Kawasaki Tiffany Pham einmal nannte, hat viel größere Ziele, als bloß junge, kluge Amerikanerinnen zu vernetzen. Für Frauen aus Indien, Pakistan, Kenia, Myanmar und Ägypten ist Mogul at Work kostenlos. In Kooperation mit den Vereinten Nationen hat sie über eine Million Gratis-Onlinekurse für Mädchen in Entwicklungsländern angeboten. „In der Welt gibt es über 62 Millionen Mädchen, die keinen Zugang zu Bildung haben. Diese Mädchen wollen wir letztlich erreichen“, sagt Pham.

Wären ihre Eltern vor 18 Jahren nicht nach Texas gezogen, wäre Pham heute selbst eines dieser Mädchen ohne Bildung. Wie gesagt: Die besten Erfindungen lösen idealerweise die Probleme ihrer Erfinder.

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 05/2016 der Business Punk. Titelgeschichte: Wie Siri-Erfinder Dag Kittlaus mit dem Sprachassistenten “Viv“ neue Standards setzen will. Außerdem unser Dossier AI, Ryanair-CEO Michael O’Leary und viele weitere Beiträge. Mehr Infos hier

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.