Toxischer Mix für Unternehmen treibt Pleiten in schwindelerregende Höhen
Schon wieder eine Hiobsbotschaft aus der Wirtschaft: Die Insolvenzen nehmen zu, es werden dieses Jahr wohl 22.200 Fälle, eine Zunahme von 25 Prozent – damit rechnet zumindest die Kreditversicherung der Münchener Allianz. Und muss bereits jetzt die eigenen Septemberschätzungen nach oben korrigieren: Es wird auch 2025 nicht besser, sondern schlimmer.
In den Zahlen, die der Kreditversicherung der Münchener Allianz jetzt ausgerechnet hat, sind die Privatinsolvenzen von Verbrauchern nicht enthalten. Dabei zeigt sich an diesen Fällen oft die Kaskadeneigenschaft von flächendeckend zunehmenden Firmenpleiten. Denn mit jeder dieser Insolvenzen gehen jenseits der nackten Zahlen Arbeitsplätze verloren, Privathaushalte haben weniger zum Leben, verlieren womöglich ihr Eigenheim. Insgesamt geht die Wirtschaftsleistung zurück und es verschwinden Vermögenswerte. Wenn mit einer Pleite ein wichtiges Unternehmen aus dem Markt ausscheidet, werden Konkurrenten womöglich ihre Preise erhöhen, die Inflation nimmt zu
Woher kommt diese erschreckende Entwicklung? Die Kreditversicherer wie Allianz Trade, so der Name der Sparte, die wegen der drohenden Ausfälle schon im eigenen Interesse genaue Analysen erstellt, sieht derzeit „einen toxischen Mix” aus Problemen. An erster Stelle steht für Milo Bogaerts, Chef von Allianz Trade im deutschsprachigen Raum, das generelle Umfeld: „Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche in Europa, insbesondere in Deutschland, macht den hiesigen Unternehmen zu schaffen“. Dazu kommen Probleme mit neuen Finanzierungen, zum Beispiel für den Export von Produkten. Denn viele Risiken sind gewachsen, weil es auch in Exportstaaten eine schlechtere Zahlungsmoral und eine stagnierende Wirtschaft gibt, etwa in China. Weltweit gesehen erwartet die Allianz eine Zunahme der Pleiten um elf Prozent.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht für das abgelaufene Quartal den schlimmsten Zeitraum seit vierzehn Jahren. Auch nur gegenüber dem Zeitraum vor der Corona-Pandemie (2016 bis 2019) zeigt sich ein drastischer Anstieg. Dabei handelt es sich laut Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, um „Nachholeffekte”. Denn: Während der Pandemie mit ihren Auswirkungen wurden zahlreiche Firmen vom Staat vor der Pleite gerettet. Ein Pyrrhussieg: Viele der damals gestützten Unternehmen geraten nun wieder in Schwierigkeiten. „Ein prominentes Beispiel im September ist die Eröffnung des Insolvenzverfahrens von FTI Touristik. Das Unternehmen war während der Pandemie mit staatlichen Hilfen in Höhe von fast 600 Millionen Euro vorläufig vor der Insolvenz gerettet worden”, so die Wirtschaftsforscher. Vorläufig. Jetzt also kam die Stunde der Wahrheit.
Man erinnert sich: Im Juni 2020 hatte die damalige Große Koalition ein „Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket“ sowie ein „Zukunftspaket“ in einem Volumen von insgesamt 170 Mrd. Euro geschnürt, „das die Corona-Folgen bekämpfen, den Wohlstand sichern und die Zukunftsfähigkeit stärken sollte”. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) sah darin rund 43 Prozent an Mitteln enthalten, die als pure Subventionen zu werten sind – und damit teils marktverzerrende Eingriffe. Jetzt zeigen die steigenden Zahlen an Insolvenzen, was diese Subventionen tatsächlich bewirkt haben: allenfalls einen Zeitgewinn.
Ob Sekt in Dosen (Rich AG), Dosen ohne was (Tupperware), ob Internetpionier und nun Digitalisierungs-Pleitier Marco Börries (“Enfore”, schon gepriesen als zweites SAP), die erwähnte FTI Touristik, der Buchhändler Weltbild oder Modekonzern Esprit – eine kleine Auswahl der Pleiten des vergangenen Sommers. Fast folgerichtig meldete AmScan Insolvenz an, der weltgrößte Hersteller von Deko- und Party-Artikeln. Die Party fällt aus.
Neben den faktischen Auslösern sollte man die Psychologie der Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren: Bekanntlich ruht ein großer Prozentsatz der Entscheidungen von Firmen und Verbrauchern auf deren Erwartungen für die Zukunft. Seien es Investitionen, seien es größere private Anschaffungen, und damit die allgemeine Nachfrage in der Volkswirtschaft. Da macht der aktuelle Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts München keine Hoffnung. Er fiel im September auf 85,4 Zähler – noch vor wenigen Jahren bewegte sich dieses Wirtschaftsbarometer um die 100 Punkte, zuletzt 2021.
Naheliegend ist natürlich die Frage nach dem oder dem Schuldigen, die aber so einfach nicht zu beantworten ist. Häufig machte Firmen die Weltwirtschaft einen Strich durch die Rechnung. Auf dieser Rechnung hatten viele mittelständische Exporteure zum Beispiel nicht die Entwicklung in China. Stagnation und Sparen sind dort ebenso neue Phänomene wie die inzwischen großen eigenen Möglichkeiten, importierte Güter durch eigene Produkte zu ersetzen. Da China sich generell nicht in die Karten blicken lässt, gleicht die Planung deutscher Exporteure manchmal einem Vabanquespiel.
Stahlkrise auf Chinesisch, und dennoch keine gute Nachricht für den kriselnden Konzern Thyssenkrupp: Die Agentur Bloomberg Intelligence sieht derzeit bei drei Viertel der chinesischen Stahlhersteller akute Insolvenzgefahr. Der Stahl wird einstweilen zu Dumpingpreisen exportiert, da kann der EU-gewünschte „Grüne Stahl” mit seinen hohen Produktionskosten niemals konkurrieren, nicht einmal mit Schutzzöllen, und trotz der hohen Subventionen durch die Steuerzahler. Wirtschaftsminister Robert Habeck forderte zusätzlich im September bereits staatliche Auftragsgarantien für europäische Hersteller. Derlei Staatseingriffe – bezahlt vom Steuerzahler – werden in der Wirtschaft und den meisten Forschungsinstituten sehr kritisch gesehen, und damit ist womöglich ein weiterer Schuldiger ausgemacht: die Bundesregierung.
Beispiele gibt es zuhauf, dass Vater Staat, wenn er sich gütig zeigt, wenig Gerechtigkeit walten lässt und oft ebenso wenig Erfolg hat. Die Corona-Nachwehen der künstlich am Leben erhaltenen Firmen, die keineswegs immer nur wegen der Pandemiefolgen in Schwierigkeiten gerieten, sondern ihren Untergang auch so schon vor Augen hatten, sind aktuell das schlagendste Beispiel. Andere Unternehmungen, die derzeit noch Schlagzeilen machen, beinhalten etwa die Meyer-Werft (Papenberg), die mit teurer Staatsbeteiligung durch den Bund und das Land Niedersachsen und Übernahme der 90-Prozent-Mehrheit bis 2027 vorläufig gerettet scheint. Der Bundeskanzler, der die Werft als „industrielles Kronjuwel” bezeichnete, wusste allerdings nicht mitzuteilen, warum man unbedingt eine Werft betreiben muss, die sich 40 Kilometer vom nächsten Meer entfernt befindet, und warum die etlichen anderen Werften, die schließen mussten, wie die Elsflether Werft und die Lloyd-Werft Bremerhaven, nicht eben soviel staatliche Aufmerksamkeit erhielten – fragt sich zum Beispiel das Fachmagazin “Float”.
Philipp Immenkötter, Analyst am Flossbach von Storch Research Institute, stellte kürzlich in einer Recherche fest, dass die Bundesregierung offensichtlich überhaupt nicht überblicke, wie viele Subventionen insgesamt fließen, und wer am Ende der eigentliche Nutznießer und Empfänger ist. Zu viele Töpfe, zu viele Baustellen, und dann noch Definitionsfragen: Was ist eine Subvention, was nicht? Immenkötters Fazit in der „Wirtschaftswoche”: „Der Blindflug in der deutschen Förderpolitik führt dazu, dass die Wettbewerbsverzerrung zunimmt, Unternehmen in Abhängigkeit des Staats geraten und mit hoher Verhandlungsmacht weitere staatliche Gelder fordern. Der wirtschaftlich notwendige Innovations- und Anpassungsdruck verpufft und die Krise wird verlängert statt beendet”.
Kurzfristige Lösungen sind nicht in Sicht. Mitbestandsvertreter fordern mehr Zurückhaltung des Staates, und Abbau von Subventionen, aber die Tendenz geht in die andere Richtung. Das Wirtschaftsministerium setzt auf mehr und bessere Planung und will vor allem Klima- und Umweltaspekte fördern und belohnen, ein teures Unterfangen. Die rasche Erholung der Weltwirtschaft ist kaum zu erwarten; dass die Stimmung sich verbessert, verhindern auch Kriege und Krisen weltweit. Zahlreiche deutsche Unternehmen tauchen in den Schlagzeilen auf, wenn sie zur Selbsthilfe schreiten: Ob BASF, ob ZF Friedrichshafen, sie bauen abertausende Arbeitsplätze im Inland ab und suchen ihr Heil im außereuropäischen Ausland.
Längerfristig gesehen könnte aus den gegenwärtigen Krisen die Chance entstehen, dass durch Bereinigung des Marktes diejenigen gestärkt werden, die ein tragfähiges Unternehmenskonzept, und, so Allianz Trade, eine solide Finanzierungsbasis haben. Da es im deutschen Mittelstand nicht selten ist, dass man völlig von Eigenmitteln lebt und keinerlei Kredite in den Büchern hat, braucht es hier eigentlich nur, wie traditionell ja ein Pluspunkt Deutschlands, innovative Lösungen. Vorzugsweise ohne staatliche Produktionsaufsicht.