Vedra macht CBD-Gleitgel, aber in cool und ohne Piña Colada-Duft
In einer Altbauwohnung in Berlin-Mitte stapeln sich Umzugskartons, daneben Kisten mit Vibratoren, Flakons mit Gleitgel, kleine Umschläge mit Zugangsdaten und Karten, auf die Fritz Meise und seine Mitarbeiterin Elena Flir persönlich „Danke“ geschrieben haben. In der Mitte des Raums steht ein Tisch, der aus zwei Holzböcken und einer Holzplatte besteht. Darauf reihen sich weitere Kisten, die im ersten Schritt zusammengesteckt wurden. Hier werden nun alle Produkte eingepackt.Die Sextoys, das Kärtchen und das Gleitgel, die in den Kartons landen, sind für die erste Kooperation gedacht, die Meises Gleitgel-Startup Vedra zusammen mit dem Sextoy-Hersteller Fun Factory und Cheex, einem Startup für sexpositive Audio- und Videoangebote, in diesen Tagen auf den Markt bringt. Damit die Produkte nicht lose im Karton herumfliegen, kommt Holzwolle als Füllmaterial in die Kisten. „Nicht zu viel, sodass sich der Karton biegt. Aber auch nicht zu wenig“, erklärt Meise und schüttelt ein fertig gepacktes Set. „So, dass man nichts hört.“
Normalerweise arbeitet Meise, 25 Jahre alt, in der Factory in Kreuzberg, einem 14 000 Quadratmeter großen Startup-Coworking-Space mit separaten Räumen, in denen Meetings und Vorträge gehalten werden, kleine Telefonboxen, in denen man in Ruhe sprechen kann, und Gemeinschaftsräume, in denen lange Tische stehen. An einem davon tippen ungefähr 20 Personen konzentriert auf ihren MacBooks. Meise greift seinen Laptop, holt sich eine Club Mate aus dem Kühlschrank – er scherzt, dass er dem Startup-Klischee nun komplett entsprechen würde – und geht in den Innenhof. Er hat sich für das Gespräch Notizen gemacht, klappt den Laptop auf und spickt zu Beginn immer wieder, um auch nichts zu vergessen. Meise versucht, alles richtig zu formulieren, spricht sehr deutlich und gewählt.
Meise widmet sich mit Vedra einem noch nicht mit Markenpower besetzten Markt: Gleitgel. Während man bei Kondomen mittlerweile einige Marken kennt, haben wohl die wenigsten eine Antwort auf die Frage nach Gleitgel. Und genau hier sieht er eine Chance. Der gebürtige Bremer hat vor Kurzem sein erstes Produkt auf den Markt gebracht: ein CBD-Gleitgel. „CBD wirkt vor allem auf den Schleimhäuten, also vaginal und anal“, sagt Meise. Das kann die Blutzirkulation anregen, wodurch die Nervenenden stimuliert werden. „Das Gefühl kann intensiver werden – also auch die Orgasmen.“ Meises Gleitgel soll also besonders empfindsam machen. Und dieses erste Produkt ist für ihn nicht das eigentliche Ziel seines Startups. Sondern Mittel zum Zweck.
Mit Vedra will Meise das Thema Sexual Wellbeing in Deutschland groß machen – und dazu gehört eben auch, dass man Produkte, die man beim Sex verwendet, nicht mehr versteckt. Das beginnt bei Vedra schon mit der Verpackung und dem Gefäß selbst: Meises Gleitgel „The Essential“ kommt daher in einem Glasflakon, der in einer Manufaktur in Italien gefertigt wird und eher an ein Parfüm als an herkömmliches Gleitgel erinnert. Bloß nicht diese wenig stilvollen Plastikflaschen! Das CBD-Gleitgel selber kommt aus den Niederlanden, die Verpackung aus Deutschland.
Meise denkt der Mission entsprechend von Anfang an eine Nummer größer: „Wir wollen auf keinen Fall als CBD-Brand gesehen werden. Unsere Ausrichtung ist Sexual Wellbeing, das wollen wir mit unseren künftigen Produkten noch verstärken“, sagt er. Welche Produkte das sein sollen, will Fritz Meise allerdings derzeit noch nicht verraten.
Der Gründer sieht sich selbst als Early Adopter. Zwar hat sich dank Beate Uhse in den 60er-Jahren und Amorelie in der jüngeren Vergangenheit viel getan, doch fehlt offensichtlich weiterhin eine flächendeckende gesellschaftliche Offenheit für das Thema sexuelles Wohlbefinden. Vieles rund um Sex ist auch heute noch mit Scham und Tabus behaftet. Anders in den USA, wo Sexual Wellbeing längst in der Öffentlichkeit angekommen ist.
Marktforschung in Drogerie
Kurz: Beim Sexual Wellbeing geht es darum, sich mit der eigenen Sexualität und dem eigenen Körper zu beschäftigen und wohlzufühlen. Und es geht um Selbstwahrnehmung, darum, das zu tun, womit man sich selbst wohlfühlt, und herauszufinden, wie man Sex abseits der Porno- und Erotikindustrie für sich neu definieren kann – abseits von Normen und Klischees. Meise ist bewusst, dass es erst die Aufklärung und Enttabuisierung durch die Erotikindustrie gebraucht hat, um Sexual Wellbeing etablieren zu können.
In den letzten Jahren hat der Gründer seine ursprünglichen Karrierepläne verworfen. Nach einem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens, also Business-Administration und Management kombiniert mit Maschinenbau, hat er ein Praktikum in Schanghai bei einer Unternehmensberatung gemacht und war anschließend für ein Austauschprogramm im Silicon Valley. Ursprünglich wollte er Anfang letzten Jahres nach San Francisco ziehen, um sich dort einen Job zu suchen und zu arbeiten. „Während meiner Zeit in Amerika habe ich die hohe Akzeptanz für Sexual Wellbeing und CBD erkannt“, sagt Meise. Und eben die perfekte Verbindung, die diese beiden Megatrends miteinander eingehen.
Dann kam Corona, und ein neuer Plan musste her. Anstatt weiter Berufserfahrung zu sammeln, hat Meise kurzerhand selbst gegründet. „Ich wusste immer, dass ich langfristig selbstständig arbeiten möchte. Und das war der perfekte Moment“, sagt Meise. Dass es Gleitgel sein musste, war ihm dabei „irgendwie klar: Gleitgel ist für mich ein Sinnbild von Sexual Wellbeing, weil es ein Produkt ist, das extremen Mehrwert bietet. Es ist dafür da, um sich wohler zu fühlen. In Deutschland erhält es nicht die Wertschätzung und Aufmerksamkeit, die es verdient.“
Im Sommer letzten Jahres zog er nach Berlin, und aus seiner Idee wurde ein Business – und auf die Recherche folgte die Marktforschung.
Im Grunde genommen habe er damit begonnen, erst mal in die Drogerie zu gehen und zu checken, welche Gleitgele es bereits gibt. „Da ist aber alles knallbunt“, sagt er. Weiter ging es mit einer großen, anonymen Umfrage zum Sexual-, aber auch Konsumverhalten. „Uns wurde dann bewusst, dass über die Hälfte der Befragten nicht wussten, von welcher Marke ihr Gleitgel ist. Ich dachte mir: Es kann doch nicht sein, das ist eines der intimsten Produkte, die man verwendet. Wieso kann man sich dann nicht damit identifizieren?“
Bei der Umfrage ging es aber nicht nur um bestehende Produkte, sondern um die tatsächlichen Pain-Points damit. „Wir haben mehrere Hundert Teilnehmer:innen befragt. Diese hatten oft ein Problem damit, wie Gleitgel in Deutschland aussieht und zusammengesetzt ist. Viele sagten, dass es klebt, nach Piña Colada oder Kirsche riecht und immer in Plastikflaschen verpackt ist. Es ist auch nie schön“, sagt er. Daher die Entscheidung für die Glasflasche. Das Gleitgel selbst ist auf Wasserbasis, klebt im Gegensatz zu anderen nicht und riecht nach Nadelholz.
Die Gespräche mit potenziellen Kund:innen seien vor allem wichtig gewesen, um zuzuhören und die Bedürfnisse der Menschen zu kennen, sagt Meise. Das sei ihm wichtig: dass er als Mann vor allem zuhört. Nicht nur bei der Marktforschung, sondern generell. Er legt viel Wert auf das Feedback, das bislang durchweg positiv ausgefallen sei. Entsprechend selbstkritisch spricht er auch über Männlichkeit: „Für mich steckt beides in einem, Männlichkeit als auch Weiblichkeit. Und man kann nur so männlich sein, wie man auch die weibliche Seite zulässt“, sagt Meise.
Die Idee zum Namen kam Meise während eines Urlaubs auf Ibiza. „Es Vedrà ist ein Felsen, zu dem die Menschen gehen, um in den Moment und zu sich selbst zu kommen“, sagt Meise. „Es ist ein sehr spiritueller Ort, sehr kraftvoll und frei.“ Der Sage nach soll an diesem Ort auch die Göttin der Fruchtbarkeit geboren worden sein, es gebe dort also jede Menge weibliche und sexuelle Energie. Kraftvoll und frei: Meise schwebten diese Begriffe gleich auch als Versprechen seiner Marke vor.
Echte Sex-Aristokratie
Finanziert wird das Startup derzeit vor allem durch Bootstrapping, aber auch durch Friends- und Family-Investments, wie er es nennt. „Damit sind wir sehr sparsam umgegangen. Wir wollten erst mal reichlich Feedback sammeln und Break-even mit dem Startkapital sein, was wir geschafft haben. Jetzt kann man skalieren“, sagt er.
Dass ihm bei all dem seine Herkunft in die Karten spielt, ist Meise bewusst. Seine Mutter Christine Meise, sagt er, habe in den 90er-Jahren in Bremen den ersten Erotikshop für Frauen gegründet. Das wiederum inspirierte seine Eltern dazu, zusammen das Sextoy-Unternehmen Fun Factory zu gründen, welches sein Vater Dirk Bauer nach wie vor führt. Das Thema Sexualität sei innerhalb seiner Familie also schon immer offen und aus unternehmerischer Sicht besprochen worden, sagt Meise – er habe nie ein Aufklärungsgespräch gebraucht: „Ich bin früher schon mit meiner Schwester mit unseren Kinderrollern durch die Fabrik gefahren.“
Dass er nicht ins Familienunternehmen einsteigt, sondern sein eigenes Ding macht, sei für seine Familie immer in Ordnung gewesen. „Dennoch hilft es mir natürlich ungemein, dass ich diesen Background habe. Gleichzeitig will ich natürlich eine gewisse Distanz wahren“, sagt Meise.
Eine Kooperation mit der familiär verbündeten Fun Factory und Cheex ist für Meise und Vedra bereits der zweite größere Schritt seit der Gründung. Der erste war das Kampagnen-Shooting. Meise wollte nämlich nicht nur einen eleganten Flakon, sondern auch eine Kampagne, die professionell auftritt.
Dazu wird an einem Samstag in einem Fotostudio in Kreuzberg geshootet. Morgens werden Models fotografiert, am Nachmittag Still-Life-Fotos. Fast das ganze Team ist mit am Set. Eliza Lawrence als Creative Director und Elena Flir als Marketingpraktikantin, die alles für Social Media festhält. Nur Martin Skoba, der Head of Visual Branding, konnte an dem Tag nicht dabei sein. Außerdem sind eine Fotografin, ein Videograf und eine Set-Designerin dabei. Im Nebenraum warten der Besitzer und die Besitzerin des Studios mit ihren Kindern.
Die Stimmung ist ruhig, trotzdem angespannt. Es gibt kaum Anweisungen, höchstens behutsame Änderungsvorschläge: „Sollen wir die Vase lieber auf die andere Seite des Nachttischs stellen?“, fragt Meise einmal. Mehr nicht. Sobald fotografiert wird, halten alle die Luft an. Nach ein paar Sekunden kommt die nächste Szene, dann wird die Vase noch mal neben den Nachttisch gestellt oder der Gleitgelflakon noch mal poliert. „Ich bin die Fingerabdruck-Polizei, habe also heute die ganze Zeit darauf geachtet, dass nirgendwo Abdrücke sind“, sagt Meise. Ansonsten hält er sich eher im Hintergrund. Im Vorfeld habe er das Moodboard erstellt und seine Vorstellungen geteilt. Am Set steht Meise am Rand und teilt eines seiner Learnings: „Man muss lernen, Verantwortung abzugeben. Vor allem, wenn alle fest definierte Aufgaben haben, kann ich nicht reinreden.“ Tatsächlich steht er ganz ruhig da und spricht kaum ein Wort.
Bis 17 Uhr war das Shooting geplant, es ist auf die Minute genau vorbei. Meise freut sich über den eingehaltenen Zeitplan, er ist jetzt sichtlich erleichtert. Er gibt Highfives, umarmt die anderen und scheint zufrieden zu sein. Requisiten werden weggeräumt, Fotolichter und Leinwände abgebaut, das Gleitgel wandert zurück in die Verpackung. Meise greift sich den Staubsauger und macht abschließend alles sauber, bevor er einen Teil der Utensilien zum Auto trägt. Mag die Revolution des deutschen Sexual-Wellbeing-Marktes überfällig sein – wenn man Meise an diesem Samstag bei den unternehmerischen Graswurzel-Tätigkeiten zusieht, merkt man, dass sie offenbar noch ganz, ganz weit am Anfang steht.
Trotzdem: Nach Beate Uhse, die den Erotikmarkt in den 60er-Jahren geprägt hat, und der Ära der bunten Sextoys von Fun Factory könnte es wieder Zeit sein für eine neue Phase: Fritz Meises Phase.

Es ist wieder soweit: Unsere neue Ausgabe ist da. 172 druckfrische Seiten mit einer Menge Storys und Persönlichkeiten zum Dossier-Thema „Green“. Außerdem: Wie ein Podcaster eine eigene Pasta-Sorte schafft, wie ein Gründer:innen-Netzwerk in Südafrika Artenschutz vorantreibt und wie David Brunier die am schnellsten wachsende Kaffeekette der Welt baut. Ab zum Kiosk oder zum Aboshop.