let's techle it

Versteckte Botschaften: Dieses Startup erweckt Oberflächen mit Augmented Reality zum Leben

Versteckte Botschaften: Dieses Startup erweckt Oberflächen mit Augmented Reality  zum Leben
Getbaff
Erschienen
Lesezeit9 Min · 1.854 Wörter

Obwohl Augmented Reality schon weit ist, ist sie noch immer nicht alltäglich. Das Düsseldorfer Startup Getbaff will mit einer denkbar einfachen App die nächste Stufe der Verbreitung zünden.

Im Januar 2018 stehen Hendrik Gottschalk und Jan Owiesniak vor dem Legoland Discovery Center in Berlin. Ein Ort, an dem sich vor der Pandemie täglich unzählige Kinder und Tourist:innen tummelten, um Fotos mit einer gigantischen Lego-Giraffe zu machen. Am Center selbst hängen drei Werbeplakate von Lego. Zwei davon haben Gottschalk und Owiesniak mit ihrer Augmented-Reality-App Getbaff zum Leben erweckt. Die App ist zu diesem Zeitpunkt noch ein Prototyp, die Plakate sind ein Experiment.

Gottschalk und Owiesniak drücken Passant:innen ihr Smartphone in die Hand und bitten sie, es auf die Plakate zu halten. Zwei Sekunden, und ein Youtube-Video über Lego wird abgespielt. Als seien die Plakate zum Leben erweckt worden. Die Reaktionen der Passant:innen: Erstaunen! Freude! Verwirrung! Wie funktioniert diese Technik, bitte schön? Was unterscheidet die beiden Plakate vom dritten?, wird gefragt.

„Die Reaktionen haben uns das erste Mal gezeigt, dass es eine Begeisterung für Augmented Reality gibt“, sagt Gottschalk. Es war dieser magische Moment, in dem sein Co-Gründer Owiesniak und er verstanden, welch ein großes Potenzial in der Augmented Reality steckt. Und dass sie in diesen Markt unbedingt einsteigen mussten.

Die beiden Gründer Hendrik Gottschalk und Jan Owiesniak (r.) © getbaff

Ursprünglich waren Owiesniak und Gottschalk nämlich mit einer ganz anderen Businessidee gestartet. 2017 gründeten sie neben ihren Dayjobs als Programmierer und Grundschullehrer ein erstes Unternehmen namens Club 5000, eine Art Lifestyle- und Businessclub für Großstädter. Doch es brauchte nur ein kurzes Video und ein paar erstaunte Gesichter an einem Wintertag, um diese Idee wieder zu verwerfen. Und zwar komplett.

Kurz vor ihrem Experiment am Legoland Discovery Center fand Owiesniak durch Zufall ein kurzes Video, in dem ein Sticker mit einem Fußballspieler wie von Zauberhand zu sprechen begann. Es war eine App, die den Sticker mit einem Youtube-Video verknüpft hatte und den Fußballspieler so erlebbar machte. Gottschalk und sein Team waren verblüfft von der Technologie. Als sie dann wenige Wochen später in Berlin standen und ihre eigene Betaversion auf Zustimmung stieß, entschieden sie sich, in den damals neuen und boomenden Markt einzusteigen.

Die erste Hürde: Zunächst einmal mussten die beiden herausfinden, was Augmented Reality genau ist und wie sie funktioniert. Und dazu muss man erst einmal klären, was Virtual Reality genau ist. Eine 360-Grad-Technik nämlich, die das menschliche Auge Dinge wahrnehmen lässt, die eigentlich gar nicht existieren. Mischt man die virtuelle Realität mit der physischen Wirklichkeit, spricht man von Mixed Reality – oder auch von Augmented Reality.

Gottschalk erklärt es so: „Virtual Reality erschafft eine vollkommen neue, computergenerierte Welt, in die man mit einem Headset eintauchen kann. Augmented Reality hingegen erweitert die echte Welt durch computergenerierte Elemente, indem die Umgebung durch die Smartphone-Kamera aufgenommen und in Echtzeit mit digitalen Objekten angereichert wird.“ Also: durch Videos, Bilder, Texte und dreidimensionale Animationen.

Mehr als Monsterjagen

Die wohl bekannteste Augmented-Reality-Anwendung dürfte immer noch „Pokémon Go“ sein, der Gaming-Hit aus dem Jahr 2016. Durch das Smartphone-Game wurde AR erstmals öffentlich wahrgenommen. Seitdem ist die gemixte Realität bei den großen Techplayern schwer in Mode. Facebook, Apple und Google haben bereits Milliarden in verschiedene AR-Anwendungen investiert. Denn Augmented Reality könnte eine der relevantesten Technologien der Zukunft werden.

Mittlerweile wird AR über das virtuelle Monsterjagen hinaus in unterschiedlichen Branchen eingesetzt. In der Kunst, für Flugsimulationen, in der Architektur oder zur Navigation. Die Technik ist weit, es gibt jedoch einen Haken: Wir Menschen sind es noch nicht. Seit dem Hype um „Pokémon Go“ gab es keine AR-Anwendung, die im Alltag so präsent war und annähernd so viele Menschen mitgerissen hat. Genau das aber wollen Gottschalk und Owiesniak mit Getbaff ändern.

Nach der Aktion mit den Plakaten 2018 in Berlin beschließen sie also, das Projekt anzugehen. Während Owiesniak aus der Softwareentwicklung kommt und dem Thema damit nicht ganz fremd ist, gibt Gottschalk seinen Job als Grundschullehrer auf. Owiesniaks Aufgabe: die Idee der Augmented-Reality-App technisch umsetzen. Gottschalk ist für die Vision verantwortlich. Heute ist er Chief Executive Officer eines 15-köpfigen Teams, Owiesniak der Chief Technology Officer.

Wenn man die Funktionsweise beschreiben will, dann geht es um die Entwicklung von einer einfachen zu einer erlebbaren Oberfläche. Soll ein Bild erlebbar gemacht werden, wird die Datei auf die Plattform von Getbaff geladen. Die Bilderkennung analysiert die Datei und setzt sogenannte Trackingpoints. Das System verknüpft dann mit genau dieser Datei ein bestimmtes Video, das ebenfalls hochgeladen wurde. Wenn die App das Bild anhand der Trackingpoints erkennt, wird innerhalb weniger Sekunden das zugehörige Video abgespielt.

Die Besonderheit: Dafür muss die Oberfläche nicht mal mit einem QR-Code oder einem Chip versehen werden. Man braucht allein die App. Bloß einen Hinweis auf die integrierte Videobotschaft muss es trotzdem geben. Magazine können dies leicht handhaben, indem sie zum Beispiel auf der entsprechenden Seite ein Icon zeigen (wie zum Beispiel auch in dieser Ausgabe von Business Punk).

Schon im September 2018 brachten Gottschalk und Owiesniak eine erste Version von Getbaff auf den Markt. Die ersten Projekte bestanden darin, Speisekarten und Magazine erlebbar machen. 2019 konnte Getbaff dann Vodafone als ersten großen Partner gewinnen, es folgten Edeka und Stabilo.

Im Dezember 2019 stand im Rahmen des Förderprogramms German Accelerator eine Reise ins Silicon Valley auf dem Programm. „Das war eine Bombenzeit für uns“, sagt Gottschalk. Denn: Durch das gewonnene Netzwerk konnte Getbaff wenig später die erste Investitionsrunde in Deutschland abschließen. Mittlerweile sitzt das Team am Rathausufer in Düsseldorf und kann weiter große Player als Partner:innen gewinnen.

Auch die Technik entwickelt sich: Heute erkennt die Software nicht nur glatte, sondern auch zylinderartige und konische Oberflächen. Gottschalk und Owiesniak schaffen so eine außergewöhnliche Experience für die Verbraucher:innen. An ganz unterschiedlichen Stellen: auf der Straße, im Restaurant, im Supermarkt oder zu Hause. „Es soll an jeder Stelle im Alltag einen Mehrwert geben“, sagt Gottschalk.

Die Milchtüte, die spricht

Dafür hat Getbaff Ende letzten Jahres eine erste Kooperation mit Tetra Pak gestartet. Die Idee: analoge Verpackungen im Supermarkt erlebbar machen. „Bei Verpackungen gibt es ein großes Platzproblem. Die vorgeschriebenen Informationen, Inhaltsstoffe und das Logo der jeweiligen Marke nehmen viel Platz ein“, sagt Gottschalk. Zum Beispiel die Milchtüte: Auf dem Karton finden sich Inhaltsstoffe, Nährwerte, Kalorien und Infos zur Herstellungsfirma. Doch woher kommt die Milch? Wie schafft sie es von der Kuh auf der Weide in den Supermarkt? Gerade in Zeiten, in denen Transparenz und Nachhaltigkeit immer wichtiger werden, relevante Fragen!

Getbaff könnte über AR den Verbraucher:innen die Hintergründe zum jeweiligen Produkt liefern. Und es gibt auch einen Mehrwert für die Produzent:innen: „Wie oft hat man einen Milchkarton in der Hand?“, fragt Gottschalk sich. „Vom ersten Kontakt im Kühlregal bis zur Entsorgung extrem oft. Wenn die Kund:innen wissen, dass sie nur ihr Handy auf den Karton halten müssen und so weitere Infos zum Produkt bekommen, ist die Chance sehr hoch, dass sie das immer wieder machen werden.“

Für Unternehmen würde das bedeuten: Durch die Lösung von Getbaff könnte die Zeit der Konsument:innen mit dem Produkt wachsen. Auch die Qualität der Beratung. Auf der Kärntnermilch in Österreich funktioniert Getbaffs Technologie schon, weitere Produkte sind in Planung.

Das Beispiel des Milchkartons zeigt auch: Getbaff will seine Technologie so nah wie möglich an die Konsument:innen bringen. Dafür konnte das Düsseldorfer Startup mittlerweile weitere Partner:innen gewinnen, etwa die Deutsche Post. Seit einigen Wochen macht Getbaff verschiedene Werbeanzeigen für den Briefkasten erlebbar und erreicht so wöchentlich rund 20 Millionen Haushalte. Insgesamt konnten Gottschalk und sein Team bisher rund 60 Kund:innen gewinnen, auch den Fastfood-Riesen Burger King.

„Heutzutage geht es um Emotionen.“

Doch, natürlich: Das Düsseldorfer Startup hat es im AR-Markt nicht leicht. Schließlich arbeiten seit dem Hype um „Pokémon Go“ die größten Techplayer der Welt an ihren AR-Anwendungen. Gottschalk bezeichnet Getbaff dennoch als „einzigartig“. Aus zwei Gründen: Zum einen hat das Startup erfolgreich ein B2C-Modell auf den Markt gebracht, etwa mit Hochzeitseinladungen mit Getbaff-Effekt. Auf einer Homepage können die Kund:innen ihre Einladung, die sie erlebbar machen wollen, und das dazugehörige Video hochladen. Innerhalb von 48 Stunden erhält man die Einladung zurück und kann sie an seine Gäste rausschicken.

„Heutzutage geht es um Emotionen. Mit unserer Lösung schaffen wir es, Emotionen in unseren Kund:innen zu wecken“, sagt Gottschalk. Den B2C-Bereich sieht er als Chance, sich von den anderen Augmented-Reality-Anbietern im Markt abzuheben.

Das zweite Alleinstellungsmerkmal, das Gottschalk sieht: das Software Development Kit, kurz SDK. Das heißt, dass größere Player, die eigene Apps haben, künftig auch auf Getbaff zurückgreifen können. Getbaffs erster Kunde mit dem SDK war etwa der neu ausgerichtete Wettbewerb zur Miss Germany, bei dem es um Women Empowerment geht. Nach Miss Germany folgte vor Kurzem der zweite große Kunde: die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd. „Die meisten Unternehmen machen es mit der eigenen App und versuchen, den Traffic auf diese App zu lenken. Aber das wird sich mittelfristig nicht durchsetzen, wenn man die Technologie nicht auf die breite Masse verteilt. Das schafft nur ein Marktplayer mit mehreren Millionen Nutzer:innen“, sagt Gottschalk.

Die Ziele von Gottschalk und Owiesniak sind ambitioniert: „Unser Ziel ist es, bis 2022 50 Kund:innen für das Software Development Kit zu gewinnen.“ Außerdem will das Düsseldorfer Startup den B2C-Bereich ausbauen. Und wie sieht es nach 2022 aus? „Der langfristige Step ist es natürlich, nicht nur in Deutschland auf dem Markt zu sein, sondern überhaupt in Europa und auch in Amerika“, sagt Gottschalk.

Was aber fesselt den ehemaligen Grundschullehrer genau an Augmented Reality, wenn die Verbreitung der App von etablierten Playern mit Reichweite abhängt? „Es wird immer Leute geben, die etwas haptisch in ihren Händen halten wollen. Durch Augmented Reality wird dieses Halten jedoch erst zum Erlebnis“, sagt Gottschalk.

Gottschalk sieht in Augmented-Reality-Produkten einen Milliardenmarkt, ist sich jedoch der Herausforderung bewusst: „Die Technologie ist heute schon total weit, aber die Kund:innen auf der Straße sind noch längst nicht. Diese Lücke müssen wir schließen.“ Deshalb hat sich das Startup vorgenommen, den Kund:innen zu zeigen, dass „Getbaff ein Erlebnis im Alltag schafft, vor dem man nicht die Augen verschließen sollte“. Gottschalk ist optimistisch: „Für mich fühlt sich Augmented Reality etwas an wie bei ,Terminator‘. In naher Zukunft werden wir alle eine Linse im Auge haben, die uns mehr Informationen liefert.“

Dieser Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. 148 druckfrische Seiten mit sieben Storys zum Dossier-Thema „Einfach Machen“. Außerdem: Lucid greift Tesla und Elon Musk an, der DJ Solomun grüßt mit seinem neuen Album vom Strand, Livebuy will mit Shopping-Video-Partys Deutschland in die E-Commerce-Gegenwart holen und Bochum entdeckt die Freude am Neuen und Digitalen. Und natürlich noch vieles mehr! Also ab zum Kiosk oder zum Aboshop.

Portrait Katharina Boecker

Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.