Vom Chef zur Chefin: Wie Frauen die gläserne Decke in Fintechs durchbrechen
Gastbeitrag von Annett Polaszewski-Plath (Mollie), Nicole Defren (Klarna) und Hella Fuhrmann (Adyen).
Endlich kommt Bewegung in die Führungsetagen hierzulande: Der Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten in der deutschen Privatwirtschaft steigt. Innerhalb der 200 umsatzstärksten Unternehmen außerhalb des Finanzsektors lag der Frauenanteil Ende 2023 bei 18 Prozent und hat sich damit in den letzten zehn Jahren verdoppelt, so das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW). In den 40 größten börsennotierten Unternehmen lag der Anteil der Vorständinnen immerhin bei 23 Prozent. Auch der Frauenanteil in Spitzengremien im Finanzsektor entwickelt sich positiv: In Banken finden sich mittlerweile knapp 17 Prozent Frauen in den Vorständen. Bei Versicherungen sind es 18 Prozent.
Ist das genug? Noch lange nicht.
Das sind zunächst einmal gute Nachrichten. Doch es bleibt Luft nach oben. Denn auch wenn der Anteil an Frauen in Führungspositionen steigt, sind sie im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen noch immer deutlich unterrepräsentiert – auch in der eigentlich innovativen FinTech-Branche. Der Gründerinnen-Anteil lag laut Bundesverband Deutsche Startups 2021 mit knapp sieben Prozent bei FinTechs deutlich niedriger als bei Startups allgemein. Echter Fortschritt sieht anders aus.
Und doch gibt es Frauen, die ihren Weg in die Führungsetagen von Fintechs bereits gemacht haben: Nicole Defren von Klarna, Hella Fuhrmann von Adyen und Annett Polaszewski-Plath von Mollie sind mittlerweile Deutschlandchefinnen von international erfolgreichen Fintechs. Doch wie haben sie es denn an die Spitze geschafft? Und was muss sich ändern, damit sich mehr Frauen trauen, um gerade im Finanzsektor ein höheres Maß an Gleichstellung und mehr weibliche Perspektiven zu erzielen?
Wolf of Wall Street vs. kollegiales Miteinander
„Die Finanzbranche muss aufhören, ein ‘Wolves of Wall Street’-Image zu vermitteln und transparent zeigen, welchen positiven Beitrag sie für die Gesellschaft leistet.” (Nicole Defren, Head of Germany bei Klarna)
Eine komplizierte Sprache, fast nur männliche (weiße) Vertreter in Anzügen und das Profitstreben der Banken, das auf dem Rücken der Verbraucher*innen ausgetragen wurde, haben ein „Wolf of Wall Street”-Image geprägt, das sich immer noch hält.
Eine Studie der Universität Mannheim unter knapp 1.200 Student*innen aus dem Jahr 2018 zeigt, dass viele Frauen einen Job in der Finanzbranche nicht mit ihren Moralvorstellungen vereinbaren können. Neben dem schlechten Image schreckt Frauen vor allem die Arbeitsatmosphäre ab, die als wenig kollegial und von Rivalität geprägt empfunden wird. Jetzt mag der ein oder die andere denken: selbst Schuld. In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich aber kein Unternehmen erlauben, die Hälfte der Bevölkerung außer Acht zu lassen.
Was muss sich ändern?
„Wenn die Finanzindustrie künftig mehr Frauen erreichen will, muss sie ihre Kommunikation anpassen”, appelliert Nicole Defren von Klarna. Als Deutschlandchefin von Klarna verantwortet sie die Weiterentwicklung und Ausrichtung des deutschen Geschäfts und der lokalen Strategie. „Gerade die Frauen, die sich in die Höhle des Wolfs wagen, dürfen nicht links liegen gelassen werden. Vielmehr muss die Branche Frauen auf Augenhöhe begegnen und zeigen, wo sie einen positiven Beitrag zu Gesellschaft und Wirtschaft leistet. Außerdem muss transparent und für jede*n verständlich das eigene Geschäftsmodell und Produkt erklärt werden. Nur so können positive Identifikationsmöglichkeiten geschaffen werden.”
„Unsere Branche muss offener für Quereinsteiger*innen werden und aktiv Talente aus anderen Branchen anwerben.”
(Hella Fuhrmann, Country Managerin DACH bei Adyen)
Gleich und gleich gesellt sich gern. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen der Weg nach oben oft versperrt bleibt, weil Thomas lieber Michael einstellt und Andreas befördert. Dazu kommt: Wer nicht von der Pike auf in der Finanzbranche aktiv war, hat häufig kaum eine Chance. Denn Quereinsteiger*innen sind noch immer eine Seltenheit.
Quereinstieg – ein Ding der (Un)-Möglichkeit?
Hella Fuhrmann hat genau das aber geschafft: Nachdem sie jahrelang in der Hotelbranche gearbeitet hatte, hat sie 2016 ihren Weg in die Fintech-Branche gefunden. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in London. Denn anders als in Deutschland war der Karrierewechsel in England einfacher, weil Unternehmen oftmals offener für Talente außerhalb des Fintech-Bereiches sind. Auch für solche, die eine andere Ausbildung haben.
„In vielen Fintechs ist der Pool an Frauen einfach kleiner. Dementsprechend bildet sich das dann auch auf der Leadership-Ebene ab. Um dies zu ändern, müssen die Unternehmen offener für Quereinsteiger*innen werden”, rät Fuhrmann. Aus ihrer Sicht braucht es mehr motivierende Faktoren, um den Karriereschritt in den Fintech-Bereich zu wagen, da dies für Frauen oft ein weniger offensichtlicher Schritt ist – zum Beispiel durch gezieltes Headhunting.
„Gleichberechtigung wird nur gelingen, wenn wir jetzt Frauen in Sachen Vereinbarkeit, Beruf und Themen wie Elternzeit und Elterngeld zuhören und überholte Arbeitsstrukturen modernisieren.”
(Hella Fuhrmann, Country Managerin DACH bei Adyen)
Die Fintech-Branche gibt sich gern offen und divers. Doch die oben genannten Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Dabei mangelt es nicht zwangsläufig an geeigneten weiblichen Bewerbern. Das Problem sind vielmehr unzureichende oder oftmals sogar fehlende Förderprogramme für Frauen.
Am Ende gewinnen alle
Für Annett Polaszewski-Plath braucht es deshalb mehr als nur eine Quote:
„Belastbare und authentische Beziehungen mit Mitarbeitenden aller Organisationsebenen sowie eine inklusive Unternehmenskultur sind aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung, um leistungsstarke Teams zu etablieren.”
(Annett Polaszewski-Plath, Managing Director DACH at Mollie)
Und damit ist sie nicht allein. Schon 2018 hat eine IWF-Studie ergeben, dass die Förderung von Vielfalt, die unterschiedliche Erfahrungen, Denkweisen und Herangehensweisen mit sich bringt, die Finanzbranche bereichern kann.
Dem lauter werdenden Gen-Z-Bashing hält Polaszewski-Plath zudem entgegen, dass dank dieser Generation überholte Strukturen immer weiter aufgebrochen und modernisiert werden. Ob flexiblere Arbeitsmodelle, flache Hierarchien oder die zunehmende Bedeutung von sozialer Verantwortung – alles Eigenschaften, die dazu beitragen, dass auch Branchen wie Fintech für junge Arbeitnehmer*innen und Frauen im Allgemeinen an Attraktivität gewinnen.
Die Fintech-Branche hat aufgrund der oftmals disruptiven Geschäftsmodelle das Potenzial, auch bei der Geschlechtergleichberechtigung in eine Vorreiterrolle zu schlüpfen. Damit das gelingt, bedarf es jedoch aktiver Anstrengungen aller Beteiligten, um die strukturellen Barrieren zu beseitigen und Frauen den Zugang zu Führungspositionen zu ermöglichen, um diverse und damit erfolgreiche Teams zu schaffen. Möglich wird das, wenn die Finanz- und Fintech-Branche es schafft, transparenter zu kommunizieren und ihren positiven Beitrag für die Gesellschaft zu betonen. Zudem muss sie sich offen zeigen für Talente aus anderen Branchen und Quereinsteiger*innen aktiv anwerben und fördern. Und zu guter Letzt braucht es aus Polaszewski-Plaths Sicht einen Wandel der Strukturen und der Arbeitskultur: flexiblere Arbeitsmodelle, flache Hierarchien und eine gelebte Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
3 Tipps und Learnings, wie die gläserne Decke durchbrochen werden kann
Ergreife die Initiative – “Dare to ask and speak up!” – Annett Polaszewski-Plath, Mollie
„In deiner beruflichen Laufbahn ist deine Stimme dein stärkstes Werkzeug. Traue dich, Fragen zu stellen, deine Ideen selbstbewusst zu teilen und Initiative zu zeigen. Deine Perspektiven sind wertvoll und können dir Türen öffnen, die zuvor unsichtbar waren. Warte nicht darauf, dass Chancen zu dir kommen – suche sie aktiv. Zeige Interesse, verfolge deine Ziele und bilde Netzwerke. Denn: Vernetzung und Mentoring sind essenziell. Baue bedeutungsvolle Beziehungen auf und finde Mentoren, die deine Ambitionen unterstützen. Dieser Mix aus Mut, Initiative und strategischem Netzwerken kann dich nicht nur zu deinen Zielen führen, sondern diese übertreffen. Deine Karriere ist wie eine Leinwand – gestalte sie mutig mit den leuchtenden Farben deiner Ambition, deines Durchhaltevermögens und unterstützenden Tools.”
Mut zur Veränderung – “Be the Change!” – Nicole Defren, Klarna
„Es braucht nicht nur intern Veränderung – sondern auch in Sachen Branding. Traut euch. Seid anders. Viele Designs wurden von Männern für eine männliche Zielgruppe gemacht. Kein Wunder, dass sich Frauen nicht angesprochen fühlen. Wir haben diesen Schritt bereits 2017 gewagt – und das ziemlich erfolgreich. Seitdem werden wir vor allem von Frauen positiv beziehungsweise als potenzieller Arbeitgeber wahrgenommen. Genauso wichtig ist es, beispielsweise in Jobbeschreibungen Mut zu fördern, indem ihr Quereinsteiger*innen ansprecht und internationale, diverse Teams fördert. Ihr könnt nur gewinnen, wenn ihr eure Unternehmensperspektive verändert und selbst auch Mut beweist.”
Suche dir einen Ort, an dem du wachsen kannst – “Look for an environment that supports you!” – Hella Fuhrmann, Adyen
„Baue dir ein Netzwerk auf. Nimm Möglichkeiten wie Mentor*innenprogramme wahr. Und vor allem: Suche dir einen Ort, an dem du gesehen und gefördert wirst. Denn letztendlich liegt die Verantwortung auch bei den Unternehmen, eine Umgebung zu schaffen, die Vielfalt fördert. Es gibt viele Arbeitgeber, die sich freuen würden, weibliche Talente ohne Erfahrung im Fintech zu fördern, so wie Adyen. Denn branchenspezifisches Wissen kann bei Motivation und Cultural Fit gut im Job erlernt werden. Unternehmen sollten daher darauf achten, Stellenausschreibungen in inklusiver Sprache zu formulieren, Coaching für weibliche Talente anzubieten und „Unconscious Bias” Trainings in Firmen verpflichtend zu machen.”