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Vom Hockeyspieler zum Verlagsmanager: Sind Ex-Profisportler:innen die besseren Unternehmer:innen?

Vom Hockeyspieler zum Verlagsmanager: Sind Ex-Profisportler:innen die besseren Unternehmer:innen?
Michael Kohls für Business Punk
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit11 Min · 2.133 Wörter

Athlet, Gründer, Unternehmer: Der Hamburger Andreas Arntzen hat schon früh als Hockeyprofi den doppelten Karriereweg eingeschlagen – und sich so nicht nur als Sportler einen Namen in der Welt gemacht.

Grüner Kunstrasen, 91 Meter lang, 55 Meter breit. An beiden Enden jeweils ein Tor. Zwischen ihnen tummeln sich 22 Männer. Zwei von ihnen sind dick eingepackt. In Schutzkleidung: Helm, Halskrause, Brustschutz, Handschuhe, Hosen mit Kunststoffplatten, Schienbeinschoner. In der Hand ein Schläger. Die einzige Mission: verhindern, dass der Ball im Tor landet.

Jahrelang sah so der Alltag von Andreas Arntzen aus. Der gebürtige Hamburger war Hockeytorhüter beim Harvestehuder Tennis- und Hockey-Club sowie deutscher Hockey-Nationalspieler. Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Doch auch wenn man seine volle Hockeymontur nicht mehr zu Gesicht bekommt, zumindest seinen Schläger bringt der 54-Jährige mit zum Fotoshooting auf den Platz seines Heimatvereins in Eimsbüttel, wo er 15 Jahre lang fast täglich die massive Torwartausrüstung anlegte.

Helm, Schienbeinschoner und Co hat Arntzen schon lange durch Hemd, Jeans und Sneaker ersetzt. Manchmal, zu ganz bestimmten Anlässen, zeigt er sich auch im Sakko. Denn Arntzen – 1,95 Meter groß, das grau-weiße Haar zurückgekämmt, das Hemd leicht aufgeknöpft und mittlerweile leidenschaftlicher Golfspieler – ist Verlagsmanager. Ein verdammt erfolgreicher obendrein. Seine Vita kann sich mehr als sehen lassen: Gründer der Online-Partnerschaftsvermittlung Parship, der Internetradioplattfom Radio.de sowie der Audio-Branding-Agentur Wesound.

Aktuell ist er Chef des Wort & Bild Verlags – und damit der Mann, der unter anderem die „Apotheken Umschau“ unter die Menschen bringt, mit knapp zehn Millionen Exemplaren das zweitauflagenstärkste Magazin Deutschlands. (Arntzen nennt sie selber liebevoll „Rentnerbravo“.) Der Wort & Bild Verlag erreicht nach eigenen Angaben monatlich rund 30 Millionen Menschen in Deutschland.

Sind Sportler:innen im Anschluss die besseren Unternehmer:innen?

Man muss sagen: eine beeindruckende Karriere, die da einst vor dem Hockeytor begann. Vermutlich hat der Profisport früh einen Kämpfer aus Arntzen gemacht, einen, der immer weiter nach vorne prescht und lernt, Niederlagen wegzustecken. Der parallel zum BWL-Studium an der Hockey-WM teilgenommen hat. Wenn man sich Arntzens Verdienste so anschaut, formuliert sich eine naheliegende Frage im Kopf: Sind Sportler:innen etwa im Anschluss die besseren Unternehmer:innen? Ja, sagt Thomas Berlemann von der Deutschen Sporthilfe. Dazu gleich mehr. Doch vorher betrachten wir Arntzens Weg noch einmal genauer – als Fallstudie.

Dafür ein Blick zurück in die 70er-Jahre. Arntzens Vorbild war seine ältere Schwester, die ebenfalls Hockey spielte. Der neunjährige Hamburger wollte in ihre Fußstapfen treten und fand damals auf Anhieb seinen Platz im Hockeyteam. „Ich habe einfach das Glück gehabt, von Anfang an in einer attraktiven und starken Mannschaft zu spielen“, sagt Arntzen heute. Mit 16 Jahren lief er das erste Mal in der Herrenmannschaft auf, über die er für die deutsche Nationalmannschaft nominiert wurde. In den 90ern war Arntzen am Höhepunkt seiner Hockeykarriere. „Wir haben mit der Mannschaft quasi alle Titel gewonnen, die man gewinnen kann“, sagt er.

Die Liste der Erfolge ist tatsächlich lang: Europapokalsieger der Pokalsieger 1995, Deutscher Meister Halle 1994 und 1996, Deutscher Meister Feld 1996 und 1998, 1997 und 1998 dann Europapokalsieger der Landesmeister Halle, Deutscher Pokalsieger 1997. Nicht zu vergessen: vierter Platz bei der Weltmeisterschaft 1994 in Sydney. Doch Arntzen sagt, dass er selbst damals zu keinem Zeitpunkt nur Hockeyspieler war.

Nach der Schule und neben dem Profisport studierte er Betriebswirtschaftslehre in Hamburg. Bereits mit 19 Jahren gründete er zum ersten Mal ein Unternehmen. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Christian Blunck eröffnete er einen Sportfachhandel für Hockeybedarf. Daraus wurden bald darauf gleich vier Läden, nicht mehr nur in Hamburg, sondern auch in Berlin, Düsseldorf und Rüsselsheim. „Das mit den Geschäften hat schnell eine Eigendynamik angenommen“, sagt Arntzen. „Der Spaßfaktor war definitiv die Basis für unseren wirtschaftlichen Erfolg.“

Noch während des Studiums folgte das zweite Business der beiden Hockeyspieler: eine Pay-TV-Sportsbar. Was mittlerweile in jeder Kleinstadt zum Straßenbild gehört, war damals neu und innovativ. Mit 28 entschied sich Arntzen dann, seine Sportkarriere zu beenden und sich komplett dem Gründer- und Unternehmertum zu widmen. Ein doppelter Wadenbeinbruch in einem Bundesligaspiel beschleunigte das Karriereende. Sein Abschiedsspiel gab Arntzen im Jahr 2000 – als er bereits Verlagsmanager war.

Neun Jahre lang kümmerten sich Arntzen und sein Kollege Blunck also um ihre Geschäfte neben dem Alltag als Profisportler und Studenten. Doch ewig wollte Arntzen den Sportfachhandel nicht führen, sagt er: „Mir war von Anfang an klar, dass ich dieses Kapitel irgendwann abschließen würde, spätestens, wenn ich mit dem Studium fertig bin.“ Also gab er seine Anteile am Geschäft an seinen Freund und Partner ab und stürzte sich in den nächsten Lebensabschnitt: „Für mich stand fest, dass ich in ein Unternehmen gehe, um auch die Corporate-Seite kennenzulernen.“

Arntzen entschied sich für eine Werbeagentur, wo er als New Business Manager arbeitete. Ein Jahr später wechselte er zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Dort kam die Wirtschaftskarriere dann so richtig ins Rollen: als Manager bei der Zeit-Verlagsgruppe und der Verlagsgruppe Handelsblatt. Nach den dort gesammelten Erfahrungen startete Arntzen wie bereits erwähnt mit Parship und Radio.de richtig durch. Seit 2016 ist er Geschäftsführer des Wort & Bild Verlags.

Andreas Arntzen ist auch nach 20 Jahren noch sicher mit Ball und Schläger.
Foto: Michael Kohls für Business Punk

Kommen wir zur ursprünglichen Frage zurück: Guter Sportler, besserer Unternehmer? Thomas Berlemann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, gibt eine interessante Erklärung: „Eine zweite Karriere aufzubauen ist für fast alle Sportler:innen alternativlos, egal, ob sie aus dem Rudern, Hockey, Eisschnelllauf, Rodeln, Schwimmen oder der Leichtathletik stammen.“ Berlemann selbst ist ehemals geförderter Wasserballer. Seine Stiftung unterstützt heute Athlet:innen beim Aufbau einer dualen Karriere.

In unterschiedlichen Programmen wie dem Sporthilfe Elite-Forum oder der Sporthilfe Startup Academy bringt die Stiftung Expertinnen und Experten aus Sport und Wirtschaft zusammen. Berlemann sagt: „Uns ist es wichtig, dass die Athletinnen und Athleten schon während der aktiven Laufbahn über den Tellerrand blicken und sich auf den späteren Berufseinstieg vorbereiten.“ Das gemeinsame Ziel: deutschen Nachwuchs- und Spitzensportlerinnen die Tür in die Welt der Wirtschaft öffnen – ob als Unternehmer:in oder als Gründer:in.

Die duale Karriere beginnt also bei vielen schon in den ersten Jahren der Sportkarriere, mit einem Studium oder einer Ausbildung – genau wie bei Arntzen. Die Notwendigkeit einer parallelen Karriere hat auch er schon früh erkannt: „Wenn man einen Sport ausübt, von dem man sich nicht ernähren kann, dann sollte man eine Ausbildung machen“, rät Arntzen. „Wie sich Ausbildung und Sport miteinander verbinden lassen, ist von Sportart zu Sportart anders.“

Als Beispiel nennt er die Disziplin Schwimmen: „Um hier an der Weltspitze zu sein, musst du die ganze Zeit im Becken sein.“ In einer Disziplin wie Schwimmen ist der Aufbau einer dualen Karriere also noch schwieriger, weshalb die Deutsche Sporthilfe unter die Arme greifen will. Ein Beispiel dafür ist Svenja Zihsler. Die professionelle Freiwasserschwimmerin hat neben ihrer Sportkarriere Medizin studiert und bereits im Studium ein Startup mit dem Namen Hirnaktiv gegründet – eine App zur Prävention von Demenzerkrankungen. Dafür wurde die Schwimmerin 2019 von der Deutschen Sporthilfe als Siegerin der zweiten Sporthilfe Startup Academy ausgezeichnet.

Zihsler ist hier aber nur ein Beispiel von vielen jungen, motivierten Athlet:innen. „Welche Karriere unsere geförderten Athlet:innen einschlagen, liegt an ihren Interessen und Fähigkeiten“, sagt Berlemann. Viele wollen später in die Wirtschaft. „Aber wir unterstützen auch viele, die es beispielsweise in den Gesundheits- oder Bildungssektor oder das Handwerk zieht.“ Ein weiteres Beispiel: der Frankfurter Leichtathlet Andreas Bechmann. Bechmann ist U23-Europameister im Zehnkampf, Business-Student und bereits Startup-Mitgründer. Sein Insuretech-Startup Preventio wurde dieses Jahr zum „Sporthilfe Startup des Jahres“ gekürt. Die Chancen stehen also jetzt schon gut, dass auch er nach seiner Zehnkampfkarriere in der Wirtschaft Erfolge feiern kann.

Grundsätzlich ist es in Deutschland also nicht ungewöhnlich, als Profisportler:in Karriere in der Wirtschaft zu machen. Also so richtig Karriere – nicht nur als vermögender Ex-Fußballer oder Ex-Tennisspieler, der hier und da als Investor Geld auf Unternehmen träufelt.

Gerade Hockey kommt eine interessante Sonderrolle zu: Der Sport gilt zwar einerseits flächendeckend als erweiterte Netzwerkveranstaltung für gut Betuchte, andererseits holen die Profis dort – anders als im Golf oder Tennis – selten so viel Bares aus ihrer Karriere heraus, dass sich ein früher Abschied an den Strand aufdrängt. Die Spieler bekommen oft lediglich Zuschüsse, Nationalspieler zusätzlich Unterstützung von der Deutschen Sporthilfe. Was allerdings funktioniert, ist der Austausch mit anderen schlauen und motivierten Menschen, die nicht selten aus Unternehmerfamilien stammen.

Für Leistungssportler:innen sollte dabei laut Berlemann gelten: Je früher der duale Weg eingeschlagen wird, desto besser. Nicht nur, weil eine Karriere in der Wirtschaft dann noch wahrscheinlicher ist, sondern auch, weil sich die Learnings aus dem Sport direkt im Business anwenden lassen. Arntzen führt als Beispiel das Konzept Teamwork an: „In beiden Fällen besteht die Kunst darin, sein Team so zu formieren, dass eine gemeinschaftliche Topleistung erbracht wird.“ Auch Diversity sei unabdingbar: „Du brauchst unterschiedliche Menschen im Team. Und besonders auch Menschen, die in bestimmten Bereichen einfach besser sind als du selbst.“

Parallelen zwischen Trainer und CEO

Arntzen nimmt die nächste Frage vorweg: Ein Trainer und ein CEO sind zwei Wörter für ein und dieselbe Rolle. Er sagt: „Ein guter Trainer ist der, der die richtige Ansprache und die richtige Taktik für die jeweilige Spielsituation findet.“ Darunter fällt auch die Aufgabe, Chancen zu erkennen und sie realistisch einzuschätzen. Analog zum Geschehen auf dem Platz versucht Arntzen, Marktgegebenheiten und Veränderungen, die man nicht beeinflussen kann, mit positivem Spirit zu begegnen: „Es gibt immer Gewinner:innen und Verlierer:innen, aber jede Niederlage muss man hinnehmen, an ihr arbeiten und nach vorne blicken.“

Berlemann stimmt ihm zu: „Im Sport wie auch im Management geht es darum, sich Ziele zu setzen und diese dann konsequent zu verfolgen. Manchmal wächst man über sich hinaus und erreicht Dinge, die andere vorher nicht für möglich gehalten haben, an anderen Tagen wiederum erlebt man Rückschläge, die man schnell verarbeiten und aus denen man lernen muss.“ Klingt auch für Nichtsportler:innen nachvollziehbar.

Dafür sei Selbstreflexion nötig. Die hat Arntzen schon als Jugendlicher in Eimsbüttel und später dann in der deutschen Nationalmannschaft gelernt. „Beim Leistungssport analysierst du jedes Training und jedes Spiel, egal wie erfolgreich es war. Du hältst dir jeden Tag den Spiegel vor und fragst dich, was gut und was schlecht lief. Das ist im Unternehmertum genauso“, sagt der Hamburger. Im Sport wie im Chef:insessel gelte, dass man den Anspruch braucht, immer ein bisschen besser sein zu wollen. Arntzen führt die Begriffe Ehrlichkeit und Transparenz an, die dafür unerlässlich seien.

Weitere Prinzipien, die Sportle:rinnen im Unternehmertum Vorteile verschaffen könnten, sind ebenfalls recht naheliegend: Leidensbereitschaft, Aufopferung, die Fähigkeit, sich punktgenau auf ein großes Ziel vorzubereiten und etwas rigoros umzusetzen. Wer dies einmal gelernt und die Durchführung mit allen Nebenwegen absolviert hat, dürfte einen unternehmerischen Jahresplan befolgen können.

Doch Arntzen gibt zu bedenken, dass es nicht immer nur um die großen Titel geht: „Erfolg bedeutet nicht nur, die Goldmedaille zu gewinnen, sondern sein ganzes Potenzial auszuschöpfen“, sagt er. Wieder so ein Satz, den man sich auf einer Plakatwerbung für Sportschuhe vorstellen kann. Für Arntzen allerdings notwendig: „Ich bin im Kopf immer noch Sportler und nutze diese Einstellung für mein Dasein als Manager. Dafür bin ich extrem dankbar.“

Vermisst er den Sport? Die Zuschauer:innen, den grünen Rasen, das Tor? Arntzen überlegt. Er sagt, dass er sich „sukzessive vom Sport entwöhnt“ habe. „Deshalb war es okay. Ich habe nie irgendwelchen Dingen nachgetrauert, die ich nicht gemacht oder erreicht habe“, sagt er.

Apropos erreichen: Was steht ihm noch bevor, welche Ziele hat er sich gesteckt? „Ich möchte jeden Tag etwas Neues dazulernen. Mein aktueller Job bietet mir immer wieder neue Chancen und Herausforderungen. Aber was in fünf Jahren ist, weiß ich nicht“, sagt er. Zeit für uns, noch einmal die Frage vom Anfang aufzugreifen – also: Sind Profisportler:innen für die Corporate- und Unternehmer:innenwelt besser ausgebildet als der ausschließlich studierte MBA? Nach den Gesprächen mit Berlemann und Arntzen werfen wir den Blick auf die Anzeigetafel – und Tatsache: eins zu null für den Athleten.

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Portrait Katharina Boecker

Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.