Vom Smart-CEO zum Wander-Guru: Die ungeahnte Seite eines Autobosses
Wir haben den Wagen mal abgestellt und sind mit dem Smart-CEO Wolfgang Ufer auf eine Wanderung gegangen. Losgelöst von der Marke wollten wir den Menschen dahinter kennenlernen. Ein Gespräch über Visionen, Inspirationen und schwierige Zeiten.
Welche Visionen hattest du als Frischling in der Autobranche?
Zu Beginn meiner Smart-Karriere waren meine Visionen stark von meinem persönlichen Hintergrund beeinflusst. Schon früh wurde mir die Bedeutung eines Unternehmens bewusst, das nicht nur ein Produkt, sondern auch Kunden und die Möglichkeit zur gemeinsamen Interaktion bietet. Diese Prägung stammt wahrscheinlich von meinem Vater, der selbst ein erfahrener Vertriebsprofi war. Ich kam zu Mercedes, inspiriert von der Dynamik des Unternehmens und der Einführung innovativer Technologien in der aufstrebenden E-Business-Ära. Die 2000er waren eine Zeit des Fortschritts, insbesondere in Bezug auf die Integration des Internets in Fahrzeuge. Es war faszinierend, Teil des Teams zu sein, das maßgeblich an der Gestaltung dieser Hightech-Lösungen beteiligt war. Diese Zeit voller Visionen hat meine berufliche Laufbahn entscheidend geprägt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, in einem Unternehmen tätig zu sein, das nicht nur technologischen Fortschritt vorantreibt, sondern auch die direkte Interaktion mit Kunden ermöglicht. Die damalige Chefin von Smart, Annette Winkler, hat mich persönlich kontaktiert und sagte: „Lieber Wolfgang, ich habe deine berufliche Entwicklung schon eine Weile verfolgt. Du warst bereits in Headquarter-Funktionen tätig – und ich denke, du solltest zu Smart wechseln.“ Meine spontane Reaktion darauf war ein klares „Auf keinen Fall“.
Dann kam doch der Wechsel zu Smart. Was war der ausschlaggebende und emotionale Moment dafür?
Der war für mich, als Annette Winkler mir klipp und klar erklärte, dass dies die beste Option für mich sei. Sie betonte die herausragende Natur der Aufgabe – und ich muss zugeben, die Herausforderung war wirklich sensationell. Insbesondere in einem großen Konzern wie Mercedes, wo man im Headquarter oft von den operativen Geschehnissen in der Basis wenig mitbekommt. Sie sagte zu mir: „Du darfst bei mir sein, du berichtest an mich und du bekommst die Verantwortung für 50 Megastädte weltweit. Du kriegst das Budget und musst sicherstellen, dass smart in diesen Städten topentwickelt wird. Du musst jedes Jahr klären, welchen Beitrag du für zusätzliches Volumen und die Marke leisten kannst.“ Diese Aufgabe bedeutete im Grunde, ein Unternehmer im Unternehmen zu sein – und das in einem so renommierten Unternehmen wie Mercedes. Durch meine vorherigen Stationen hatte ich bereits enorm viel gelernt. Die Zusammenarbeit mit dieser Chefin war im Nachgang betrachtet die beste, aber auch die anspruchsvollste meines Berufslebens. Sie war hart, aber ich muss auch ehrlich sagen, dass sie mich unglaublich viel lehrte. In den Anfangsphasen gab es Momente, in denen ich erkannte, dass ich Dinge vielleicht anders oder besser machen könnte. Über die Jahre haben wir uns jedoch optimiert, und ich konnte unglaublich viel lernen. Das hat mir auch für meine aktuelle Aufgabe enorm geholfen. Die Weichen für die Zukunft von Smart wurden gestellt, als wir uns der Herausforderung stellten, die Marke auf neue Beine zu stellen. Wir mussten ein Nachfolgefahrzeug für den Smart Fortwo entwickeln – und das zu einer Zeit, die geprägt war vom Dieselskandal und dem Druck, CO₂-Emissionen zu reduzieren. In dieser schwierigen Phase haben wir gemeinsam harte Entscheidungen getroffen und Herausforderungen gemeistert. Das Ergebnis war der Aufbau einer neuen Welt für Smart, bei dem ich Teil einer kleinen, engagierten Gruppe sein durfte. Die Möglichkeit, von Grund auf etwas Neues aufzubauen und die Zukunft zu gestalten, hat mich begeistert. Heute bin ich stolz, als Deutschlandchef die neue Ära von Smart voranzutreiben.
Vom Smart Fortwo zum #1 war ein großer Schritt. Was kommt als Nächstes? Gibt es eine weitere Herausforderung?
Wenn man in der Smart-Welt ist und den Wunsch hat, in die neue Welt zu wechseln, ein neues Unternehmen aufzubauen, ist dies wie das Betreten einer grünen Wiese. Für viele, die in den etablierten Strukturen feststecken, mag dies verlockend klingen, denn man kann etwas Neues schaffen. Allerdings ist das Aufbauen selbst eine gewaltige Aufgabe. In den letzten Jahren haben wir als Unternehmen hart daran gearbeitet, als Marke sichtbar und ernst genommen zu werden. Aber ich muss ehrlich sagen: Das Potenzial, das wir als Firma haben, motiviert mich und mein Team enorm. Wir sind noch nicht am Ende. Die Smart-Geschichte geht weiter!
Wie haben die Kunden diesen Sprung vom Fortwo, der „Knutschkugel“, zum Viertürer und fast schon „normalen“ Auto aufgenommen?
Der Sprung von den begeisterten Käufern des kleinen, charmanten Smart, bekannt als die „Kugel“, zu unserer neuen Ära war sowohl emotional als auch rational. Unsere treuen Fans, die mit Leidenschaft für 2,69 Meter brennen und sich darüber freuen, mühelos auf engen Straßen zu manövrieren, sind das Herzstück unserer Marke. Ihre Begeisterung und Loyalität sind in unserer DNA verankert. Doch wir haben erkannt, dass wir als Marke mehr können. Mit dem Fokus auf Elektromobilität und unseren Markenwerten haben wir uns entschieden, neue Wege zu gehen und mutige Experimente einzugehen. Um zu wachsen, müssen wir auch auf der Fahrzeugseite mehr Optionen bieten. Wir haben die Realität und den Markt genau unter die Lupe genommen und festgestellt, dass die höchste Nachfrage nach Elektrofahrzeugen im Kompaktwagensegment besteht. Das heißt: Die einst jungen Fortwo-Fahrer sind jetzt in einem Alter, in dem sie Familien haben, die natürlich andere Modell-Bedürfnisse haben.
Was können wir erwarten?
Wir haben uns für Produkte entschieden, die einen Tick größer sind, aber immer noch elektrisch betrieben werden, mit erstklassigem Design, Innovationen und dem Transport unserer Smart-Werte. Unsere Kreativität kennt dabei keine Grenzen. Wir sind bestrebt, nicht nur innovative Produkte anzubieten, sondern auch immer wieder etwas Überraschendes und Besonderes für unsere Kunden zu schaffen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der von der Leidenschaft für Fortschritt und der Liebe zu unseren Fahrzeugen getrieben wird.
Was treibt dich an?
Meine Zeit bei Mercedes hat mir eine tiefe Liebe zum Automobil eingeflößt, die auch heute noch eine wichtige Quelle meiner Kreativität als Smart-CEO ist. Diese Leidenschaft geht weit über die lange Laufzeit bei Mercedes hinaus – es ist eine grundlegende Verbundenheit mit der Welt der Autos und der Mobilität. Inspirationen suche ich aktiv, um über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist wichtig, in andere Branchen zu blicken, innovative Entwicklungen in der Technologie- oder Architekturbranche zu erkunden und zu denken: Wow, das ist beeindruckend, das möchte ich in irgendeiner Form im Auto umgesetzt sehen. Sei es die Idee von rahmenlosen Fenstern oder etwas anderem, das ein bestimmtes Gefühl vermittelt und ein Ziel für Produkte, Design oder Marketing setzt. Ein wundervolles Gefühl! Konkrete Inspirationen können Teilnahmen an Autorennen sein und vom Erkunden neuer Städte bis hin zu einem einfachen Wochenendausflug mit der Familie reichen. Es sind die Momente außerhalb des Büros, die meine Leidenschaft für Autos am Leben erhalten und meine Sichtweise erweitern.
Mensch und Job gehen Hand in Hand. Wie würdest du die Identität und Vision der Marke beschreiben?
Smart hat sich stets durch einen optimistischen Blick in die Zukunft ausgezeichnet. Als Vorreiter im Bereich der individuellen Mobilität verfolgt die Marke einen rein elektrischen Ansatz, der sich an eine Zielgruppe richtet, der ein nachhaltiger Lebensstil sowie Flexibilität im Alltag wichtig sind. Die Identität und Positionierung von Smart sind geprägt von einem starken Fokus auf die Bedürfnisse der Kunden. Durch eine kundenorientierte Herangehensweise legt Smart großen Wert darauf, die Erwartungen zu erfüllen und kontinuierlich innovative Lösungen zu entwickeln. Ein zentraler Aspekt der Marke ist die Connectivity: Smart versteht sich als Vorreiter in diesem Bereich, indem die Fahrzeuge nahtlos in die digitale Welt integriert sind. Mit Funktionen wie Apple CarPlay und Android Auto sowie Over-the-Air-Updates (OTA) sind die smart-Modelle optimal für kontinuierliche Verbesserungen gerüstet. Die moderne Software erlaubt es den Fahrzeugbesitzern, Systemupdates und neue Features selbstständig zu installieren, ohne das Auto zum Service bringen zu müssen.
Wie funktioniert das – den Kunden zuhören?
Das zeigt sich in der schnellen Umsetzung von Kundenfeedback. Die Marke will und muss auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen. Smart hat sich von Anfang an durch Partnerschaften ausgezeichnet, um gemeinsam innovative Lösungen zu schaffen. Die Zusammenarbeit mit Partnern wie Brabus, die bereits 1999 begann, zeigt das Engagement von Smart für ein passendes automobiles Ökosystem. Die Kooperation geht über die Entwicklung einzigartiger Produkte hinaus und erstreckt sich weit über Brabus hinaus, wobei der Fokus stets darauf liegt, Produkte zu schaffen, die direkt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten sind.
Was ist das nächste dicke Ding?
Inmitten einer längeren Hochphase für die Elektromobilität, die von einem beeindruckenden und gleichmäßigen Wachstum elektrischer Fahrzeuge geprägt war, stehen wir nun vor neuen Herausforderungen, insbesondere nach dem Auslaufen staatlicher Förderungen. Wir setzen auf Lösungen für die persönlich zugeschnittene Individualmobilität. Ganz gleich, vor welchen Herausforderungen wir stehen – die Leidenschaft für Innovation und die Bedürfnisse unserer Kunden sind Mittelpunkt unserer Strategie.
Business Punkt meint: Am Ende wird es der Markt schon richten …