work wise · Meinung

Von wegen süßes Nichtstun: Über die Gefahr am Boreout im Berufsalltag zu erkranken

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Lesezeit5 Min · 919 Wörter

Wenn man sich dazu entscheidet, Unternehmensberaterin zu werden, ist man sich der Gefahr bewusst, ein Burn-out zu erleiden. Man hört schließlich ständig von überarbeiteten Managern, die zu viel Gas gegeben haben. Ein Bore-out kommt einem hingegen viel unwahrscheinlicher bis hin zu unmöglich vor. Schließlich ist man jung, leistungsfähig, und willig die Extrameile zu gehen. Und die Beratung ist doch dafür bekannt, High-Performern das zu geben, was sie brauchen, oder?

Für mein letztes Projekt als Consultant flog ich pro Woche ein paar Meilen, doch waren das garantiert keine Extrameilen: Ich traf den Kunden einmal pro Woche für einen mehrstündigen Workshop und beschäftigte mich die jeweils anderen vier Arbeitstage mit der Vor- und Nachbereitung dieses Workshops. In dieser Zeit wurde ich zum Profi im Überspielen von Unterbeschäftigung: Ein extra starrer Blick auf den Laptop, der aussagt: „Ich konzentriere mich, nicht stören“, ein Privacy-Screen vor dem Bildschirm, der ungewollte Spionage-Blicke abwehrt, leere Termin-Platzhalter im Outlook-Kalender, die mich busy aussehen lassen.

Anschließend war ich für unbestimmte Zeit auf keinem Projekt, also „on the bench“ oder auch „on the beach“ wie wir Consultants sagen – nur leider ohne Palmen oder Kokosnüsse. Ich wartete, bis sich eines der vielen Projekte in der „Pipeline“ auftaten oder eine der vielen „Opportunities“ in meine Hände fielen. Als mir jedoch nur mein eigener Kopf in die Hände fiel und ich eines Tages von einem Kollegen bei der Arbeit geweckt wurde, wusste ich: Es ist Zeit, von Zuhause zu arbeiten. „Working from Home“ (WFH) ist, was wir Consultants gelegentlich zu schätzen wissen. Bevorzugt an Freitagen. Dann können wir unsere Wäsche in Ruhe waschen. Aber wehe dem Berater, der durch die plötzliche Freizeit gechallenged wird, indem nun jeden Tag WFH angesagt ist. Dann wird aus WFH bald WTF – What the Fuck mache ich mit all der Freizeit!? Dann läuft man Gefahr, ein Bore-Out zu erleiden.

Niemand, der einem den Alltag mehr organisiert. Keine Deadlines mehr, die eingehalten werden müssen. Keine Meetings und Calls mehr in Outlook. Und das Abendessen muss auch aus eigener Tasche gezahlt werden, da man keine Reisekosten mehr erstattet bekommt. Der erste Tag war besonders schlimm. Es war Montag und ich saß den ganzen Tag vor dem Laptop und starrte auf meine E-mail Inbox. Zum Abendessen machte ich mir ein Müsli, es war mein Drittes an diesem Tag. Der Dienstag verlief schon wesentlich besser. Ich rief meine Mutter und ein paar Freunde an und vereinbarte Telefontermine für Mittwoch. Am Mittwoch dann ging ich vor den Calls erst einmal Geschirr einkaufen, mir war gar nicht aufgefallen, dass ich nie welches besaß, seit dem ich vor einem halben Jahr in diese Wohnung eingezogen war. Donnerstag entschied ich, etwas bildungstechnisch Wertvolles zu tun: Zuerst Thailändisch kochen, dann ein Buch lesen. Am Abend dann legte ich die Füße hoch. Ich war mit meinen Achievements zufrieden. Von dem Zubereiten des Essens fertigte ich ein Prozessschaubild an und die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit postete ich auf Facebook. Am Freitag dann hatte ich ein Bore-Out.

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Zum Glück hielt das Bore-Out nicht lange an, denn am Montag drauf wurde ich von der Beraterbank geholt und auf ein Projekt „gestafft“. Als ich meine Projektkollegen traf, alle smart und gut aussehend, dachte ich: „Yeah, lass uns das Ding rocken“. Ich war scharf darauf, was zu reißen und viel zu leisten. In einer Projektfunktion, wie ich sie mir gewünscht hatte: „Change Consultant mit Veranwortung über internationale Strategie-Workshops“.

Ich fand mich die nächsten Wochen auf dem Boden der Tatsachen wieder. Oder vielmehr: Auf dem Boden beim Kunden – Brownpaper anmalend, Flipcharts vorbereitend, und Post-its aufklebend. Ich bereitete, erneut, einen Kunden-Workshop nach dem anderen vor und konnte nach kurzer Zeit Dokumentations-Präsentationen im Schlaf produzieren. Mein Gehirn stand vor der kognitiven Herausforderung, einen Dauer-Standby-Status aufrecht zu erhalten, ohne dabei Gehirnzellen einzubüßen. Ernsthafte Sorgen machte ich mir, nachdem ich drei Nächte nacheinander davon träumte, mein Zimmer mit Post-its zu tapezieren.

Von meinem Kollegen Stefan, der mit mir zusammen in der Firma angefangen hatte, wusste ich, dass er eine PMO (Project Management Officer) Rolle zugewiesen bekommen hatte. Das hieß konkret: Er saß in einem Meeting nach dem anderen, notierte Ampelfarben für die Deliverables des Projektes, schrieb Risks and Issues auf, dokumentierte die Outcomes, und verschickte Updates und Meeting-Einladungen in die Runde. Tag ein, Tag aus. Ich rief ich ihn an, um zu hören, wie er mit der Aufgabenunterforderung klar kam. „Ach, weißte Charlie, ob der Added Value nun gleich visibel ist oder einem erst später klar wird… ich habe in jedem Fall vom Learning her einiges mitgenommen. Der Fit ist zwar noch nicht 100 Prozent da, aber ich bin echt fein damit. Denn es stimmt die Relationship mit dem Stakeholder und das ist doch, was zählt. Wir müssen die Challenge halt annehmen, wie sie kommt. Und sorry, aber ich muss jetzt noch ein paar Slides scribblen, die Präsi muss heute noch eob raus. Weißte ja: Quick und easy. Was ist jetzt auf deiner Agenda. Lunch?“ „Ach, Stefan, weißte doch, Lunch is for Losers. Ich mache mich jetzt an meine Preparation für den Strategie-Workshop. Ein paar Insights und Best Practices müssen noch geleveraged werden. Natürlich angepasst an die Target Audience – da sind wir agreed.“

Nachdem ich auflegte, googelte ich das Blablameter und ermittelte den Bullshit-Index dieser Konversation. Es gab ja sonst nichts zu tun.

 

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