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Wahnsinn oder wahnsinnig clever? Was passiert, wenn Praktikanten gleich die Firma führen?

Wahnsinn oder wahnsinnig clever? Was passiert, wenn Praktikanten gleich die Firma führen?
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Aktualisiert
Lesezeit4 Min · 789 Wörter

Kopieren, Kaffee kochen und ein wenig bei Power-Points unterstützen – der klassische Praktikumsalltag? Eileen Liebig, Seriengründerin und Mutter von vier Kindern, geht einen anderen Weg. Als Test übertrug sie zwei Praktikanten in ihrer Firma mal eben die gesamte operative Führung. Radikaler kann New Work kaum sein. In ihrem Gastbeitrag schildert Eileen, wie es dazu kam und wie viel Potenzial in mutigen Arbeitsmodellen steckt.

Mein Unternehmen clap ist „die Wertschätzungs-Lösung für Unternehmen“. Der Name ist dabei bewusst gewählt – es geht wie beim Klatschen um die Wertschätzung für eine bestimmte Person. Das kann ein Kunde sein oder ein langjähriger Mitarbeiter, denen wir für ihre Treue oder ihre herausragenden Leistungen mit einem angemessenen Geschenk und einem Lächeln beim Überreichen einfach danke sagen. Denn mit der Wertschätzung ist es in Deutschland nicht zum Besten bestellt. Das zeigen Studien und Umfragen unter Mitarbeitern in mittelständischen Unternehmen und Konzernen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten denken zu viele nur an das Geschäft und zu wenig an den Menschen.

Das gilt auch für die Unternehmensführung – und damit komme ich zum „Experiment“, das mir selbst in den vergangenen Tagen und Wochen die Augen öffnete. Wenn wir an Unternehmensführung denken, dann tun wir das in festen Strukturen: Es geht, streng nach dem Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre, um klare Rollen, um definierte Aufgaben, um durchgetaktete Prozesse. Ich war lange selbst dieser Meinung. Doch als sich bei uns personelle Veränderungen ergaben, entschied ich mich für einen Test – der meine Sicht auf Teamarbeit, Verantwortung und Unternehmenskultur total umkrempelte.

Aus der Not geboren

Ich dachte ganz klassisch: „Ich brauche einen Projektmanager, einen Logistiker, jemanden für die Kundenbetreuung.“ Doch in der Realität zeigte sich immer wieder: Bei uns muss jeder alles können – und bereit sein, alles zu tun. Vom Kundencall bis zum Packen der Boxen. Als ich die Möglichkeit bekam, zwei Praktikanten einzustellen, passte allerdings keiner von beiden ins Rollenbild. Ich musste umdenken. Stattdessen ploppte die Frage auf: Warum nicht ein neues Modell ausprobieren? Ich parlierte mit meinem besten Freund Ryan Lott, der das Unternehmen bei Transformationsprozessen begleitet. Der war Feuer und Flamme.

Mir war wichtig, die Praktikanten persönlich kennenzulernen – nicht nur deren Lebenslauf, sondern ihre Motivation. Beide sind Umschüler im E-Commerce. Was sie mitbrachten, war der unbedingte und glaubwürdige Wille, einen neuen Weg einzuschlagen. Und genau diesen Drive hatte ich gesucht. Ich machte ihnen von Anfang an klar: Das Experiment bedeutet Verantwortung, kann Druck erzeugen, ist aber auch eine riesige Chance. Gemeinsam mit Ryan entwickelten wir ein Onboarding, das sicherstellte, dass sie schnell eigenständig arbeiten konnten, ohne überfordert zu sein.

Ab Tag 1 maximale Verantwortung

Die beiden Praktikanten stiegen direkt in den Kernprozess ein – dort, wo aus einer Kundenbestellung ein spürbares Erlebnis wird. Schon in der ersten Woche übernahmen sie essenzielle Aufgaben im Retourenmanagement, der Packplanung und der Lagerwirtschaft. In Woche zwei planten sie eigenständig Prozesse und begleiteten Kampagnen. Mittlerweile kümmern sie sich um Warenbestellungen und übernehmen erste Aufgaben in der Buchhaltung.

Zusätzlich gibt es „Unternehmer-Challenges“. Ob Videokonzept oder Newsletter-Optimierung – sie denken über den Tellerrand hinaus und hinterfragen Prozesse. Meine Rolle dabei? Ich halte mich primär zurück, stehe aber beratend zur Seite. Ich kommuniziere klar, wo sie freie Hand haben und bei welchen Fragen und bei welchen Themen ich involviert sein möchte. Fragen sind jederzeit erlaubt – doch sie suchen meist selbstständig nach Lösungen.

Ein besonders überraschender Moment? In Woche Nummer Zwei schlugen sie mir vor, „mehr Ordnung zu schaffen“. Zuerst war ich irritiert – es war doch nicht unordentlich? Doch sie hatten ihre eigene, unverbaute Sicht auf die Dinge – und sortierten daher unser Lager neu und strukturierten die Abläufe besser. Besonders beeindruckt hat mich ihre Idee, Kundenlogos alphabetisch zu ordnen. Ich kannte diese alle auswendig, aber für neue Mitarbeiter war das Finden der richtigen Logos unübersichtlich gewesen. Jetzt ist es das nicht mehr. Bisher verlief das Experiment ohne größere Probleme. Die größte Herausforderung? Der lange Weg zum Büro, denn remote work ist bei uns nur sehr eingeschränkt möglich, da wir ein physisches Business sind, das Präsenz erfordert.

Unbedingt ausprobieren!

Ich empfehle dieses Experiment jedem Unternehmer. Ich bin nach wie vor begeistert von dem Test, der zum Dauerexperiment geworden ist. Und ich würde es jederzeit wieder so entscheiden. Wir müssen aufhören, Menschen auf ihre Titel und Rollen zu reduzieren. Warum sollen Praktikanten nur zuarbeiten? Wer hat sich das ausgedacht? Weg damit! Meine abschließende Botschaft: Schaut über den perfekten Lebenslauf hinaus. Seht den Menschen. Gebt Verantwortung. Ihr werdet überrascht sein, welches Potenzial sich entfaltet und lasst euch überraschen, welche Talenten und tollen Menschen sich auf dem Markt tummeln.

Portrait Eileen Liebig

Eileen Liebig