drive & thrive · E-Auto-Absatz

Warum das Hotelbett in Emden mehr kostet, wenn bei VW die Elektromobilität stockt

Emden
Das Logo von Volkswagen steht vor dem Eingang zum Werk Emden.
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Lesezeit5 Min · 933 Wörter

Die Stadt im Norden hängt von der Entwicklung bei VW ab, wie ein Säugling von der Muttermilch. Doch bei VW läuft es mit dem E-Auto-Absatz nicht so gut. In Emden sorgt das für eine handfeste Krise.

Was hat der Preis für eine Hotelübernachtung in Emden mit dem derzeit flauen Interesse an Elektroautos zu tun? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten: alles. Und das kommt so:

Der VW-Konzern kommt bei der Elektromobilität nicht richtig vom Fleck. Insgesamt haben alle Marken im ersten Halbjahr 317.200 Elektroautos verkauft, wie aus den vorläufigen Absatzzahlen zum zweiten Quartal hervorgeht. Der Anteil der E-Autos stagniert damit bei gut sieben Prozent der rund 4,4 Millionen verkauften Fahrzeuge. Vom ID4-Modell lieferte der Konzern zu Beginn des Jahres sogar gleich ein Viertel weniger Autos aus als im Jahr zuvor. Woran das liegt? Die Autos sind ohne Kaufprämie zu teuer, manche finden sie auch nicht sonderlich attraktiv. Die Ladeinfrastruktur reicht nicht, wenn die Reichweite zu gering ist, und, und, und. Das ist nicht schön für VW.

So weit, so schlecht. Die Wolfsburger wandern gerade durch ein Tal der Tränen, das sie dort schon kennen. Erst der Dieselskandal, dann Corona, dann die Halbleiterkrise, die dafür sorgte, dass hunderttausende fast fertige Autos irgendwo auf Halde standen. Aber wenn in Wolfsburg still die Tränen fließen, herrscht anderswo Jammern und lautes Zähneklappern – und das trifft auf Emden zu, wo VW erst in diesem Jahrzehnt 1,2 Milliarden Euro in die Hand nahm, um das Werk total umzubauen. Es spuckte bislang zuverlässig das Erfolgsmodell Passat aus, jetzt rollt dort ausgerechnet der Ladenhüter ID4 vom Band. Ende des Jahres soll der letzte Verbrenner in Emden Geschichte sein und ausschließlich die E-Modelle ID4 und ID7 produziert werden. Da ist es für die Emder auch nicht schön, wenn es bei VW nicht läuft. Das trifft die 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei VW, es trifft die Zulieferer, und es trifft den Hafen, in dem rund 10.000 Menschen arbeiten, die vor allem Teile von VW von den Schiffen auf die Schiffe wuchten. Die Stadt hat eigens einen Zulieferpark gebaut, wo sie den VW-Zulieferern günstig Flächen überlässt. Man hilft sich eben untereinander im Norden der Republik.

Es ist kein Geheimnis in der Stadt, dass ihr größter Steuerzahler Volkswagen heißt. „Das ist schon eine Riesenhausnummer“, sagt Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff, ein Parteiloser, der mit den Stimmen von Grünen, CDU, FDP und der Freien Wählergemeinschaft gewählt wurde und die Stadt der langjährigen SPD-Regierung entrissen hat. Ausgerechnet er muss die Stadt managen, während es bei VW bergab geht. „Erst die Investitionen bei VW und jetzt die wirtschaftliche Situation – das drückt natürlich die Gewerbesteuer“, räumt er unumwunden ein.

Emden, das sich Seehafenstadt nennt und laut Eigenwerbung „liebens- und lebenswert, traditionell und aufgeschlossen, unterhaltsam und sportlich, natürlich und grün“ sein will, hat damit ein doppeltes Problem. Denn um die Ecke beim zweitgrößten Arbeitgeber der Region, der Meyer Werft in Papenburg, läuft es auch nicht rund. Dort hat erst Corona dazu geführt, dass bei den Aufträgen für Kreuzfahrtschiffe eine zeitweilige Flaute herrschte und das Land mit Bürgschaften in die Bresche springen musste, und jetzt, weil die Kunden erst zahlen, wenn das Schiff fertig ist, musste sogar Kanzler Olaf Scholz vorbeikommen und Staatsknete versprechen.

Emden ist für dieses Jahr mit einem Gesamtetat unterwegs, der Einnahmen von 200 Millionen vorsieht, die geplanten Ausgaben liegen allerdings um 30 Millionen Euro darüber. Das hat bei der Kommunalaufsicht in Niedersachsen, die den Haushalt genehmigen muss, Ende letzten Jahres die Alarmglocken schellen lassen. So etwas kann heikel werden, schließlich ist man nicht in Berlin, wo das über die Verhältnisse leben zum guten Ton gehört. Nein, in Emden kann es passieren, dass die Kommunalaufsicht in Hannover in so einem Fall einen Staatskommissar vorbeischickt, der die Geschicke der Stadt in die Hand nimmt. So etwas sei ein starker, aber zuweilen notwendiger Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung, heißt es dazu warnend aus dem Landesinnenministerium. Kruithoff und damit der gesamte Rat wären in so einem Fall mehr oder weniger entmachtet.

Also kam die Emder Führungsmannschaft gehörig in Bewegung. „Wir haben acht Millionen als Sparpaket angeboten“, berichtet der Bürgermeister und wird ganz konkret: „Das geht vor allem zu Lasten der Verwaltung und unserer freiwilligen Leistungen: Schwimmbäder, Sportvereine, Bürgervereine bekommen weniger oder auf jeden Fall nicht mehr.“ Angenehm sei das nicht. „Wir wissen: Wenn wir da die Förderung einstellen, brechen Strukturen weg, die nicht wiederkommen. Das hat unmittelbar Einfluss auf die Menschen.“ Und es kratzt am Selbstverständnis der Ratsmitglieder: Sie seien ja nicht gewählt worden, um zu konsolidieren. „Und ein Oberbürgermeister auch nicht“, stellt Kruithoff klar. „Wir wollen gestalten.“

Dennoch mussten sie ran, und mit Sparen ist es nicht getan. Auch die Einnahmen müssen steigen: Parkgebühren, Hundesteuer und eben die Einführung einer Bettensteuer, gegen die derzeit die örtliche Hotellerie Sturm läuft. Zu „liebens- und lebenswert“ käme dann eben auch „teuer“, befürchten die Gastwirte.

Kruithoff will kämpfen. Er hat Flächen für neues Gewerbe im Angebot, denkt an Wasserstoffproduktion und Batteriezellenfertigung. Bislang ist das Zukunftsmusik. Interessenten haben sich lieber in Frankreich umgesehen oder sind gleich in die förderungswillige USA marschiert, was der Bürgermeister der Regierung in Berlin ankreidet. Immerhin gibt es ab Oktober für ihn einen Trost: Er kann den Dienstwagen tauschen. Aus dem VW-Arteon wird ein ID7. „Ein wunderbares Auto“, schwärmt Kruithoff. Made in Emden.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.