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Warum es schick ist, seinen Tesla loszuwerden – und warum das falsch ist

Tesla kämpft in Deutschland mit dramatischen Verkaufsrückgängen.
Credit Image: © Scott Brauer/ZUMA Press Wire August 18, 2024, Seattle, Washington, USA: Hundreds of new Tesla electric vehicles, primarily sedans and SUVs including Models 3, S, X, and Y, stand in a storage lot in an industrial area near a rail yard in Seattle, Washington, USA, on Sun., Aug. 18, 2024. (Credit Image: © Scott Brauer/ZUMA Press Wire
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Der Fall des Drogerieunternehmers Rossmann macht Schule: Weitere Unternehmen schmeißen Tesla aus der Dienstwagenflotte. Ist es richtig, als Unternehmer die Moral vor das Geschäft zu stellen? Auf Dauer führt das in des Teufels Küche.

Zehn Jahre und mehr war es schick in Deutschland, sich einen Tesla zuzulegen. Der Tesla – er stand für den smarten Umgang mit Technologie und Nachhaltigkeit. Jetzt ist es mit einem Mal schick, seinen Tesla möglichst schnell wieder loszuwerden. Denn sein Chefkonstrukteur Elon Musk steht für Trump, Hirnexperimente und null Kontrolle über X, wie Twitter unter ihm nun heißt.

Das Produkt wird sozusagen in Sippenhaft für die Eskapaden des Chefs genommen – ja, geht es eigentlich noch? Ist unsere Gesellschaft so hochmoralisch geworden, dass sie nicht mehr zwischen einem Auto und den vielen tausend Köpfen und Händen, die nötig sind, es zu entwickeln, zu bauen und zu verkaufen, auf der einen Seite und dem Verhalten des obersten Anführers auf der anderen Seite unterscheiden kann? Wo führt es hin, wenn jemand zum Produktboykott aufruft, nur weil ihm die politische Gesinnung des CEOs nicht passt?

Prominentestes Beispiel dieser speziellen Ausprägung von Moral und Haltung ist Familienunternehmer Raoul Rossmann, der für die Drogeriekette, die seinen Namen trägt, ankündigte, keine Autos der Marke Tesla mehr als Dienstwagen anzuschaffen. Rossmann hätte die Teslas auch still und leise verbannen können. Betroffen sind von der Aktion schließlich nicht die Kunden, sondern die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Aber der Unternehmenschef wollte Aufmerksamkeit – und die hat er bekommen. Es gehe ihm darum, „auf die Diskrepanz zu verweisen, die zwischen der Marke Tesla und den derzeitigen Aussagen ihres CEO Elon Musk besteht, und vor allem, für wen sich dieser stark macht“, interpretierte eine Unternehmenssprecherin ihren Chef in der Wirtschaftswoche. Dass die 34 bereits in der Rossmann-Flotte genutzten Modelle weitergefahren werden – Schwamm drüber.

Die Haltung beeindruckte ganz offenbar auch Stefan Maier, Chef des Rechenzentrum-Betreibers Prior 1 aus Sankt Augustin. „Wir müssen sicherstellen, dass unsere Flotte sowohl technisch als auch moralisch unseren Standards entspricht“, sagt er und schmeißt Tesla aus der Dienstwagenflotte. 44 Autos ist sie derzeit stark, acht davon stammen aus dem Hause Tesla. Auch sie laufen weiter, aber neue sollen nicht dazukommen. Was genau ihm an Musk nicht passt, sagt er nicht, sondern verweist auf Rossmann.

Paul Niederstein hat die Entscheidung gegen Tesla in aller Stille getroffen. Der Chef des Oberflächenveredlers Coatinc Company, einem der ältesten Familienunternehmen Deutschlands, sagt gegenüber der Wirtschaftswoche: „Ich habe schlicht und ergreifend ein ganz fundamentales Problem mit Elon Musk.“ Musks Geschäfte und Forschungsprojekte gingen ihm viel zu weit. Neuralink etwa, die Firma, die Menschen einen Sensorchip in den Kopf einpflanzt, hält er für einen Eingriff in die Schöpfung.

Rossmann, Maier, Niederstein – sind die drei die Guten? Sie lassen auf jeden Fall die Moral Einzug halten ins Geschäft. Damit allerdings wechseln sie das Spielfeld und müssen ganz andere Fragen beantworten: Wollen sie künftig E-Autos aus dem VW-Konzern fahren, der Millionen von Kunden mit seinem Dieselskandal übers Ohr gehauen hat? Wollen sie chinesische E-Mobile kaufen, die hochsubventioniert die eigene Industrie kaputtmachen? Was wählen sie eigentlich, diese Chefs? Sollen wir vielleicht dort nicht mehr einkaufen oder einen Auftrag vergeben, weil sie möglicherweise Grüne, Rote oder Gelbe wählen? Und wie behandelt Rossmann Kunden, die mit einem Tesla auf den Parkplatz vor die Filiale rollen? Müssen die Aufschlag zahlen?

Klar ist: Die Zeit, in der das Produkt im Zentrum des Bemühens stand, ist offenbar vorbei. Bier, das golden ins Glas sprudelt, hat ausgedient. Es muss auch nachhaltig gebraut und divers eingeschenkt werden. Die moralische Botschaft des Unternehmens rückt in den Vordergrund: Wir sind gut, wir vertreten die richtigen Werte: Diversität, Klima, Nachhaltigkeit. Konsumenten, Lieferanten, Mitarbeiter, die da nicht mitmachen, werden zu besseren Menschen erzogen. Doch woher nehmen Rossmann und Co. die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen?

Und damit zurück zu Elon Musk. Auch die Veränderung bei X geht auf sein Konto. Wie wäre es mit folgender Sichtweise: Twitter betrieb eine Zensur, die beispielsweise Trump das Wort entzog, aber die afghanischen Taliban munter twittern ließ. Das eine, nämlich Trump zu sperren, wurde gefeiert, das andere, nämlich die Taliban twittern zu lassen, ignoriert. Musk hat das alles einfach abgeschafft. Er hat es auch geschafft, innerhalb einer in Deutschland nicht für möglich gehaltenen Rekordzeit, die modernste Autofabrik des Landes aufzubauen. Er schafft damit Werte, die nachhaltiger sind als seine Stimme, die er für Trump in die Waagschale wirft. Kann man jedenfalls so sehen. Rossmann, Maier und Co. sollten die Größe haben, diese Sicht zuzulassen.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.