Warum Kamala keine Lichtgestalt ist
Eben noch verspottet, plötzlich zur Trump-Bezwingerin aufgebaut: Was die Welt über Kamala Harris denken soll und warum das Kokolores ist.
Hey Punks – wer, wie ich gerade Ferien macht, hat die Chance auf Helikopteransichten. Nein, ich steige nicht in den Hubschrauber und rotore über die oberitalienische Seenplatte, wo es mich angenehmerweise hinverschlagen hat. Ich lese und stöbere und blättere nur wie ein befristet Unbeteiligter in all dem, was wir Journalisten uns so zurecht produzieren. In meine journalistische Helikopterzeit fällt jetzt gerade der Antritt von Kamala Harris als US-Präsidentschaftskandidatin, und ich muss an einen früheren Kollegen denken: Alle hatten sich immer über den beschwert, bis er aus unserer Mitte heraus plötzlich Chefredakteur wurde. Da fanden ihn die meisten plötzlich prima.
Ich bin allenfalls Küchenpsychologe, aber ich glaube, wir beurteilen Menschen nicht nach dem, wie sie sind, sondern nach dem, was sie sind. Mein Bruder zum Beispiel, der auch nicht mehr bei der U-30-Party durchgeht, lässt’s gerade krachen, haut auf die Sahne und wenn es dabei Kollateralschäden geben sollte, wäre es ihm egal und mir auch, denn er ist ja mein Bruder.
Kamala Harris ist bereits ganz zu Beginn der vergangenen vier Jahre, seit sie als Vizepräsidentin in die Optik der USA-Erklärer gerutscht war, aus deren Perspektive kläglich gescheitert. Ihre öffentlichen Auftritte, so erklärten sie uns, wirkten unbeholfen. Sie griff immer mal in der Wortwahl daneben, hielt keine mitreißende Reden – und ihre Umfragewerte waren lange noch schlechter als die Bidens. Kein politisches Thema führte sie zu einem durchschlagenden Erfolg. „Blass“ war noch das harmloseste Attribut, das ihr anhaftete. „Überfordert“ war der eigentliche Ausdruck, der ihr zu Gesichte stand.
Und nun wird die Überforderte plötzlich doch Spitzenkandidatin. Und das gegen Donald Trump, über den sich deutsche Medien einig sind, dass er auf gar keinen Fall niemals und nimmer gewinnen darf, weil er die Leibhaftigwerdung des Teufels ist.
Vor diesem Hintergrund passiert etwas Wundersames: Die Tagesschau erklärt ihren meist über 70-jährigen Zuschauern, die Biden eben noch für einen Mann in den besten Jahren halten mussten, dass Harris schon aus schierer Loyalität zu Biden blass bleiben musste. Die linke TAZ kehrt ihre Chancen als Frauen- und Minderheitenrechtlerin heraus. Und die gemütliche FAZ macht sie sogar zur Kandidatin des Silicon Valley, obwohl Tech-Größen wie Elon Musk sich gerade öffentlich zu Trump bekannt haben.
Was ich meine, Punks, ist folgendes: Wir alle haben unsere Hoffnungen und Haltungen und Donald, die Trompete, ist seit dem von ihm zelebrierten Sturm aufs Capitol bei mir so etwas von unten durch, dass ich nichts mit ihm zu tun haben möchte. Aber deswegen tauche ich doch nicht alle seine politischen Gegner ins rosarote Licht der Verklärung! Dass Politiker Lichtgestalten sind, glaube ich nicht mehr, seitdem ich über Hermann den Cherusker las, dass er so ein Ekelpaket gewesen sein musste, dass er seine Frau Thusnelda nicht mal mit Waffengewalt zu sich zurückholen konnte. Sie floh vor ihm ausgerechnet nach Rom. Und das war circa im Jahr 11 nach Christus. Diese, wie ihr seht, historisch fundierte Haltung der großen Politik gegenüber, lasse ich mir sicher nicht durch irgend so eine Kamala-Thusnelda kaputtmachen.