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Wie das Startup Heyvie Menschen mit Migräne helfen möchte – per App

Wie das Startup Heyvie Menschen mit Migräne helfen möchte – per App
Heyvie
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 1.061 Wörter

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Büro: Die Kaffeemaschine läuft, die ersten Mails sind schon beantwortet, nur noch zwei Minuten bis zum großen Meeting im Konferenzraum. Dann: plötzliche Übelkeit. Die Sehkraft lässt nach. Die Umgebung verschwimmt leicht. Die rechte Schläfe fängt an zu pulsieren, ein Schmerz fährt durch den Kopf. Sticht. Migräne. Attacke. Attacke deswegen, weil der Schmerz aus dem Nichts kommt. 

Laut der Schmerzklinik Kiel sind in Deutschland 18 Millionen Menschen von Migräne betroffen. Und dennoch: Die Krankheit ist weiterhin unterschätzt und nicht ausreichend erforscht. 

Marius Krämer und Hady Daboul wollen Betroffenen mit Migräne helfen. Ihr Ansatz: Neurozentrietes Training per App: Heyvie. Sie wollen Menschen den Schmerz nehmen. Denn Präsentismus ist in der Arbeitswelt ein großes Thema: „Viele Arbeitnehmer:innen wollen nicht zugeben, dass sie Migräne haben“, sagt Daboul, Gründer der App Heyvie. „Schaut man Statistiken an, gibt es nur wenige Krankheitstage aufgrund von Migräne“, sagt Krämer. „Viele gehen mit den Schmerzen arbeiten, haben viele Tage mit Präsentismus.“ Präsentismus heißt, man ist im Büro anwesend, kann sich nicht konzentrieren und quält sich durch den Arbeitsalltag. 

Bei der Neuroathletik, so der Fachbegriff, werden durch kleinste Bewegungen Reize im Gehirn gesetzt, die dann wiederum mittels des Nervensystems an den Körper kommuniziert werden. 

Was und wie wird trainiert?

Und so funktioniert Heyvie: Nach der Anmeldung füllt man einen Fragebogen aus. Im nächsten Schritt kommen Bewegungstests. Die macht man selbst zu Hause. „Man öffnet beispielsweise den Mund und beobachtet, ob man ihn grade oder leicht nach rechts oder links geneigt öffnet“, sagt Daboul. Leidet jemand unter Migräne, ist nämlich laut dem Gründer eine starke Einseitigkeit zu beobachten. Ob eine Überprüfung durch die Nutzer:innen selbst nicht gefährlich ist? Die beiden Gründer entwarnen. Laut ihnen funktioniere das sehr gut.

Die Übungen setzen da an, wo es nötig ist: Nacken, Kiefer, Augen und Gleichgewicht. Augen? Gleichgewicht? Wie soll das helfen? Beispiel: Sitzt man lange am Schreibtisch, werden die Augen müde, der Kopf kippt nach vorne, es entsteht hoher Druck auf den Nacken, der Nacken wird fest. Da lässt sich mit Übungen gegensteuern.

„Wenn eine Übung dir gut tut, reduziert sie den Stress im Nervensystem. Wenn du weniger Stress im Nervensystem hast, kannst du dich besser bewegen“, sagt Daboul. Also prüft man vor Beginn der Übung, wie weit man beispielsweise den Kopf nach rechts drehen kann und wiederholt das Ganze nach der Übung. Klappt es besser, ist die Übung für einen geeignet.

„Für mich war der Gedanke, Patient:innen bei Rückenschmerzen bloß eine Ibu und Physio zu verschreiben nicht sehr befriedigend“

Hady Daboul, Gründer Heyvie

Zwölf Wochen dauert das Programm von Daboul und Krämer. Die Übungen bauen aufeinander auf. Drei Mal Drei Minuten am Tag muss man sich für sie Zeit nehmen.

Studien, dass neurozentriertes Training hilft, kommen laut Daboul langsam. Bei den Übungen in der App werden die einzelnen Studienergebnisse zur Besserung der Migräne herangezogen. Wie ein Nerv stimuliert wird, durch einen Elektroimpuls oder eine Bewegung, ist egal, solange der Effekt am Ende der Selbe bleibt. Das nutzen Krämer und Daboul. So reguliert beispielsweise langes Ausatmen den Vagus-Nerv hoch. Ein Nerv von dem gezeigt werden konnte, dass er durch elektrische Stimulation, Attacken bei Menschen die unter Migräne leiden, einen positiv Effekt auf die Attacken hat. Dennoch: Bekannt ist neurozentriertes Training nicht. Viele Ärzt:innen schlagen es ihren Patient:innen erst gar nicht vor, weil sie damit nicht vertraut seien, sagt Daboul.

Wie die beiden Gründer auf Migräne kamen

Das Produkt von Krämer und Daboul ist eine Symbiose ihrer Expertise. Daboul hat Medizin studiert. Während seines Studiums wusste er jedoch bereits, dass er kein Arzt werden möchte. „Für mich war der Gedanke, Patient:innen bei Rückenschmerzen bloß eine Ibu und Physio zu verschreiben nicht sehr befriedigend“, sagt Daboul. „Ich will Patient:innen lieber zeigen, wie sie sich selbst helfen können.“ Statt wie andere Medizinstudierende ging Daboul nach dem Studium nach Dortmund in die Hirnforschung. Vor Vor 7 Jahren begann er seine neurozentrische Ausbildung in den USA bei der Firma Z-Health – mit dem Mastertrainer schloss er dieses Jahr die Ausbildung ab.

Krämer hingegen hat vor Heyvie sieben Jahre digitale Produkte wie Apps gebaut, unter anderem im Krypto-Fintech-Bereich. Er ist der Digitalo von den beiden, gab seinen sicheren und gut bezahlten Job auf, entschied sich für die Gründung. „Für mich war es einfach nicht mehr erfüllend, ob eine Person mehr oder weniger jetzt in Bitcoin investieren kann“, sagt Krämer. „Ich wollte was mit Impact machen und da gab es für mich von Beginn an nur die beiden Themen Klimaschutz und Gesundheit.“

„Alle haben gesagt, wir können neurozentriertes Training nicht digital machen. Wir wollten das Gegenteil beweisen“

Marius Krämer, Gründer Heyvie

Bei den beiden Gründern war die Idee des neurozentrierten Trainings vor der Migräne-Thematik da. Die hat sich quasi ergeben, durch Gespräche mit Menschen, die das erste allgemeine Konzept von Heyvie durchlaufen sind. Das beruhte auf Leistungssteigerung und Resilienz. „Menschen die Migräne haben, geht es wirklich nicht gut. Die meisten haben sich mit der Krankheit einfach abgefunden und damit, dass ein paar Tage im Monat verloren sind”, sagt Krämer. „Es gibt einfach nicht viele Alternativen gegen Migräne. Das war für uns der größte Ausschlagpunkt uns darauf zu spezialisieren.“

Die allererste Version der App, die haben Krämer und Daboul allerdings gelöscht. Sie hatten keinen Businessplan, haben sofort ein Produkt gebaut. „Alle haben gesagt, wir können neurozentriertes Training nicht digital machen. Wir wollten das Gegenteil beweisen”, sagt Krämer. Die erste Version war also nur ein Test-Case. Im September 2021 stellten Krämer und Daboul dann acht Mitarbeitende ein, fingen mit Heyvie so richtig an. Sie arbeiten gemeinsam dran, die App immer weiter auszubauen, sind auf der Suche nach Investor:innen. „Wir denken uns manchmal: ‚Was ist wenn irgendjemand da draußen die Fähigkeit hätte irgendwas krass Gutes für die Gesellschaft zu machen, aber sie oder er kommt nicht auf die Idee, weil die Migräne die Person ständig aufhält?’”, sagt Krämer. „Das wäre doch schade.“

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.