Wie Frauen sich nicht länger unter Wert verkaufen
Gastbeitrag von Pamela Obermaier, Autorin und Businessmentorin.
Viele Frauen fühlen sich durchgehend gestresst und haben nie genügend Zeit für sich selbst. Zusätzlich haben etliche von ihnen einen Kontostand, der nicht zu ihrer Ausbildung, ihren Fähigkeiten und ihrem Engagement passt und wagen es trotzdem nicht, sich für eine bessere Stelle zu bewerben oder sich selbstständig zu machen, weil sie sich nicht für gut genug halten – und sich damit meistens selbst unterschätzen. Woran liegt das und wie können sie das für sich ändern?
Die Hintergründe: Frauen sind immer noch unterbesetzt
Jahrhundertelange Geringschätzung und Kleinhaltung von Frauen in unserer Gesellschaft ist dank Epigenetik nicht spurlos an uns vorübergegangen, sondern hat Selbstzweifel genährt. Wen wundert’s, wenn man bedenkt, dass Frauen in unserem Land vor 100 Jahren noch nicht einmal wählen durften. Und trotz heutzutage angestrebter Frauenquote und regelmäßig aufkeimender Bemühungen, Frauen in Politik und Wirtschaft präsenter zu machen, sprechen die aktuellen Zahlen gegen nachhaltigen Erfolg in Bezug auf die Gleichstellung und Gleichberechtigung: So sind Professuren an deutschen Hochschulen zu rund 75 Prozent an Männer vergeben und Bürgermeisterposten in Deutschland sogar zu 91 Prozent von Männern besetzt. Auch die zehn größten überregionalen Zeitungen und Nachrichtenredaktionen hierzulande werden zu 75 Prozent von männlichen Herausgebern und Chefredakteuren geführt. (Und dass ich »männlichen« dazuschreiben muss, damit klar ist, ob es sich um Männer oder Frauen in diesen Funktionen handelt, obwohl es sich dabei um einen Pleonasmus handelt, weil die Begriffe »Herausgeber« und »Chefredakteur« bereits Männer bezeichnen, zeigt, wie viel noch getan werden muss …) Diese Zahlen zeigen ungeschönt, dass Frauen nach wie vor unterbesetzt und viel zu wenig präsent sind.
Equal-Pay-Day und Gender-Pay-Gap lassen grüßen
Auch dass Männer in Bewerbungsprozessen bevorzugt behandelt werden, ist keine paranoide Einbildung zu emotional gestrickter Feministinnen. Das beweisen die Ergebnisse einer Studie, in der eine Gruppe von Unternehmen zweimal dieselben 5.000 Bewerberinnen und Bewerber präsentiert bekamen – einmal zusammen mit den üblichen Informationen zum Namen und sozialen Hintergrund. Daraus ergab sich, dass lediglich fünf Prozent derer, die ausgewählt wurden, Frauen waren. In der zweiten Runde wurden diese persönlichen Daten nicht übermittelt – und der Anteil der diesmal für Vorstellungsgespräche ausgewählten Frauen lag plötzlich bei 54 Prozent.
Wenn es zu einem späteren Zeitpunkt um Beförderungen oder Gehaltserhöhungen geht, sieht es leider nicht anders aus: Frauen werden wesentlich seltener berücksichtigt als Männer. All das führt unterm Strich zum Mahnmal »Gender-Pay-Gap«: 2024 hat die Lohnschere zwischen Männern und Frauen mit 17,6 Prozent eine nach wie vor viel zu hohe Zahl ergeben. Und der daraus resultierende Equal-Pay-Day fiel in Deutschland heuer auf den 6. März, was bedeutet, dass Frauen erst ab diesem Stichtag für ihre Erwerbstätigkeit bezahlt wurden, während Männer bereits seit Beginn des Jahres Lohn bzw. Gehalt für ihre Leistungen erhalten hatten.
Problemfeld »Care-Arbeit«
Einen großen Teil der Basis für das Ungleichgewicht zwischen den klassischen Geschlechtern bildet die unbezahlte Care-Arbeit, also die Versorgung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen. Das hat nicht nur negative Konsequenzen für die betroffenen Frauen selbst, indem sie zu einer Beschäftigungslücke für Frauen führt, sondern für die komplette Wirtschaft, denn diese hauptsächlich von Frauen verrichtete Care-Arbeit würde dreimal so viel umsetzen wie die weltweite IT-Branche, würde sie bezahlt werden.
Ein Lösungsansatz: In fünf Schritten zum verdienten Marktwert
Weil sich das System nicht von heute auf morgen ändern lässt, aber sehr wohl der eigene Selbstwert, ist ein Lösungsansatz für betroffene Frauen, bei sich selbst anzufangen. Denn was das eigene Gehalt oder die eigenen Preise betrifft, so gilt eine unumstößliche Wahrheit für alle gleichermaßen: Man bekommt nicht, was man tatsächlich verdient, sondern den Wert, den man überzeugend vermitteln kann. Und wer in seinem Inneren zu wenig Selbstwert spürt, kann auch keinen hohen Marktwert nach außen transportieren. Darum ist es essenziell, dass Frauen in Bezug auf ihre Selbstsicherheit zulegen und mehr und mehr in die Sichtbarkeit zu kommen, weil sie das Ticket zu einem hohen Marktwert sein kann.
In einem ersten Schritt geht es darum, den eigenen Wert als Frau und Arbeitskraft zu begreifen und die bislang damit verbundenen Selbstzweifel über Bord zu werfen. Das gelingt durch eine Reihe an Selbstreflexionsübungen, in denen Frauen sich auf die eigenen Stärken besinnen, indem sie sich folgende Fragen über sich selbst beantworten:
- Worin bin ich Erwachsene so richtig gut?
- Woran kann ich das, worin ich so richtig gut bin, festmachen? Wie zeigt sich das für mich? Wie zeige ich das nach außen und wie wird das von meinem Umfeld wahrgenommen?
- Was hab ich in meinem aktuellen oder vorherigen Job so richtig gut gemacht?
Dann darf ein neues Money-Mindset kreiert werden, denn es braucht einen neuen Fokus auf Geld, der langfristig zu finanzieller Gesundheit führt. Das wird umsetzbar, sobald man die eigenen Überzeugungen und Glaubenssätze in Bezug auf Geld aufgespürt und neu programmiert hat. Dabei hilft etwa das bewusste Hinterfragen, woher die eigene Haltung Geld gegenüber kommt:
- Wie stehen oder standen meine Eltern in Bezug auf Geld da?
- Wie habe ich meine Mutter während meiner Kindheit im Umgang mit Geld erlebt?
- Wie habe ich meinen Vater während meiner Kindheit im Umgang mit Geld erlebt?
- Gibt es etwas, das mir meine Mutter immer wieder über Geld gesagt oder geraten oder aufgetragen hat?
- Gibt es etwas, das mir mein Vater immer wieder über Geld gesagt oder geraten oder aufgetragen hat?
In einem dritten Schritt sollten bislang unerkannte und teils ungeahnte Möglichkeiten ins Blickfeld rücken, die möglicherweise zum eigenen Gamechanger werden könnten. Auch hierfür gibt es mehrere Übungen, die Aha-Erlebnisse auslösen, wenn man sich nacheinander auf sie einlässt und dabei den kritischen Geist auf die Ersatzbank schickt. Hier eine erste kleine Auswahl an Fragen dazu:
- Welche Beschäftigung erfüllt mich? Worin kann ich so tief versinken, dass ich Zeit und Raum um mich vergesse?
- Worüber könnte ich ohne Punkt und Komma reden, bei welchem Thema hängen andere buchstäblich an meinen Lippen?
- Was kann ich so richtig gut? Wofür bekomme ich die meisten Komplimente?
- Was würde ich beruflich machen, wenn ich wüsste, dass es erfolgsgekrönt sein wird?
- Welcher Arbeit würde ich nachgehen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?
Im vierten Schritt ist es wichtig, den eigenen Businesswert möglichst realistisch zu ermitteln. Dafür sind Recherchearbeiten, Konkurrenz- und Marktanalysen notwendig, aber auch eine Reihe von Fragen kann aufschlussreiche Antworten bringen – etwa die folgenden:
- Was ist es wert, das Wissen weiterzugeben oder einzusetzen, das ich über die Jahre erworben habe?
- Wie viel würde ich jemandem bezahlen, der die gleiche Arbeit oder Dienstleistung wie ich anbietet, wenn ich genau das brauchen würde, was ich für meine Arbeitgeber oder Kundschaft bzw. Klientinnen und Klienten mache?
- Was haben die Menschen, die mich bezahlen, von dem, was ich für sie tue?
Und im letzten Schritt darf sich eine Frau in ihrer Selbstsicherheit so lange durch gute Vorbereitungen auf Gehalts- oder Preisverhandlungen und auch mithilfe von Rollenspielen pushen, bis sie keine Probleme mehr damit hat, zu verlangen – und sich zu holen –, was ihr zusteht. Denn für andere verkaufen und verhandeln Frauen in den meisten Fällen großartig – nur für sich selbst nicht. Und deshalb ist es für Frauen an der Zeit, diese Fähigkeiten fürs eigene Vorankommen gewinnbringend einzusetzen.

Buchtipp:
»Wie viel bin ich wert? Das einzige Buch, das Frauen dazu bringt, über Nacht mehr Geld zu verdienen«