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Wie grüne Versprechen vom billigen Strom eine deutsche Industrie-Ikone in Wanken bringen 

Wie grüne Versprechen vom billigen Strom eine deutsche Industrie-Ikone in Wanken bringen 
Robert Habeck (Buendnis 90/Die Gruenen), Bundesminister fuer Wirtschaft und Klimaschutz und Vizekanzler, aufgenommen in Osnabrueck am 18.09.2024 beim Besuch des Stahlwerks Georgsmarienhuette Fotografiert als Offizieller Fotograf/Photo taken as Official Photographer Foto: Picture Alliance
Erschienen
Lesezeit7 Min · 1.340 Wörter

Im Stahlwerk Georgsmarienhütte haben sie früh auf Strom als Energie für ihre Hochöfen gesetzt. Ganz so wie es der Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck will. Doch dann schoss der Strompreis in die Höhe und vernichtet jede Perspektive für die innovativen Stahlkocher. Das Ende der Produktion in Deutschland steht bevor. 

Merkwürdige Wendungen der Geschichte waren für das Stahlwerk Georgsmarienhütte schon immer Begleiterscheinungen. Dass die an sich gesunde Industrie-Ikone in Familienhand nun womöglich abgebaut wird und Richtung Ausland verschwindet, wäre allerdings mehr. Doch genau damit droht Anne-Marie Großmann. Sie hat das Stahlwerk, das ihr Vater schon mal vor dem Untergang gerettet hat, übernommen. Sie hat daraufgesetzt, dass der grüne Strom, den die Regierung versprochen hat, kommt. Und sie muss nun feststellen, dass dieser Weg möglicherweise in einer Sackgasse endet. 

Der Vater Jürgen Großmann hatte das marode Stahlwerk in der Stadt bei Osnabrück, die nach dem Unternehmen benannt ist, einst übernommen und neu aufgebaut. Es war eine unternehmerische Großtat. Ziemlich glänzend stand sie dann da: Die Firma zählt nach eigener Darstellung zu den führenden europäischen Anbietern für hochwertigen Rohstahl, Blankstahl und Edelbaustählen. Der Stahl wird auf Basis von Schrott über die Elektrolichtbogenofenroute hergestellt. „Hierdurch leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und sind Vorreiter in der nachhaltigen Stahlerzeugung“, können die Stahlkocher stolz von sich sagen.  

Doch die die Tochter steht nun womöglich vor dem Ende der Produktion im Inland – doch keineswegs aus den Gründen, aus denen manche Erben das Vermögen der Gründer verspielen. Vielmehr sind düstere Aussichten bundesweit der aktuelle Standard bei mittelständischen Industrieunternehmen. Manche trifft es besonders hart. Obwohl sie vermeintlich alles richtig gemacht haben. Die Georgsmarienhütte Holding ist eine dieser Unglückskandidaten: Großmann Junior folgte den Visionen der Politik, glaubte etwa den Worten und kühnen Projektionen eines grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck und schuf darauf bauend eigene Zukunftsszenarien. Machte einen „Green Deal“ mit sich selbst und betrieb das ehrgeizige Vorhaben emissionsarmer, umweltfreundlicher Herstellung sogenannten grünen Stahls auf heimischem Boden. Die Energie dazu sollte künftig aus grünem Wasserstoff kommen, wie regierungsseitig tagein, tagaus propagiert. Die Zukunft, die man braucht, um das alltagstauglich zu entwickeln, wurde und wird allerdings gerade so gut wie abgedreht.  

Es mag viele Schuldige geben an den ungekannten Spitzenpreisen an der Strombörse und dem offenbar rat- und antriebslosen Zusehen der Politik dabei, wie manchmal die  Energiemixverhältnisse, vor allem aber die Kosten der Energiewende in Deutschland aus dem Ruder laufen, während erst in der Zukunft das Rettende kommen soll. Ukrainekrieg, Abschaltung einwandfrei funktionierender Kernkraftwerke, Wind- und Sonnenkraft, die im trüben Winter nur ausnahmsweise liefern kann, sind der Hintergrund für die Misere. Das alles, so sagt Anne-Marie Großmann (36), geschäftsführende Gesellschafterin der GMH Holding und Strategievorstand der Georgsmarienhütte, verdient jetzt ihre klare Antwort. Und die lautet: „Ohne Umdenken in der Politik wird es künftig keinen Stahl mehr aus Deutschland geben.“ Punkt. 

Die Hütte gehört zu den Mittelgroßen in Deutschland, 6000 Mitarbeiter erwirtschafteten zuletzt rund 2,3 Milliarden Euro Jahresumsatz. Hauptkunden sind die Automobilindustrie – ein Thema für sich -, Kraftwerkshersteller (und ja, auch Windradbauer), die Rüstungsindustrie und der Maschinenbau. Angesichts einer Verdoppelung der Stromkosten in den letzten fünf Jahren auf derzeit unter dem Strich 84 Millionen Euro jährlich, ohne dass man diese gigantische Preissteigerung weitergeben könnte, tickt nun die Uhr. Um sie zu stoppen, so lässt Großmann durchblicken, die das Manager Magazin treffend „eiserne Lady” getauft hat, braucht es mehr als „warme Worte”, denn das sei bislang alles, was aus der Bundesregierung gekommen sei: Wie warm die auch immer sind, für den Betrieb eines modernen Gleichstrom-Elektro-Lichtbogenofens zur Stahlschmelze reicht es nicht. Denn auf den setzte und setzt das Unternehmen, seinerzeit als erstes in Europa, ebenso wie weitere hochtechnologische Verfahren und Produkte.  

Der Dank für die Innovationsfreude scheint bislang in zum Beispiel untragbaren Netzentgelten zu bestehen, „45 Prozent des Strompreises sind das bereits”, so Großmann: „Das bringt uns ziemlich weit in die Bredouille, denn diese Energiekostenentwicklung hat keiner unserer Wettbewerber im Ausland”, so die promovierte Volkswirtin. Man muss nur ins Nachbarland Frankreich schauen, da kostet Strom die Hälfte, Netzentgelte kennt man dort nicht. Es muss ein Schock für die nüchtern kalkulierende Managerin mit ihrem Hintergrund als Unternehmensberaterin gewesen sein, dass die Elektrostrategie, die als Ausweg aus der teuren Anlieferung von Kohle erschien und zudem umweltfreundlicher gestaltet werden konnte, plötzlich zur Achillesferse wurde. Derzeit braucht GMH jährlich eine Terawattstunde Strom und ebensoviel noch einmal an Gas. Das ist der Stromverbrauch einer Großstadt. Auf die Schnelle lässt sich das auch nicht ändern. 

Die Georgsmarienhütte hat es im Laufe der Geschichte schon mehrmals mit Widrigkeiten zu tun gehabt, kein Wunder in knapp 170 Jahren. Die ganze Richtung etwa passte schon bei der Gründung 1856 der bäuerlichen Bevölkerung nicht. Die leistete hinhaltenden Widerstand, ebenso gegen die notwendigen Eisenbahnlinien für den Hüttenbetrieb (damals begann das Ausland in der deutschen Kleinstaaterei übrigens wenige Kilometer weiter, ein Umzug kam dennoch nicht in Frage). König Georg V und Königin Marie von Hannover hatten Mittel und Wege, das Werk wurde gebaut. Und überlebte das Königreich, die deutsche Staatsgründung, zwei Weltkriege (wenn auch nur unter Schwierigkeiten) und einen Bombenangriff. Von der britischen Besatzung 1945 stillgelegt, baute man den Betrieb mit Hilfe amerikanischer Marshallplan-Gelder wieder auf, und der Großindustrielle Klöckner übernahm die Werke. Stahlkrise war ab den siebziger Jahren eigentlich immer – und die Nachfahren jener Protestbauern von 1856 demonstrierten zu tausenden diesmal für den Erhalt der Hütte. Das gelang dann dem Klöckner-Manager Jürgen Großmann, der kühne Retter in schwerer Zeit, der den ganzen Laden für den symbolischen Preis von zwei Mark kaufte – und sanierte. Und zukaufte, und im Ausland investierte. Den Löwenanteil allerdings in Deutschland, und das blieb auch so – bis jetzt. Die Industrie, so Jürgen Großmann schon vor Jahren und wiederholt  gegenüber dem Autor dieser Zeilen, muss in Deutschland bleiben, egal wie. Georgsmarienhütte ist heute ein stahlorientierter Hightech-Konzern, dem man zuhause mit Achselzucken begegnet. 

Das Drama verspricht, noch „einige Monate”weiterzugehen, sagt Anne-Marie Großmann. Wenn die Verhältnisse in der Industrie so blieben wie im letzten Vierteljahr, stehe man vor dem Abgrund, so Alexander Becker, Chef der Georgsmarienhütte vor wenigen Tagen. Hunderttausende Arbeitsplätze seien bedroht in Deutschland, und möglicherweise könne das schnell gehen mit dem Abbau.  

Das Großmann Team ist nicht zufällig jetzt nach vorne geprescht. Vor der Bundestagswahl im Februar ist natürlich die Energie ein Thema, und auch wenn politisch lärmender Stillstand herrscht in Berlin: Es streiten sich die Kandidaten von CDU/CSU, Grünen und SPD, so dass man in der Industrie allenfalls düstere Vorstellungen entwickeln kann, wie es denn weitergeht. Aktuell macht Friedrich Merz (CDU) dem grünen Wasserstoff eine Absage; der werde kaum in absehbarer Zeit zu vertretbaren Preisen herstellbar sein, was wohl belegbar sein sollte. Robert Habeck (Grüne) widerspricht dröhnend und verteilt die Schurkenrolle an die Opposition, die SPD ist ebenfalls empört: Merz lege die „Axt an die Stahlproduktion in Deutschland”, heißt es – als sei der CDU/CSU-Kandidat verantwortlich für die technischen Schwierigkeiten, den nötigen grünen Wasserstoff konkurrenzfähig bereitzustellen. Und für alles andere, was der Industrie Sorgen macht. GMH-Chef Becker sieht dagegen das Ende der Zuschüsse zu den Netzentgelten als einen entscheidenden Knackpunkt: Dadurch entstanden der Georgsmarienhütte 19 Millionen Euro zusätzliche Kosten, auf einen Schlag. Die tatsächliche Politik der letzten Jahre ist denn doch von stärkerer Durchschlagskraft als die Meinungen wahlkämpfender Parteistrategen über die Zukunft. Ob die Untätigkeit der Politik nun das größere Übel ist, oder dagegen gerade ihre Tätigkeit – darüber sind sie sich möglicherweise sogar im Führungskreis von Georgsmarienhütte uneinig.   

Reinhard Schlieker

Der langjährige Wirtschaftsjournalist und Autor Reinhard Schlieker bringt einen breiten Fernsehhintergrund mit. 1991 ist Schlieker in die Redaktion des ZDF-Heute-Journals eingetreten. Im Jahr 2000 wechselte er in die Finanzredaktion des ZDF mit Livemoderationen von der Frankfurter Börse in den aktuellen Nachrichtensendungen. Für Millionen Fernsehzuschauer ist Schlieker das seriöse Gesicht der deutschen Börse. 2001 veröffentlichte er das Buch „Zwischen Reibach und Ruin“. Während der Finanzkrise 2008 arbeitete er zeitweise im Team des ZDF-Studios New York und ab 2010 des ZDF-Studios Washington mit. Schlieker war zuvor für den deutsch-britisch-schweizerischen European Business Channel mit Sitz in Zürich tätig, für den er zeitweise auch als Korrespondent aus Paris und London berichtete.