Wie Otovo Solarenergie für private Haushalte voranbringen will
Das norwegische Unternehmen Otovo ist seit 2016 auf dem Markt und mittlerweile in sieben europäischen Ländern aktiv. Über die Plattform sollen Hauseigentümer:innen schnell und einfach Solarzellen von lizenzierten Handwerksbetrieben auf dem eigenen Dach installieren lassen können.
In Deutschland gibt es dabei noch eine Menge Potenzial von ungenutzten Dächern. Laut Otovo sind derzeit nur elf Prozent der Dächer in Deutschland mit einer Solaranlage ausgestattet. Welche Herausforderungen es dabei für das Unternehmen gibt und wie es um unsere aktuelle Energiepolitik steht, darüber haben wir mit Otovos CEO Andreas Thorsheim im Interview gesprochen.
Wieso gründet man ein Unternehmen für Solarenergie ausgerechnet in Norwegen? Immerhin ist es dort häufig dunkel.
Andreas Thorsheim: Wie du schon sagst, ist es in Norwegen die Hälfte des Jahres dunkel. Außerdem ist Norwegen bekannt für teure Arbeitskräfte und günstige Elektrizität. Es sind also nicht die besten Umstände für ein Solar-Unternehmen. Man könnte es vergleichen mit einem Höhen-Training für Athleten. Es härtet uns ab. Wenn wir es hier schaffen, sind wir bestens für die restlichen Märkte vorbereitet.
Welchen Vorteil erhofft ihr euch davon?
Der Fakt, dass Arbeitskräfte hier teuer sind und der Strom sehr günstig ist, hat uns dazu gebracht, so viel wie möglich im Installationsprozess von Solarzellen auf dem Dach zu digitalisieren und automatisieren. Damit keine zeitverschwenderischen Besichtigungen vor Ort nötig sind. Das ist auch der Grund, warum wir für ein Drittel der Kosten der größten Player aus Amerika Solarzellen installieren können.

Warum kam die Expansion nach Deutschland erst an siebter Stelle?
Wir haben immer auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis für das Wachstum geachtet, deshalb haben wir ein sehr ausgeklügeltes System für die Auswahl neuer Länder: die Anzahl der Einfamilienhäuser, die Anzahl der Häuser, die den Bewohner:innen gehören, die Anzahl der Installateur:innen pro Kopf, pro Region im Land, die Höhe der Subventionen, das Netztarifsystem.
Insgesamt sind es 70 Parameter, die beachtet werden. Beim ersten Mal war Schweden auf Platz eins. Beim zweiten Mal war es Frankreich und beim dritten Mal war es Spanien. Deutschland war sehr oft die Nummer zwei oder Nummer drei, aber nie die Nummer eins.
Irgendwann kam dann der Punkt, an dem einer unserer Vorstandsmitglieder meinte: „Wenn ihr es jetzt nicht macht, macht ihr es nie“. Deutschland ist immer das wichtigste Land in einem europäischen Expansionsplan. Wenn du die Nummer eins in Europa werden willst, musst du in Deutschland erfolgreich sein.
Was denkst du über die aktuelle Energiepolitik in Deutschland?
In der Vergangenheit hat Deutschland viel für die Energiewende getan. Dass die Solarenergie auf der ganzen Welt eine so große Rolle spielt, war in gewisser Weise der Verdienst Deutschlands. Derzeit ist der deutsche Einfluss in der EU für den Green Deal wichtig.
Während wir hier reden, herrscht Krieg in unseren Nachbarsländern. So wie ich das sehe, haben wir nur noch wenig Zeit, um endlich nicht mehr von der Gaslieferung aus dem Osten abhängig zu sein. Es beschleunigt sozusagen den Need nach einem Energiewandel, um die Dekarbonisierung Europas voranzutreiben und das Klimaziel einhalten zu können.
Es geht also auch darum, die Energie lokal zu produzieren?
Ja, absolut. Ich komme aus einer Öl-Nation. Hier in Oslo sind die Wohnungsmieten teurer als in Berlin, weil hier so viel Geld mit Öl gemacht werden kann. Der Wandel macht den Leuten auch Angst. Auch in Deutschland gibt es diese Angst: Auf der einen Seite müssen wir unsere Energie umstellen, gleichzeitig sind viele Leute abhängig von Kohlekraftwerken.
Mit der Sonne kann man in Norwegen mittlerweile günstiger Energie produzieren als mit Wasser. Mit Windenergie kann man günstiger Energie gewinnen als mit Kohle. Das ist großartig, denn wenn die Energie günstiger wird, werden wahrscheinliche auch viele Produkte günstiger.
In Deutschland wird viel über Offshore-Energie diskutiert. Warum denkst du, fokussiert sich die Debatte so sehr darauf?
Das Gute daran ist eben, dass man es nicht im eigenen Garten stehen hat. Ich verstehe schon, dass Onshore-Wind in den schönen Landschaften von Bayern oder in den Fjords von Norwegen ein kontroverses Thema sind. Ich bin da allerdings sehr liberal und denke, wir gewöhnen uns an neue Ästhetiken.
Wenn ich zum Beispiel auf ein Dach gucke und sehe keine Solarpanels, denke ich, dass es ein verschwendetes Dach ist. Als ich vor einigen Wochen in der Schweiz zum Skifahren war, stand dort ein Windrad neben der Piste. Für mich hat es das Erlebnis verbessert. Es fühlte sich gut an.

Allerdings muss man eine Balance halten. Am Ende wird eine Kombination aus allen Arten der erneuerbaren Energie nötig sein. Ich finde es absurd, dass Leute denken, unser Bedarf wird ausschließlich mit Offshore-Energie oder nur mit Solarenergie gedeckt.
Wenn ich mich dazu entscheide, Solarpanels über Otovo auf meinem Dach zu installieren: Was muss ich beachten?
Eigentlich nicht viel. Das ist das wichtige, dass wir uns von den Early Adoptern wegbewegen. Bei Otovo nennen wir sie „Engeneering-Dads“. Das sind die Typen, die gerne tüfteln und genauestens über die Technologie Bescheid wissen. Wir möchten aber auch Leute wie Buchhalter:innen, Metzger:innen oder Lehrer:innen ansprechen, die keine Ahnung von Kilowattstunden haben.
Unsere Mission war es, eine UX zu entwickeln, die so einfach ist, wie ein T-Shirt zu bestellen. Außerdem bieten wir auch eine Mietoption an, weil natürlich nicht jede:r einfach so 10.000 Euro herumliegen hat, die investiert werden können. Wir wollen mit Otovo die Einstiegshürden für Solarpanels so klein wie möglich halten, denn die Leute haben deutlich wichtigere Dinge zu tun. Wenn Solarzellen auch noch eine Last sind, werden sie sich dagegen entscheiden.
Wie sieht der interne Prozess aus, wenn ich bei Otovo Solarzellen bestelle?
Wenn du deine Adresse eingibst, findet unser Tool dein Haus und abhängig von den Kartendaten, die die Regierung über Luftbildaufnahmen und Satellitenbilder zur Verfügung stellt, wissen wir mehr oder weniger über dein Haus. Je nachdem musst du weitere Details zu deinem Haus eingeben. Anschließend können wir genau berechnen, wieviel Sonne auf dein Dach strahlt und wieviel Energie daraus produziert werden kann.
Unsere Installateur:innen sind alle lizenziert und liefern uns im Vorhinein Referenzprojekte. Sie alle haben einen Code of Conduct unterschrieben und arbeiten nur mit bestimmten Solarpanels von unserer Whitelist. Außerdem können sie bewertet werden. Bei zu vielen schlechten Bewertungen fliegen die Installateur:innen aus unserem System heraus.

Wenn aber alles funktioniert und ich meine Solarzellen installiert habe, wird sofort der Strom von meinem Dach genutzt?
Sobald die Anlage betriebsbereit ist und vom Netzbetreiber genehmig wurde, kannst du sie anschalten. Anschließend musst du dich nicht mehr weiter um die Solarzellen kümmern. Wenn die Sonne darauf scheint, wird Strom erzeugt und ersetzt Energie, die du sonst aus dem Stromnetz bezogen hättest.
Sollte mehr Strom erzeugt werden als benötigt, kann der Strom ins Netz eingespeist werden und der Stromzähler läuft rückwärts. Oder du speicherst die Energie in einer Batterie.
Wieso sollte man die Energie in einer Batterie speichern?
Wenn du Energie aus deiner Solaranlage in das Stromnetz einspeist, lohnt sich das in Deutschland nicht so wirklich. Denn die Energie, die du aus dem Netz beziehst ist teurer als die Einnahmen, die du mit der Energie aus deiner Anlage bekommen würdest. In anderen Ländern wie der Niederlande bekommt man den gleichen Preis fürs Einspeisen, den man für die Nutzung zahlen muss.
In Deutschland gab es mal ein deutlich lohnenderes System für private Solarzellen, allerdings ist das heute nicht mehr der Fall. Doch man spart mit Solarzellen immer noch 20 bis 50 Prozent der ursprünglichen Stromrechnung.
Welche Zukunftsvisionen verfolgt ihr mit Otovo? Auf wie vielen Dächern wollt ihr in den nächsten Jahren Solarzellen installieren?
Die größten Player in den USA schaffen 100.000 im Jahr und die USA ist kleiner als Europa. Außerdem gibt es dort bereits viele Häuser mit Solarzellen auf dem Dach. Die Marktdurchdringung ist also schon deutlich vorangeschrittener.
100.000 ist also nicht das Limit für ein europäisches Unternehmen. Wir glauben, mit unserem Start in über zehn europäischen Ländern setzen wir den Grundstein, um die Zahl in den nächsten drei bis vier Jahren zu übertreffen.