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„Mit Manieren gehört man heute zur Elite“: Ex-Böhmi-Sidekick Cohn im Interview

william cohn interview
Frank Bauer
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 906 Wörter

Herr Cohn, Sie haben ein Buch über Manieren geschrieben, das einerseits witzig, aber auch ernst gemeint ist. Wie soll man sich Ihrer Meinung nach verhalten, um seinen Mitmenschen möglichst wenig auf den Geist zu gehen?

Einem Mitmenschen auf den Geist zu gehen oder nicht – das ist eine Kunst, die niemand kann! Das hängt nämlich auch von der Disposition des betreffenden Mitmenschen ab – und wenn jemand will, dass man ihm auf den Geist geht, ist der Geistgeher einfach, nun ja, eine arme Sau. Es gibt Menschen, deren Schlips ist derartig lang, dass man gar keine andere Chance hat, als sich darin zu verheddern.

Ihr Buch ist im Grunde ein Plädoyer für althergebrachte Regeln. Sind Manieren mittlerweile etwas Exzentrisches?

Man könnte es auch arrogant formulieren: Mit Manieren gehört man heute eben zur Elite! Aber es gehören sehr viele unterschiedliche Aspekte zu der Story hinter meinem Buch: Als ich jung war, hat mich meine Mutter mit einem Buch namens „Der gute Ton von heute“ geradezu erschlagen. Das Buch war schon damals so was von veraltet, das war sagenhaft. Darin habe ich als Allererstes gelernt, wie man in Anwesenheit gekrönter Häupter richtig rückwärtsgeht. Und, Sie werden es nicht glauben, das hat mir tatsächlich auch einmal im Leben geholfen! Aber das Buch war, wie man in der Jugendsprache heute wohl sagt, „so was von 1913“. Der ganze Duktus dieses Buchs war so niederschmetternd, dass man sich quasi per se schlecht benehmen muss, um diese ganze Einschüchterung zu überleben.

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Für Cohn ist Stil keine Frage von Kleidung – sondern von Haltung. Foto: Frank Bauer

Und so etwas wollten Sie auch verfassen?

Irgendwann ist mir dieses Buch wieder in die Hände gefallen, und ich dachte: bitte, nein! Dann habe ich nachgeschaut, was die Knigge-Gesellschaft heute eigentlich macht, welche Bücher es von irgendwelchen wohlmeinenden Gräfinnen und so weiter gibt. Und alle haben, für mein Empfinden, eine Sache gemeinsam – und das ist der erhobene Zeigefinger. Und auf den ist heute niemand mehr scharf!

Weil schlechtes Benehmen für viele heute zum guten Ton gehört? Wenn man den entsprechenden Status und ausreichend Kleingeld besitzt, hat man Benimm. Sind wir denn schon an dem Punkt, dass man sagen kann: Ja, in Berlin ist halt der Kapuzenpulli angemessene Businesskleidung?

Es gibt eine Grundregel, die ich gerne mag – das sind die geputzten Schuhe. Wenn Sie nun also mit tadellos geputzten, idealerweise Maßschuhen, auftreten, können Sie dazu tragen, was Sie wollen, auch einen Kapuzenpullover. Man wird Sie immer als einen Gentleman erkennen. Aber Sie müssen das Risiko eingehen, dass das nicht jeder erkennt. Wenn Ihre Kleidung also sonst vollkommen verrattet und verdreckt ist, könnte es also trotzdem sein, dass der Türsteher Sie nicht reinlässt!

Mit dem sogenannten Ugly Look, einer Mode, die absichtlich hässlich und provokant sein will, können Sie also offenbar nicht allzu viel anfangen?

Zunächst: Mode ist nicht zwingend mit Stil verbunden. Ich glaube ganz fest daran, dass jeder Mensch irgendwann an den Punkt kommt, an dem er herausfindet, was sein persönlicher Stil ist. Heute sind wir, ich kann es nicht anders sagen, in der glücklichen Lage, dass wir keinen Diktaten mehr unterworfen sind – eigentlich. Dem widerspricht nämlich einerseits der Dresscode von Firmen und Anlässen – und andererseits natürlich das Gefühl vieler junger Menschen, eine bestimmte Marke tragen zu müssen, um zu einer Gruppe dazugehören zu können.

Dann lieber Stilvorschriften als Modediktat?

Das Modediktat steht der eigenen Freiheit jedenfalls ganz massiv entgegen. Ich persönlich glaube daran, dass jemand, der geistig unabhängig ist, auch in der Lage sein muss, seinen persönlichen Stil zu finden. Worin immer man sich wohlfühlen und wie immer man sich selber darstellen will.

Wenn das stimmt, sind zumindest die allermeisten Männer nicht sonderlich frei in ihrem Denken. Männerkleidung ist doch sehr gleichbleibend, langweilig und feige.

Dass Männerkleidung einhergeht mit diesem Stil eines Gentleman, das hat auch damit zu tun, dass sich Männerbekleidung über viele Hundert Jahre kaum geändert hat. Seit die vielfarbigen Formen verschwunden sind, sind in Mitteleuropa ja selbst Bälle total einfarbig geworden.

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„Der gute Ton von Cohn – elegant durch alle Lebenslagen“ (Goldmann, 240 S.) erscheint am 18. Dezember.

Sie kleiden sich sehr klassisch, aber trotzdem auch sehr bunt.

Ich bin da ja ein bisschen der lebende Anachronismus. Ich habe mich mein Leben lang nie um ein Mode- oder ein sonstiges Diktat geschert. Das war mir so was von wurscht! Das Einzige, was mir wichtig war: dass die Schuhe gut und bequem sind. Und, dass die Kleidung sauber ist. Mehr muss es nicht sein. Ob das andere gefällt oder ob jemand die Nase rümpft, das ist gleich.

Gibt es dann überhaupt so etwas wie allgemeine Regeln für gutes Benehmen?

Gutes Benehmen ist ja nicht, dass man sich irgendwelchen Regeln unterwerfen muss. Sondern dass man sich aus seinem Herzen heraus verhält. Dabei schadet es natürlich nicht, die Formen zu beherrschen und etwa einer Dame einen Handkuss geben zu können, der sitzt und nicht affig daherkommt. Wenn man das mal gelernt hat, ist das großartig. Nur, authentisch muss man dabei sein.

 

 

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Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.