„Ernährung, da werden Leute wahnsinnig“ – YouTuber Kurzgesagt im Interview
Wie hast du mit den Videos angefangen? Und warum?
Im Design-Studium bin ich Youtube-Fan geworden und habe wahnsinnig viel Youtube geguckt. Relativ früh bin ich auf die Bildungsszene gestoßen. Es gab diese großen Bildungscreator, die alle super unterhaltsam waren. Ich habe das als Unterhaltung konsumiert und wollte gar nichts lernen, wurde aber dann zu einem richtigen Fan.
Als sich mein Studium dem Ende zuneigte, habe ich mich relativ spontan entschieden, ein Video als Bachelorarbeit zu machen. Ich konnte nicht illustrieren, habe auch noch nie etwas geschrieben. Das war ein fürchterlicher Höllenprozess. Ich habe dafür einen Freund angehauen, der das alles animiert hat. Dann hat es irgendwie funktioniert.
Das Studium war zu Ende, ich hatte noch ein bisschen Erspartes über und keine Perspektive. Da habe ich mir gedacht: Wenn ich die Lebenskosten runterschraube, kann ich von dem Geld noch ein halbes Jahr leben. Also habe ich es nochmal mit einem Video probiert und einen anderen Freund angehauen, der animieren konnte.
Was hattest du studiert?
Ich habe zuerst Geschichte studiert, habe das aber nicht zu Ende gemacht. Dann bin ich zu Kommunikationsdesign gewechselt, mit dem Fokus auf Infografiken.
Wieviel Leute seid ihr in eurem Team?
Ich habe heute gelernt, dass wir 32 sind. Aber es schwankt immer ein wenig. Praktikant*innen kommen und gehen. Ich sage mal, wir sind 30 Leute.
Kannst du erklären, wie ihr euer Geld verdient?
Wir haben ganz viele verschiedene Einkommenssäulen. Wir haben natürlich Werbeeinahmen auf YouTube. Dann machen wir noch Crowdfunding über die Plattform Patreon, das ist so eine Art monatliches Crowdfunding, wo Fans ihre Lieblingscreator unterstützen können. Das ist eine wichtige Einnahmequelle für uns.
Außerdem machen wir Sponsorships. Unternehmen können, wenn sie zu uns passen – zu den meisten Angeboten sagen wir nein – Spots hinten im Video kaufen. Dazu verkaufen wir noch Merchandise. Da haben wir auch ein Leuchtturmprodukt, das machen wir einmal im Jahr, was einen Großteil unserer Merchverkäufe ausmacht.
Wir haben auch Förderungen wie die „Bill & Melinda Gates Foundation“, die einfach wollen, dass gewisse Themen im Internet mehr besprochen werden. Die letzte Säule ist die Partnerschaft mit Funk, die vor allem den deutschen Kanal finanziert, was uns aber auch insgesamt aushilft.
Wie bist du denn überhaupt auf die Idee gekommen, deine Videos auf Englisch zu machen?
Das weiß ich gar nicht mehr. Ich habe meine Bachelorarbeit auch schon auf Deutsch und Englisch gemacht. Deshalb hat sich das einfach richtig angefühlt. Ich hatte damals ja auch keine Ahnung von sowas. Zwei Sprachversionen auf einem Kanal hochzuladen, ist völlig bescheuert. Aber das wusste ich da noch nicht.
Wie fühlt sich das denn für dich an, berühmt zu sein und auf der Straße trotzdem nicht erkannt zu werden?
Ich bin ja nicht berühmt, das ist auch gut so, das will ich nicht sein. Das merkt man auch am Kanal: Wir haben nie Behind-The-Scenes gemacht, nie Gesichter gezeigt. Das ist auch Absicht. Wir wollen dieser Art von Fankult und parasozialen Beziehungen entkommen.
Ich muss auch zugeben, dass bevor wir fünf Millionen Abonnenten hatten, ich gar nicht begriffen hatte, dass wir ein großer Kanal sind. Weil wir in München in unserer Bubble sind und unsere Motivation intrinsisch ist. Wir motivieren uns quasi gegenseitig, weil wir auch geilen Content machen wollen.
Mittlerweile verstehe ich, dass viele Leute echt Fans sind. Aber wir treffen sie auch nicht oft. Deshalb: Fühlt sich mega weird an, um deine Frage zu beantworten.
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Werden denn eure Sprecher*innen erkannt?
Weiß ich nicht, das habe ich nie gefragt. Steve, unser englischer Sprecher, kriegt viele Fan-Emails, das weiß ich. Aber auf der Straße wird er glaube ich nicht erkannt. Der klingt auch ganz anders, wenn er normal redet.
Was sind die Themen, über die eure Community am meisten diskutiert?
Ernährung. Holy shit, beim Thema Ernährung verlieren die Leute sämtliche Contenance. Egal, was du sagst. Wir haben zwei Videos gemacht, in denen es um Fleischkonsum geht und wie gesund der ist. Wir haben echt gut recherchiert, ist ja nicht so, als würden wir uns einfach Sachen ausdenken. Leute sind ausgetickt. Die „Ich esse ganz viel Fleisch“-Leute waren super aggro. Und die Veganer auch so: „Ja nö, sehen wir anders.“
Einer hat ein Video gemacht, in dem er unsere Sätze bearbeitet und Wörter rausgenommen hat. Dann hat er gesagt: „Schaut, wenn wir dieses Wort rausnehmen, dann bedeutet der Satz etwas ganz anderes.“ Ich dachte mir: Was!? Ja klar, wenn du Wörter aus unseren Sätzen nimmst, sagen wir andere Sachen, richtig. Ernährung, da werden Leute wahnsinnig.
Wie kommt ihr denn auf eure Themen?
Ich mache, worauf ich an dem Tag Bock habe. Dann ist es meistens ein langer Prozess. Ich habe ein riesiges Bündel mittlerweile, tausende Themen. Meistens, wenn ich was Neues anfangen muss, scroll ich durch die Liste und schaue, auf was habe ich gerade Lust habe und was grob ins Jahr passt.
Da die Recherche ja sehr lang und anstrengend ist, ist die Hauptfrage: Macht das Spaß? Das können aber auch super komplizierte Nerdthemen sein, nicht nur quatschig.
Wie stellt ihr sicher, dass eure Videos keine Falschaussagen beinhalten?
Also normalerweise ist es so: Ich oder meine Redakteur*innen machen die Recherche. Danach wird das Skript geschrieben. Das dauert alles ein paar Wochen. Sobald ich eine Skriptversion habe, für die ich mich nicht mehr schäme, gebe ich die meinem Team und sage: Sucht mir eine*n Wissenschaftler*in, der*die sich das anschaut. Oder am besten zwei.
Sobald das passiert ist, bekomme ich das Dokument mit Feedbackkommentaren. Dann weiß ich, worauf ich achten muss. In der Regel schreibe ich das dann fertig. Was dann auch nochmal Wochen oder Monate dauern kann. Wenn das fertig ist, gebe ich es nochmal Wissenschaftler*innen. Idealerweise anderen.
Im Best-Case haben wir zwei mal zwei unterschiedliche Wissenschaftler*innen, die in verschiedenen Stadien Feedback geben. Mittlerweile haben wir, Gott sei Dank, ein großes Netzwerk an Wissenschaftler*inen, die unsere Arbeit gut finden und gerne mit uns arbeiten.
Wieviel Arbeit steckt in einem eurer Videos?
Wir arbeiten ja an drei bis vier Videos parallel und acht bis zehn Leute arbeiten an einem Video insgesamt 1200 Stunden oder mehr. Dieses Jahr war es auch eigentlich zu viel, nächstes Jahr machen wir weniger Videos. Da haben wir uns ein bisschen übernommen.
Das erklärt, warum ihr nur zwei Videos im Monat bringt. Trotz der hohen Frequenz der Konkurrenz schafft ihr es, mit wenigen gut recherchierten Videos einer der größten Kanäle auf Youtube zu sein.
Was soll ich sagen, es gibt ja dieses berühmte Youtube-Playbook: Was man machen soll, um erfolgreich zu werden. Wir haben jede einzelne Regel davon gebrochen. Irgendwie funktioniert das so, ich weiß auch nicht.
Kannst du dir denn erklären, warum Wissensvideos, vor allem eure Videos, so erfolgreich sind?
Ich denke, das liegt am Gesamtpaket. Es ist sicherlich, weil sie geil aussehen, super animiert und geschrieben sind und die Musik stimmt. Und weil Steve eine Stimme wie Honig hat. Es ist sicherlich auch, weil wir viele Themenperspektiven bieten.
Wir versuchen immer, wenn wir ein Thema machen, das so zu beleuchten, wie es noch niemand gemacht hat. In irgendeiner Form originell zu sein und andere Perspektiven auf Sachen zu bieten, die aber alle in Fakten verankert sind. Also nicht ideologisch, sondern: Hey, wie ist denn die Welt? Woher kommt die ganze Plastikverschmutzung? Die Antwort war am Ende: Ja, es ist völlig egal, ob wir hier Plastikstrohhalme verbieten, denn die Mehrheit des Plastiks im Meer kommt aus China und Indien.
Ich glaube, es ist wahrscheinlich das Gesamtpaket. Wir machen die Videos, wie wir sie gucken wollen.
Was war dein Plan, bevor du mit Youtube gestartet hast?
Ich habe gedacht, ich werde vielleicht Autor von Infografikbüchern. Ich hatte ein Buch über das Immunsystem gemacht und da bin ich parallel, als der Kanal noch sehr klein war oder gar nicht existiert hat, von Verlag zu Verlag gerannt und habe gefragt: Hey, wollt ihr das nicht verlegen?
Alle haben gesagt: Das interessiert keine Sau, was du da machst. Ich habe die Grafiken genommen und ein Video daraus gemacht. Das ist jetzt unser zweiterfolgreichstes Video.
Habt ihr denn konkrete Pläne für 2020? Gibt es da Neuerungen?
Ich hoffe sehr, dass wir es vielleicht schaffen, nächstes Jahr noch einen Geschichtskanal an den Start zu bringen. Aber das ist nicht leicht. Sonst ist nichts Großes geplant.
Was ist momentan eure größte Herausforderung?
Unsere größte Herausforderung ist Stress. Es ist schon herausfordernd, diese Sachen so zu machen, dass das finanziell funktioniert. Ich habe das allerbeste Team, das sind wirklich alles großartige Leute. Seit fünf Jahren habe ich Leute eingestellt und es hat noch niemand gekündigt.
Es sind wirklich alles unfassbar gute Menschen, die das mit voller Begeisterung und Energie machen. Wir pushen uns dadurch auch gegenseitig die ganze Zeit. Wenn man sich die Videos über die Jahre anschaut, ist die Qualität ja mittlerweile absurd.
Die größte Herausforderung ist es, das alles irgendwie zu machen, ohne auszubrennen. Da sind wir jetzt gerade dran, Mechanismen zu schaffen, überlegen und gucken, wie wir das hinkriegen: Wie machen wir das, ohne uns selbst zu viel zu zumuten.