Yukon Arctic Ultra: Robert Pollhammer veranstaltet in Kanada den härtesten Wettlauf der Welt
Ohne die Pillen, sagt Robert Pollhammer, hätte er es damals nicht gepackt. 30 Grad unter null, das Eis, der Schnee, darauf war er nicht vorbereitet. Er hatte gerade mal den ersten von vielen, vielen Checkpoints erreicht, ein paar Stunden geruht, noch keine 24 Stunden Gerenne im Schnee von Alaska hinter sich, als sein Schienbein höllisch zu schmerzen begann. Entzündung. Komplette Katastrophe.
Pollhammer ist an sich kein Typ, der leichtfertig zu Schmerzmitteln greift. Nicht, wenn es um Sport geht. Und eigentlich war er trainiert, so fit wie vorher und nachher nie wieder in seinem Leben. Während der Vorbereitung für den Lauf hatte er sich jeden Morgen um 4 Uhr auf den Weg gemacht, war gerannt, oft einen ganzen Marathon noch vor der Arbeit. Blöd bloß: Die zugeschneiten Pfade des nördlichsten Nordens Amerikas verhalten sich null wie die flachen Feldwege auf Pollhammers Laufstrecke. Dazu der weiche Schnee, zu wenig getrunken, die Schuhe etwas zu eng geschnürt. Das reicht unter solchen Umständen, dass der Körper aufgibt.
Also griff Pollhammer das erste Mal in seinem Leben zu Pillen, um ein Rennen zu beenden. Extreme Umstände erzwingen extreme Maßnahmen. Es funktionierte: Er rannte, trabte, schleppte sich samt entzündetem Schienbein, den Gepäckschlitten hinter sich herzerrend durch das Eis, fast 200 Kilometer. Lag nachts alleine in der eiskalten Dunkelheit, stellte sich seinen Urängsten, dachte an die Wölfe, die ihn fressen könnten, daran, dass er sich komplett alleine in der Natur befand. Am Ende schaffte Pollhammer es ins Ziel. Unter Schmerzen, aber hey. Und sein allererster Gedanke danach: Das hier mache ich auf jeden Fall noch mal.

Damals, 2001, waren Rennen wie eben jenes Iditasport Exoten unter den Laufevents, überhaupt waren solche Extremstläufe noch die Ausnahme und ein Fall für Verrückte und Hasardeure. Und der Iditasport war der heilige Gral der Ultraevents. Begonnen hatte der 1987 als Iditabike, ein Fahrradrennen auf der Strecke des härtesten Schlittenhunderennens der Welt entlang der alten Goldgräberroute. 337 Kilometer durch Eis und Schnee. Mit den Jahren wurden immer längere, absurdere Distanzen ins Angebot aufgenommen, Läufer konnten sich anmelden. Im Jahr vor Pollhammers Teilnahme wurde gar ein Iditasport Impossible angeboten: 1 600 Kilometer – absoluter Irrsinn. Und Robert Pollhammer, der seinen ersten Lauf durchs Eis gerade so hinter sich gebracht hatte, wollte Teil dieses Irrsinns werden, meldete sich als freiwilliger Helfer für das folgende Jahr.
Was Pollhammer nicht wissen konnte: Der Veranstalter des Rennens war selbst ein Hasardeur, der nicht viel mehr bereitstellte als Start, Ziel und T-Shirts für die Teilnehmer. Einer, der über sein Rennen sagte, es würde ihm unter PR-Gesichtspunkten nicht schaden, wenn mal jemand auf der Strecke bleiben würde. Ein Typ, der exakt in dem Jahr, als Pollhammer mithelfen wollte, erst unter Betrugsverdacht geriet und sich schließlich absetzte. Pollhammer zögerte kurz, dann griff er zu. Und das, obwohl er einen durchaus ausfüllenden Job bei einem der größten Tourismusunternehmen in Deutschland hatte und quasi nebenbei das Rennen am Yukon organisieren musste. Aber wann hat man schon die Chance, Veranstalter des kältesten und härtesten Ultrarennens der Welt zu werden?
Der Anfang war zäh, sehr zäh. „Es haben fast alle gesagt: ,Der spinnt‘“, erinnert sich Pollhammer. Damals gab es noch keine Facebook-Gruppen, keine Spezialblogs für Ultraläufe, keinen Großsponsor, der Geld für ein paar durch die Wildnis rennende Verrückte übrighatte. Pollhammer wandte sich an die Veranstalter des berühmtesten Ultrarennens durch die Wüste, des Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara, knüpfte Kontakte zu Läufern und Rennausrichtern, reiste an den Yukon, lernte die Macher des dortigen Hundeschlittenrennens kennen. Sie vom Vorhaben eines vollkommen seriösen und perfekt organisierten Laufes durch den Schnee zu überzeugen erwies sich als schwierig. „Hundeschlittenrennen konnten die Yukoner sich noch vorstellen. Aber wenn die hören: Da kommen Leute, die wollen das rennen, dann denken die erst mal: Die haben einen Vogel.“
Bären, Elche, Wölfe
Aber Pollhammer versprach, er werde Teilnehmer finden, der Lauf der Region gute Presse einbringen und dass seine Läufer – große Sorge der Hundeschlittenleute – die Schneedecke der Strecke nicht zerstören würden, also keine Gefahr bestehe, dass sich die Tiere dort die Beine brechen. Am Ende hatte Pollhammer die Unterstützung einiger lokaler Größen, Helfer vor Ort und 27 Teilnehmer. Der erste, nun Montane Yukon Arctic Ultra getaufte Lauf konnte starten.
Der Yukon ist ein Mythos: Jack London, Goldrausch am Klondike River, 100 000 Glücksritter, großes Abenteuer, Grizzlys, Braunbären, Elche, Wölfe. Früher lockte der Fluss hoffnungsfrohe Männer auf der Suche nach Reichtum an. Heute kommen, angezogen von Bergen, unberührter Natur, im Sommer Touristen – und im Winter niemand. Zumindest niemand bei Verstand. Ideale Voraussetzungen, damit ein paar Dutzend Bekloppte ungestört durch die Taiga rennen können.
Genau genommen ist der Yukon Arctic Ultra nicht ein Lauf, sondern ein Gemischtwarenladen des Wahnsinns: Man kann, als kürzeste Distanz, einen einfachen Marathon durch Schnee und Eis rennen. Aber auch 100, 200, 300 und 430 Meilen – umgerechnet fast 700 Kilometer. Die verschiedenen Distanzen werden auf dem Mountainbike, auf Langlaufski oder eben zu Fuß zurückgelegt. Es gibt keine Etappen, keine festen Unterkünfte, keine Routine, bloß ein paar Checkpoints bei in der Wildnis lebenden Familien oder an den Gemeindezentren kleinerer Orte. Verpflegung, Zelt, Equipment muss man in einem Plastikschlitten hinter sich herziehen.

Die Wetterbedingungen machen das Ganze nicht einfacher. „Wir haben den kältesten Marathon veranstaltet, der jemals gelaufen wurde – mit minus 42 Grad. Das war besonders. Da hat auch nur einer das Ziel erreicht“, sagt Pollhammer. „Aber immerhin.“ Dazu kommt: Im Februar geht die Sonne über dem Yukon erst um 10 Uhr auf, um 17 Uhr ist sie wieder weg. Das bedeutet vor allem Rennen durch die Dunkelheit. „Im Durchschnitt sind unsere Teilnehmer 20 Stunden am Tag auf den Beinen und schlafen vier“, sagt Pollhammer. An Rennen im herkömmlichen Sinne ist da, wie er bei seiner eigenen Teilnahme feststellen musste, nicht zu denken. „Man nennt das ja Ultralauf. Aber eigentlich ist der Yukon Arctic Ultra eher eine Expedition.“
Anders gesagt: Der Yukon Arctic Ultra ist so extrem, dass 2017 das dritte Mal ein Mediziner der Berliner Charité das Rennen begleiten wird, um die Auswirkungen auf den menschlichen Körper zu untersuchen. Eigentlich ist der Arzt am Center for Space Medicine angesiedelt. Sein Ziel: zu sehen, wie Körper auf extreme Kälte reagieren, um abschätzen zu können, was Reisen zum Mars mit dem Menschen so anstellt.
Es ist aber nicht nur für den Körper totaler Irrsinn. Für die 100-Meilen-Strecke hat man drei Tage Zeit, ein fitter Wanderer schafft das ohne Probleme. Die Herausforderung liegt laut Pollhammer woanders: „Kälte und Einsamkeit. 70 Prozent, sagen unsere Teilnehmer, ist Kopfsache.“ Manchmal aber, sagt Pollhammer, wird es schlicht zu kalt. „Unser Rekord lag bei minus 57 Grad, da mussten wir dann auch die lange Distanz abbrechen, das war schon extrem.“
Vor allem aber macht der Yukon verrückte Sachen mit den Menschen. „Wenn man sich in der Natur bewegt, relativiert sich vieles. Alltagsprobleme kommen einem unwichtig vor. Und man merkt, dass man die Zeit, die man hat, doch dazu verwenden sollte, was einem Spaß macht“, sagt Pollhammer. Er hat Menschen gesehen, die nach dem Rennen ihren Job gekündigt und die Scheidung eingereicht haben. Er hat Menschen gesehen, die sich während des Laufs durch die arktische Wildnis verliebt und später geheiratet haben. Der Lauf am Yukon, durch die Kälte und die Nacht, bringt klare Gedanken. Oder wenigstens den Glauben, alles klarer zu sehen.
Erfolg in der Nische
Reich wird man mit so einem Lauf nicht, auch wenn die Teilnehmer der langen Distanzen allein bis zu 2 550 Dollar für das Rennen bezahlen. „Der Yukon war die ersten drei, vier Jahre kein Gewinnprojekt“, sagt Pollhammer. Aber mit seiner Firma The Great Outdoors hat er sich einen Traum verwirklicht: Sein eigener Chef sein, Dinge tun, die anderen Menschen wirklich etwas bedeuten.
Neben seinem eigenen Event arbeitet Pollhammer heute auch als Renndirektor für Großveranstaltungen, ähnliche Runs in Brasilien und in der Wüste. Er vertreibt außerdem die Kleidung eines britischen Spezialausrüsters für Outdoorkleidung in Deutschland und über einen eigenen Onlineshop Equipment für Ul-tra-rennen wie den Yukon Arctic Ultra. Eine in jeder Hinsicht extreme Nische – aber eine, die funktioniert, weil sie den Läufern etwas bietet, das sie nur hier finden.

„Wenn man das alles durchmacht und übersteht und das Ziel erreicht, ist man einfach nur glücklich und hat unheimlich viel Selbstvertrauen getankt“, sagt Pollhammer. „Unsere Teilnehmer sind Menschen, für die das Wichtigste im Leben nicht ein teures Auto oder ein Haus ist. Das sind Menschen, die sagen: Ich muss was erleben! Das ist viel mehr wert als etwas Materielles.“ Anders gesagt: Es gibt Dinge, die kann man sich kaufen, andere nicht. Was man sich erarbeiten muss, hat einen anderen Wert. So gesehen sind Rennen wie der Yukon Arctic Ultra der ultimative Luxusartikel.
Einmal will Pollhammer selbst noch als Läufer an den Start gehen. 330 Kilometer, 24 000 Höhenmeter ohne feste Etappen, freie Zeiteinteilung – das sind die Rahmendaten der Tour des Géants, bei der er 2018 teilnehmen will. Vom Fuß des Montblanc auf Höhenwegen quer durch die italienischen Alpen, die Grenze zu Frankreich entlang, durch zwei Nationalparks nonstop. Könnte eine ähnliche Hölle wie der Yukon Arctic Trail werden. Aber immerhin nicht so kalt.
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 01/2017 der Business Punk. Titelgeschichte: “Mister Snapchat.“ Mehr Infos gibt es hier.