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Zeit für Game-Changer

Zeit für Game-Changer
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit19 Min · 3.772 Wörter

In seinem Job spielt er entscheidende Pässe, er schießt entscheidende Tore. Jetzt gibt er hier die entscheidenden Impulse: Serge Gnabry hat als Chefredakteur an der neuen Ausgabe mitgewirkt und bringt seine Perspektive auf wichtige Themen ein.

Glückwunsch zum neuen Job!

Danke. Ich muss zugeben: Es ist das erste Mal für mich in der Chefredakteursrolle. Ganz cool.

Als Chefredakteur kannst du anderen Menschen eine Bühne geben. Wie triffst du deine Auswahl?

Eine Faustregel ist: Surround yourself with good people. Ich habe zum Glück Menschen in meinem Umfeld, die mich inspirieren, die ich aber auch fördern möchte. Wenn ich ihnen hier bei Business Punk eine Plattform geben kann: Super! Viele Themen sind auch persönliche Interessen. Reisen zum Beispiel. Ich habe gemerkt, wie viel mir das gibt. Als Profisportler sind wir elf von zwölf Monaten so gefangen in der Bubble, in der uns immer jemand sagt: Das darfst du heute, mach das morgen, mach das übermorgen, mach das nicht an dem Tag … Diese wenige freie Zeit des Reisens nutze ich, um andere Dinge zu sehen. Ich möchte aber wirklich andere Kulturen kennenlernen, komplett was Neues sehen. Das hat mir schon so viel gegeben, das möchte ich hier teilen.

Du warst in Japan. Was hat dich an Tokio so geflasht?

Das stand schon seit Jahren auf meiner Bucketlist. Dann kam Corona dazwischen, sonst hätte ich das definitiv schon eher gemacht. Ich habe Interesse an der Kultur, am Essen, an der Fashion. Wie sich die Menschen dort verhalten, gefällt mir persönlich sehr gut. Ich war geflasht, wie anders das einfach ist. Eine andere Welt. Die Themen Respekt, Ordnung und Disziplin werden dort sehr, sehr großgeschrieben. Die Menschen waren superfreundlich. Wobei man das auch wieder differenzieren kann. Man hört ja auch die Geschichten, dass die Menschen dort hinter verschlossenen Türen auch nicht immer so glücklich seien, es aber nach außen nicht zeigen würden. Jeder ist erst mal offen, jeder ist freundlich. Du redest mit jemandem, und die Person hört dir wirklich zu. Aus Respekt und Dankbarkeit wird sich dort oft verneigt. Man hat schon sieben Mal „Danke“ gesagt, aber da ist immer noch jemand, der ein „Danke“ draufsetzen möchte. Freundlichkeit macht alles so viel angenehmer, als wenn jeder eine Fratze zieht. Und ich mag deren Umgang mit älteren Menschen.

Wie meinst du das?

Ich habe die Japaner als sehr respektvoll gegenüber älteren Menschen wahrgenommen. Dort habe ich übrigens viel mehr ältere Menschen gesehen, die noch fit sind, als hier bei uns. Im Teeladen zum Beispiel war eine Frau, die hat sich alle 20 Sekunden in den Schneidersitz gesetzt und vor den Gästen gekniet, sie war mindestens 65 oder 70. Wir haben dort gesessen und hatten schon nach wenigen Augenblicken Krämpfe. Die war so fit. Wahnsinn. Die kulinarischen Eindrücke waren auch unglaublich. Ich habe es immer für ein Gerücht gehalten, dass das Sushi bei uns komplett anders sei als dort, aber es stimmt wirklich. Es ist unglaublich zu sehen, mit welch einer Aufmerksamkeit der Sushi-Meister dort alles zubereitet. Du isst es. Es schmeckt dir. Und der Sushi-Meister ist dankbar, dass er das machen darf. Er ist dankbar, dass es dir schmeckt. Er ist so fokussiert in dem, was er und wie er es macht.

Der Sushi-Meister hat dir erzählt, dass er acht Jahre Reis rollen musste, ehe er den nächsten Karriere-Step gehen durfte?

Ich war fassungslos und konnte es nicht glauben: Acht Jahre lang nur Reis rollen. Und seine Aussage war, dass er immer noch nicht perfekt sei in dem, was er anstrebe. Ich habe wirklich keine Ahnung, was ihm noch fehlen könnte. Das Sushi war perfekt. Aber dieses Immer-besser-werden-Wollen und diese Passion zu haben, gibt dem Ganzen viel mehr Sinn. Was auch immer du erreichen möchtest: Es ist besser, ein Ziel vor Augen zu haben, als es nicht zu haben.

Was fasziniert dich an japanischer Fashion?

Ich finde es geil, dass sie ihren Trends wie Anime, die so verankert sind in ihrer Kultur, immer noch nachgehen. Sie ziehen einfach an, was sie wollen – Hauptsache, ihnen gefällt es. Das vermisse ich in Europa, in Deutschland manchmal. Ich habe oft die Diskussion mit Freunden: Ja, du kannst das anziehen, aber ich nicht. Aber ich ziehe es eben einfach an und du nicht – das ist der einzige Unterschied. Du musst dich einfach nur trauen. Bei japanischen Designern wie Yohji Yamamoto oder Sacai geht es viel um Schnitte, es ist für das Auge sehr ästhetisch. Simplicity, schön, clean, calm. Das mag ich einfach.

Du warst auch in Kopenhagen.

Dort herrscht einfach ein geiler Vibe. Da braucht man nicht viel. Das liebe ich. Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren, irgendwo an den Strand legen. La Banchina, einer meiner Lieblingsorte. Ein Steg am Meer mit einem kleinen Restaurant. Einfach wunderbar. Du nimmst eine Decke, legst dich hin. Die Leute sind entspannt, offen, sehr nett. Vibe, Architektur, Stil. Auch wieder Simplicity. Sehr lässig, wie sich die Menschen dort kleiden. Die Stadt sieht einfach cool aus. Nyhavn ist brutal, ebenso die Brücke auf dem Food Market. Kopenhagen ist schon top.

Und Kolumbien?

Ich wollte schon lange Spanisch lernen. Habe mich dann dazu überwunden, es wirklich durchzuziehen und habe Unterricht genommen. Ein Kumpel und ich haben seit Jahren darüber gesprochen, dass wir nach Kolumbien wollen. Wir lieben Reggaeton Music, die gibt uns einfach immer eine gute Stimmung. Und die kommt natürlich von dort. Bekomme ich noch einmal die Chance nach Kolumbien zu reisen, so weit weg ins Ungewisse? Allein schon den Schritt zu wagen und eine komplett neue Experience zu machen, gibt mir Energie. Aus kulinarischer Sicht habe ich auch wieder etwas mitgenommen: Empanadas. Es ist wirklich krass, wie gut diese Dinger schmecken. Ich bin süchtig. Kann ich nur jedem empfehlen.

Wir waren in Provenza, einer Gegend mit vielen Restaurants und Bars. Die Leute sitzen draußen, überall läuft Musik. Das muss man erleben. Dann waren wir noch in Cartagena, einer superschönen Stadt am Meer. Auch dort konnte man das Leben einfach anders genießen. Und Spanisch kann ich jetzt auch deutlich besser. Ohne Spanisch wäre ich allerdings auch komplett verloren gewesen, da die Leute dort leider gar kein Englisch sprechen.

Die neue Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich!

Business Punk ist die führende Plattform für Start-ups und Founder. Wie ist dein Blick auf die Gründerszene?

Was die Karriere betrifft: Von Nothing to 100, from Zero to Hero – das ist vergleichbar zum Fußball. Wo du von nichts kommst, von der Jugend an deinen Weg gehst, dich hochkämpfst, nach ganz oben, das ist ja wie bei vielen Foundern. Im Spitzensport wie im Unternehmertum geht es um Disziplin, Wille, Vorstellungskraft, um den Glauben an sich selbst, daran, dass du dich am Ende des Tages durchsetzt. Ich finde es krass, was es alles für Ideen gibt. Und immer wieder überraschend, wie viel Gleiches man doch anders machen kann. Meistens wird das Rad nicht neu erfunden. Oft sind es Dinge, die nur besser gemacht werden, vor allem leichter für die Nutzer.

Gibt es eine Founder-Story, die dich am meisten beeindruckt?

Apple. Ich habe das Buch von Steve Jobs gelesen und mich fasziniert immer wieder, dass sie erstens immer noch am Markt sind und dass sie es zweitens wirklich jedes Mal aufs Neue schaffen, dass man sich wieder das neue iPhone holt, was ja eigentlich irre ist. Steve Jobs und Apple ist für mich die beeindruckendste Story. Die haben praktisch die ganze Welt übernommen. Es ist ja nicht so, dass sie einmal ein krasses Produkt gemacht haben und nach fünf Jahren kam nichts Neues mehr und irgendeine andere Marke hat die Rolle übernommen. Sie sind immer noch die krassesten. Ob es ein MacBook ist, ein iPad, Kopfhörer – sie schaffen es immer wieder, das Gleiche besser zu machen. Und man muss es sich einfach holen. 

Es gibt ja auch Fußballstars, die erfolgreiche Founder sind. Dein Kollege Mathieu Flamini vom FC Arsenal zum Beispiel.

Ich habe damals nur mitbekommen, wie viel er telefoniert hat. Und hab gedacht: Was ist mit dem eigentlich los? Bis ich dann einen Artikel gelesen habe, dass er jetzt Milliardär ist. Da habe ich gewusst: Ok, darüber hat er also immer gesprochen …

Ja, eine perfekte Founder-Story. „The Flame“, französischer Nationalspieler. Er hat eine Firma zur Herstellung von Biokraftstoffen mitgegründet, GF Biochemicals. Die Company ist heute 30 Milliarden Euro wert, sein Vermögen wird auf elf Milliarden Euro geschätzt. Und ihr habt zusammengespielt …

Ja, krass. Er war schon immer jemand, der total fokussiert war. Er war fokussiert auf dem Platz, zu 1 000 Prozent. Neben dem Platz war er damals schon eher der Business-Typ, hat viel telefoniert. Er hat sich häufig mit Leuten zum Dinner getroffen, um zu connecten. Auch sehr wichtig und spannend: connecten und networken. Weil nur dadurch lernst du neue Leute kennen, kommst in neue Gespräche, kommst in neue Welten, gehst durch neue Türen, lernst vielleicht irgendjemanden kennen, mit dem sich später etwas Neues ergibt. Wo hingegen bei uns viele in ihrer Bubble sind und oft nur den Fußball haben.

Du hast im Juli auch gegründet: die Serge Gnabry Stiftung. Du unterstützt damit pflegebedürftige Menschen und medizinische Einrichtungen. Viele Founder beklagen die Bürokratie. Wie hast du es erlebt?

Es hat auf jeden Fall eine Weile gedauert. Es war nicht so: Du hast die Idee und let’s go. Es musste alles geprüft werden. Ohne den Support meines Teams wäre es unmöglich gewesen. So einen Start hinzulegen, war für mich schon eine Überwindung, auch weil natürlich alles an mir hängt. Das war auch ein Schritt des Erwachsenwerdens, diesen Weg zu gehen und die Verantwortung zu übernehmen.

Wie lange hast du mit der Idee gespielt?

Schon lange. Ich habe mich vorher bereits in sozialen Projekten engagiert, das war immer in mir drin. Die Idee mit der eigenen Stiftung war eher so, dass ich überlegt habe: Wie kann ich helfen? Frauenhäuser, Krankenhäuser? Mach ich das selbst? In der Diskussion mit meiner Family und den Jungs von ROOF, meiner Berateragentur, ist dann die größere Idee entstanden, lieber eine eigene Stiftung zu gründen, mit der mehr erreicht werden kann und nicht nur so etwas Loses ist.

Wieso hast du dich für den Gesundheitssektor entschieden? Was ist dein Why?

Simple like that: Ohne Gesundheit funktioniert nichts. So einfach würde ich es wirklich bezeichnen. Wenn du krank bist und im Bett liegst, dann interessiert dich nichts anderes, außer dass es dir hoffentlich bald wieder besser geht. Das ist einfach der wichtigste Punkt im Leben.

Du hast einen Satz gesagt: „I want to help where help is needed.“

Das Pflegepersonal, die Pflegeeinrichtungen – ich empfinde Dankbarkeit dafür, was die Leute da alles leisten. Man sieht oft nur die Kranken und denkt: Oh, shit! Aber wenn ich mich frage: Könnte ich kranke Leute pflegen? Könnte ich alte Leute pflegen? Aus dem Stegreif würde ich sagen: Nein, das würde ich nicht packen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ihr euch das fragt bei Business Punk? In unserer Welt heute kannst du Influencer werden und einfach mal kurz Millionen machen, das ist wahrscheinlich der einfachere Weg für eine junge Frau oder einen jungen Mann, als in so einem pflichtbewussten Beruf für wenig Geld zu arbeiten. Die harte Arbeit wird am Ende des Tages nicht genug honoriert. Ich denke, da fehlen oft Dankbarkeit, Respekt und Anerkennung für die Arbeit. Das möchte ich ändern.

Du hast eine Partnerschaft mit der Haunerschen Kinderklink geschlossen, einem der größten Kinderkrebszentren Deutschlands.

Kindern Kraft zu geben – was gibt es Schöneres? Von mir wird ja nicht viel gebraucht. Außer meine Zeit. Das Feedback, die Freude, die Kraft, die das den Kleinen gibt, das ist einfach wunderschön zu sehen. Aber klar: Das ist etwas anderes, als ob ich in einen Buchladen oder so gehe und Autogramme schreibe. Die Eindrücke arbeiten in einem, die Emotionen, die Schicksale … Auch wenn man mit den Eltern spricht. Das größte Feedback, das ich von den Pflegern bekommen habe: Hilf den Kindern und den Familys – das gibt uns so viel Power. Und wir wissen, dass wir den richtigen Job machen. Ich zolle ihnen meinen Respekt. Das ist das Krasseste: Die Pflegerinnen und Pfleger auf den Stationen machen so einen unfassbaren Job und wollen sich nicht mal feiern lassen.

Arnold Schwarzenegger hat mal gesagt, es gibt einen Zeitpunkt in der Karriere, da heißt es: Time to give back.

Definitiv. Aber ich wurde so erzogen, immer zu teilen. Ich glaube, da hilft auch ein Mannschaftssport sehr, weil du merkst, es geht nicht immer nur um dich, du brauchst alle. Alle sind gleich, egal woher sie kommen, sie ziehen alle am selben Strang. Es ist eine intrinsische Motivation zurückzugeben, die war bei mir schon immer da. Aber klar, jetzt bin ich in einer Position, in der ich das noch mehr nutzen kann. Wäre ich jetzt Serge Gnabry, der Maler und Lackierer, dann könnte ich natürlich nicht in diesem finanziellen Maße zurückgeben, wie ich es heute kann. Ich kann heute mein Geld, meine Position, meine Bekanntheit ganz anders nutzen, um zu helfen. Das musste ich aber auch erst realisieren. Helfen zu können, ist natürlich super.

Du unterstützt auch Common Goal, eine Organisation, in der alle Partner ein Prozent ihres Jahresgehalts für soziale Projekte spenden. Bist du einer dieser Spender?

Ja, das bin ich. Seit 2017. Ich finde das Projekt und den Gedanken dahinter einfach super. Wenn viele Spieler dazukommen und viele Menschen aus der Fußballwelt einen kleinen Beitrag leisten, dann kann viel geholfen werden. Deshalb war das für mich auch ein No-Brainer.

Und du baust mit an einem Safe-Hub an der Elfenbeinküste.

Ja, die Elfenbeinküste ist das Heimatland meines Vaters. Und dort etwas aufzubauen, das sich in Jahren hoffentlich selbst trägt, wäre großartig.

Was konkret macht ihr?

Wir bauen Fußballfelder und drum herum ein Community-Center. Der Name Safe-Hub sagt es schon: Es soll ein Safe Space für Jugendliche sein. Ein Ort, an dem sie sich aufhalten, Fußball spielen können, sich geborgen fühlen und auch eine gewisse Education bekommen. Mein Wunsch war es auch, dort eine Klinik einzubauen. Über die Zeit sollen auch Arbeitsplätze geschaffen werden, damit Jugendliche, die das Programm durchlaufen, dort später auch selbst Teacher oder Trainer werden können und ihr Wissen an die nächsten Generationen weitergeben. Es ist unfassbar spannend, das Projekt zu begleiten und gemeinsam mit Common Goal und AMANDLA, die als NGO bereits seit Jahren in Afrika aktiv sind und das Safe-Hub-Modell entwickelt haben, umzusetzen.

Du hast gesagt, dass du als Fußballprofi elf von zwölf Monaten fremdbestimmt bist. Das betrifft auch deinen Style, oder? Wir haben alle gefeiert, wie Noah Lyles bei den Olympischen Spielen in Paris im 100-Meter-Finale Gold geholt hat. Er trug dabei eine XXL-Halskette und Perlen im Haar. Im Fußball vermutlich unvorstellbar, oder?

Guter Punkt. Ich hatte letztens ein Gespräch mit Danny Williams dazu. Er war Fußballer, hat sich dann verletzt und hat jetzt seine eigene Fashion-Brand. Der hat miterlebt, was im Fußball alles nicht geht. Es kommt immer wieder die Diskussion auf. Aber ich glaube, Amerika ist da einfach, ich weiß nicht, ob ich es Vorreiter nennen würde, aber es ist ein Land, in dem die Kultur ganz anders ist und die Leute einfach machen können, was sie wollen. Gut, manchmal ist es ein bisschen übertrieben. Wer weiß, ob Noah Lyles, wenn er ohne Armreifen und ohne dicke Uhr laufen würde, nicht vielleicht doch noch eine Millisekunde schneller wäre?! Aber diese Individualität wird uns hier erst gar nicht gestattet in Deutschland oder in Europa. Das fängt schon früh in den Akademien an: Alle müssen die gleichen Schuhe anziehen, niemand darf eine wilde Frisur haben, keiner soll dieses oder jenes machen. Kreativität und Individualität werden gebremst.

Dabei haben wir uns gesellschaftlich so viel vorgenommen: Diversity, Inclusivity, Wertschätzung. Dieses „Du bist perfekt, so wie du bist“. Aber im Spitzensport scheint das nicht zu greifen, oder?

Ich kann das nicht nachvollziehen. Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Individual- und Mannschaftssportlern, aber in Amerika scheint das mittlerweile schon anders zu sein. Dort sind Athleten häufig schon größer als der Verein, das Franchise. Wahrscheinlich ein entscheidender Punkt, weshalb sie eher machen können, was sie wollen. Es herrscht eine andere Offenheit. In 

Deutschland ist häufig natürlich auch der Neid das Problem. Was sagst du zum Thema Neid?

The German Neid ist immer da. Zeit, das zu verändern. Wir leben in einer Welt, die sich so fundamental ändert. Unsere Art zu arbeiten. 

Remote Work, Homeoffice. Neue Dresscodes. Mit Jogginghose ins Büro. Alles wird akzeptiert. Aber im Fußball gibt es immer noch diese Abkopplung zwischen Performance und persönlichem Style. Wenngleich doch die Persönlichkeit die Performance erst ermöglicht.

Komplett richtig. Es gibt einen Spruch: „Feel good, play good.“ Wahrscheinlich müsste man es am Ende einfach durchziehen. Egal, was kommt.

Gamechanger eben, der Fußball braucht Gamechanger!

Darüber habe ich mit Berti, einem meiner Berater, auch schon des Öfteren gesprochen. Aber am Ende des Tages muss man als Sportler leider auch darauf achten, so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Sonst wird jedes Thema direkt groß gemacht. Wir haben es ja auch gerade mitbekommen: Der FC Barcelona hat auch wieder die ­Tunnel-Fits verboten. Also dass die Spieler auf dem Weg zum Spiel anziehen können, was sie wollen. Die Hoffnung gab es ja auch mal bei uns.

Ich bin vollkommen dabei, dass der Fokus auf dem Sport sein sollte. Aber auch wenn du den vollen Fokus hast, hast du manchmal schlechtere Spiele. Es ist unmöglich, jedes Mal ein perfektes Spiel abzuliefern. Das hat dann nicht unbedingt etwas mit deinem Outfit zu tun oder damit, dass du in der Woche davor mal in Paris oder London warst. Sondern es ist einfach so. 

Aber es wird hier direkt gesagt: Das geht nicht. Du musst dich auf den Fußball konzentrieren. Aber manchmal tut es gut – so habe ich es jetzt beim Reisen gemerkt –, den Kopf frei zu kriegen. Klar, hast du den Fokus tagsüber bei der Arbeit. Aber wenn du den Arbeitsplatz verlässt, ist es auch gut, mal etwas anderes zu machen, etwas, was dir Spaß macht. So ehrlich und klar muss man sein: Jeden Tag Fußballtraining, das macht auch nicht immer nur Spaß. Und da ist es gut, eine Balance zu finden und auch andere Themen in seinem Leben zu haben, weil man so am Ende des Tages auch zufriedener mit sich selber ist.

Du sagst, in Amerika sind die Sportler größer als der Klub. Ändert sich das nicht mit der Social-Media-Power, die jeder Spieler hat. Ein Cristiano Ronaldo hat jetzt eine Milliarde Follower. Das ist doch Macht.

Ich glaube, es shiftet. Einige Fußballer hier sind auch krass. Aber in Amerika stechen die Superstars mehr heraus. Im Fußball wird alles auf elf Leute verteilt, was der Unterschied ist zu den Sportarten in den USA. Da kannst du mit zwei, drei guten Spielern im Team alles dominieren. We­nige Spieler haben mehr Einfluss auf den Erfolg und können somit entscheiden. Bei uns ist das anders, der Verein ist der Stamm. Es ist das System, das es nicht so zulässt.

Inwiefern?

Es gibt viele Themen, für die sich die Fußballwelt aussprechen muss. Jeder wird angegriffen, wenn er eine andere oder auch einfach keine Meinung hat. Ich möchte auf jeden Fall infrage stellen, dass man zu allem eine Haltung haben muss, die vorgegeben wird, die eigene Meinung aber nicht akzeptiert, die persönliche Situation nicht respektiert wird. Manchmal fehlt einem das notwendige Hintergrundwissen oder vielleicht auch einfach das Interesse, um eine klare Haltung zu haben. Dennoch wird erwartet und gefordert, dass man sich dafür ausspricht und alle Movements unterstützt, vor allem im Sport. Das hinterfrage ich. Wenn jemand sich für ein Thema stark machen oder gegen ein Verhalten aussprechen möchte, ist das gut und wichtig. Das kann jeder für sich entscheiden. Ich muss aber nicht immer ein Part davon sein, nur weil ich Fußballer bin. Auch hier geht es um Individualität.

Sprechen wir mal über die Leute, die du feierst. Designer Rick Owens.

Mein favourite Designer. Ich liebe alles, was er macht. Das Extravagante. Er zieht seinen Stil durch. Ich kaufe vielleicht zu viel von ihm – that’s my problem.

LeBron James, der King der NBA.

Ich hatte das Glück, ihn persönlich kennenzulernen in Berlin, das war megacool. Er hat sich für uns die Zeit genommen, wir haben gegessen, Drinks gehabt. Es ist krass, wie fokussiert er auf seinen Job ist, auf seine Charity und wie er sich dafür einsetzt. Sein Leadership-Mindset, das finde ich einfach sehr beeindruckend bei ihm. Ein Natural Leader, Natural Killer.

Kannst selbst du dir da noch was abschauen?

Safe! Leadership, Fokus, Wille. Es ist immer schwer, Sportarten zu vergleichen.

Aber sein Mindset, sein Training, seine Recovery, einfach seine Professionalität. Dieser Wille, immer gewinnen zu wollen, immer mehr zu wollen, länger ein part of the game zu bleiben. Das sind definitiv Dinge, die sich jeder abschauen kann.

A$AP Rocky?

Meine Fashion-Icon. Seine Musik mochte ich erst nicht so sehr, jetzt mag ich sie umso mehr. Ich liebe seine Wandelbarkeit. Bei mir gibt es auch verschiedene Phasen, nicht nur einen Style. Mal chic, mal cool, je nach Anlass und Gefühl. A$AP fasziniert mich, er hat einfach einen gewissen Swag. That’s it.

Interessant, dass er die Genres sprengt. A$AP Rocky kommt aus der Musik, jetzt hat er seine eigene Fashion-Brand. Pharrell Williams macht es bei Louis Vuitton auch.

Ja, das sind echte Gamchanger. Definitiv. Das ist bei uns im Fußball noch schwierig. Dadurch, dass die beiden individuelle Künstler sind, können sie das machen. Wir Fußballer sind ja auch Angestellte eines Vereins und somit weniger flexibel während unserer Karrieren. Wenn ich mir eines aussuchen könnte, wäre ich auch Künstler, damit ich machen kann, was ich will. Safe.

Du bist 29, du hast ja noch Zeit. Vielleicht in deiner nächsten Karriere.

Ja, klar, ich mach ein Rap-Album. Mit 40.

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