Dave Glass macht aus Memes riesige Partyskulpturen

Der Australier Dave Glass hatte keinen Bock mehr auf Werbung. Jetzt bläht er mit Hungry Castle die besten Meme des Internets zu partytauglichen Skulpturen auf.

Was haben das Poop-Emoji, Kanye West und Katzen gemeinsam? Richtige Antwort: Sie sind einerseits Auswürfe des Internets und andererseits so etwas wie die wichtigsten Grundelemente des Onlinehumors. Quasi: Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff für Snapchat, Facebook und Instagram.

Vor allem aber sind das Poop-Emoji, Kanye West und Katzen komplett abstrakt. Auch wenn es Katzen, Kot und Kanye West nach allem, was man weiß, tatsächlich auch im echten Leben gibt, kann man mit wenigen Photoshop-Skills, etwas Gehässigkeit und schneller Denke aus diesen Memen etwas Neues zusammenschrauben, den Witz in eine komplett andere Richtung jagen. Das gerade ist ja das Schöne an der Abstraktion: dass sie keine Grenzen kennt.

Aber es gibt noch eine zweite richtige Antwort: Das Poop-Emoji, Kanye West und Katzen sind nämlich auch Skulpturen des in Barcelona lebenden Medienkunst-Zampanos Dave Glass, der mit seiner Crew Hungry Castle aus den besten Memen des Internets haushohe, knallbunte, aufblasbare Installationen baut und bei Festivals und in Galerien aufstellt. Warum? Warum wohl? Weil es geht. Weil es wahnsinnig gute Laune macht. Und weil die Leute komplett ausflippen, wenn sie ein Eis aus einem sieben Meter hohen, neonrosafarbenen Mr Poopie bekommen. Oder durch eine Hüpfburg springen, die gleichzeitig eine Gefängniszelle und eine Verneigung vor Nicolas Cage ist. Dabei sah es zu Beginn gar nicht nach Party und Bullshit aus, als Dave Glass vor zehn Jahren aus Sydney nach Barcelona kam.

 

Es war Anfang August und brennend heiß, und es gab etwas, das Glass nicht wusste: Jeder Mensch in Barcelona, dem auch nur ein Funken Verstand unter der Stirn zur Verfügung stand, hatte die Stadt und die Hitze hinter sich gelassen und war aufs Land geflohen. „Barcelona ist im Sommer ein riesiges Disneyland für Touristen“, sagt Glass. „Ich habe über Wochen immer wieder versucht, die wenige Kontakte, die ich hatte, zu erreichen – aber niemand antwortete auf meine Mails, niemand ging ans Telefon.“

Glass war frustriert, aber er konnte faktisch gar nicht aufgeben. Er hatte die Brücken zurück nach Sydney sehr, sehr gründlich, im Grunde: zu gründlich abgebrannt und sein vollkommen funktionierendes und vollkommen okayes Leben dort per Kaltstart beendet. Den Job in der Werbung nach sieben Jahren gekündigt, die Beziehung beendet, seine Habseligkeiten verkauft, den Rest in einen Rucksack gepackt und ein One-Way-Ticket nach Paris gekauft. „Ich glaube, dass das Leben beginnt, wenn man sich aus seiner Komfortzone rausbewegt. Ich hatte dieses Gefühl, dass ich etwas verpasse, wenn ich einfach aus Bequemlichkeit bleibe, wo ich bin.“ Auf eine Art hatte Glass gefunden, was er gesucht hatte: Jenseits seiner Komfortzone befand er sich jedenfalls deutlich. „Plötzlich war alles interessant. In den Supermarkt gehen: interessant. Den Preis der Tomaten verhandeln: interessant. Auf der anderen Straßenseite fahren lernen: interessant. Der Alltag war plötzlich faszinierend und inspirierend, ich mochte das.“

 

Glass erkundete die Stadt, erreichte irgendwann seine Kontakte, ergatterte erste Jobs, lernte ähnlich gepolte Grafiker und Street-Art-Künstler kennen. Zwei Jahre, nachdem er nach Barcelona gekommen war, gründete Glass gemeinsam mit dem Iren Killian Cooper Hungry Castle, eine Mischung aus Werbeagentur und Künstlergruppe. Wenn man das Internet nach den ersten Spuren von Hungry Castle durchforstet, eröffnet sich eine Universum des Absurden: Glass, damals noch mit 70er-Jahre-Kassengestell und Henriquatre-Bart, springt durch ein Video für eine skurrile Kinderbelustigung namens „Shit Log“, zu Deutsch: Scheißholz, eine Art Piñata. Bastelt kleine und große Designinstallationen aus Skateboards, Papier und klassischen spanischen Kacheln. Und wirbt im Holzfällerhemd und Jackett für den von ihm und Cooper ins Leben gerufenen ButiClub, einen real existierenden Fanclub für einerseits eine mit Knoblauch gewürzte Schweinswurst namens Butifarra und andererseits für ein traditionelles Bistro in Barcelona, wo eben diese Wurst verkauft wird.

Jeff Koons und Odd Future

Absurd war diese Zeit tatsächlich, erzählt Glass: Während die Auftragsarbeiten, die er gestaltete, in der Öffentlichkeit komplett absoffen, ging die Wurstparty durch die Decke: Ständig waren sie damit in der Zeitung, in Magazinen, es gab sogar eine Dokumentation im französischen Fernsehen. Und irgendwann beschloss Glass, alles auf die Wurst zu setzen. „Klar, war das riskant, aber es war auch der Turning-Point. Ich dachte: Es wird sich schon was ergeben.“ Klar war aber auch: Es würde alles noch größer, noch wilder und noch lustiger werden müssen.

„Wir hatten eigentlich drei Vorbilder: das Internet, Jeff Koons und Odd Future“, sagt Glass heute. „Von Koons hatten wir gelernt, dass es doch auf die Größe ankommt. Wir wussten noch nicht, was und wie genau, aber wir wollten unbedingt etwas sehr Großes entwerfen.“ Von der Hip-Hop-Crew Odd Future um Tyler, the Creator, Frank Ocean und Earl Sweatshirt kopierte Glass das finanzielle Konzept: „Ich habe mir Odd Future eine Weile angeschaut, und irgendwann verstand ich: Das Businessmodell von Odd Future ist, Klamotten zu verkaufen. Die Odd-Future-Gigs waren oft fast kostenlos und dadurch immer pickepackevoll. Aber mit den Klamotten verdienten sie richtig Geld.“

Lionel Richie ruft an

Eines Tages im Jahr 2013, als Glass, wie so viele Menschen, zu viel Zeit im Netz und zu viele Gedanken an bescheuerte Meme verbracht hatte, wusste er, was das nächste große Ding sein sollte: der Kopf von Lionel Richie als begehbare, aufblasbare Skulptur. Mittendrin: ein Telefon, aus dem Lionel Richie nach jedem Abheben „Hello, is it me you’re looking for?“ säuseln sollte. So absurd die Idee war, so ehrgeizig war Glass: Er kontaktierte den englischen Radiomoderator Rob da Bank, ob er die Skulptur bei dessen Festival „Bestival“ aufstellen könne. Erstellte eine Kickstarter-Kampagne, um mit T-Shirts und Hüten den Kopf zu finanzieren. Und bettelte um Aufmerksamkeit, wo immer er konnte.

Auf Twitter schrieb er über Wochen immer wieder Zeitungen, Journalisten und Künstler an und warb für seine Kickstarter-Aktion. Es funktionierte: Am Ende hatte Glass 57 Lionel-Richie-Shirts für knapp 35 Euro, elf Lionel-Richie-Hüte für 55 Euro und sechsmal die Komplettausstattung mit Hut, Shirt und einer Lionel-Richie-LP vertickt und damit knapp 10 000 Euro eingenommen. Es ging sogar das Gerücht rum, Lionel Richie selbst habe 100 Euro gespendet.

Glass war euphorisiert: Er hatte soeben nicht nur eine 3,5 Meter große, aufblasbare Installation eines 80er-Jahre-Schmachtsängers finanziert. Er hatte viel mehr noch: nämlich einen Proof of Concept. Es gab Interesse an Glass’ absurdem Humor! Die Leute mochten die zwischen Beastie und Pet Shop Boys schwankende Ästhetik von Hungry Castle! Die Installation war tatsächlich superleicht zu transportieren – sie war nicht mehr als, wie Glass sagt, „ein zusammengerollter Schlafsack auf Steroiden!“ Und die Leute kauften genügend Shirts und Socken, damit Glass Lionel Richie nicht bloß um die Welt schicken konnte, sondern daraufhin auch noch einen gigantischen Kackvogel, einen überlebensgroßen Mr Poopie, Nicolas Cage in a Cage und eine aufblasbare Katze mit zwei Beamern anstelle der Augen konzipieren konnte. So absurd das in der Theorie klang: Die Menschen wollten den Quatsch, den sie jeden Tag im Internet sahen, tatsächlich auch in Wirklichkeit sehen, anfassen, reingehen und sich damit fotografieren.

Ein bisschen war es so, als wäre Internethumor eine Religion, die auf Götzen gewartet hatte, ohne es zu wissen. Und Dave Glass hatte total Bock, diese Götzen zu bauen.

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe 03/2017. Titelgeschichte: “Besser als Tindern. Mitgründerin Whitney Wolfe verließ Tinder im Streit. Jetzt bekämpft sie mit der Dating- und Networking-App Bumble Sexismus.“ Mehr Infos gibt es hier.


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

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