„Du brauchst eine geile Vision“: Signal Iduna eröffnet neuen Innovationshub

Sind die Signals Open Studios nur ein weiteres Berliner Digital Lab oder hat die neue Marke der Signal Iduna Gruppe Potenzial? Wir haben mit Chief Digital Officer Johannes Rath gesprochen.

Die Versicherung Signal Iduna entwickelt ihre Digitalstrategie weiter und hat dafür die Marke Signals geschaffen. Um neue Geschäftsmodelle entwickeln zu können, springt der Service-Versicherer nun auch auf den Zug der Digital Labs auf: Am 27. Oktober eröffnen in Berlin die Signals Open Studios, direkt am Nordbahnhof in Mitte. Startups aus verschiedenen Branchen sollen hier die Möglichkeit haben, digitale Services mitzuentwickeln und so neue Geschäftsmodelle erschließen.

Sowohl die Marke als auch der Innovationshub befinden sich unter der Leitung von Johannes Rath, dem Chief Digital Officer der Signal Iduna Gruppe. Er ist somit für die Transformationsprozesse im Konzern verantwortlich. Ein Gespräch darüber, mit welchen Startups das Unternehmen zusammenarbeiten will, über konkrete Herausforderungen bei der Digitalisierung und darüber, ob die Sorge gegenüber einer datengetriebenen Versicherungsbranche berechtigt ist.

Es gibt bereits einige Versicherer, die sich Digital Labs leisten. Allianz, Axa oder Ergo haben ihre eigenen Hubs, die neue digitale Geschäftsmodelle entwickelt sollen. Jetzt zieht auch Signal Iduna nach. Was wollen Sie mit den Open Studios besser machen als die Konkurrenz?

Diese Frage haben wir uns auch selbst gestellt: Braucht Berlin noch ein Lab der Versicherungsbranche? Und diese Frage haben wir klar mit Nein beantwortet. Die Idee war daher: Wenn wir in Berlin etwas aufbauen wollen, dann kein Lab, wo wir uns mit uns selbst beschäftigen. Sondern einen Ort, wo wir einerseits die Transformationsthemen in unserem eigenen Unternehmen voranbringen und als Beschleuniger für den Konzern wirken. Andererseits wollen wir allen Ventures, die wir interessant finden, eine tolle Location zum Arbeiten bieten. Die Open Studios sollen eine Vernetzung in die Startup-Szene sein.

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© Signal Iduna

Können also auch Startups vorbeischauen, die mit Versicherungen und der InsurTech-Szene nichts am Hut haben?

Genau. Wir glauben, dass das Thema Versicherung in der digitalen Welt in verschiedensten Branchen und Prozessen automatisch integriert wird. Daher ist es uns wichtig, uns cross-funktional zu vernetzen und in Berlin nochmal einen Ort zu schaffen, wo offene Begegnungen möglich sind. Berlin braucht kein neues Lab, aber einen Ort, wo man interessante Leute treffen kann und die Möglichkeit bekommt, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Vorne Business, hinten Party. Das beschreibt die Studios ganz gut.

Viele Fintechs drängen gerade auf den Markt und bieten digitale Versicherungsprodukte an. Die kleinen Startups scheinen agiler auf die Veränderungen auf dem Markt zu reagieren als die großen Konzerne. Sind die Open Studios auch eine Reaktion auf den zunehmenden Konkurrenzdruck?

Der Druck kommt von den Startups, aber auch davon, dass sich die Welt gerade insgesamt verändert. Die Art und Weise wie wir Produkte und Services entwickeln, die Art und Weise wie wir arbeiten. Die Open Studios sind für uns eine Möglichkeit, uns für diese Veränderungen zu öffnen.

Für wie viele Startups bieten die Open Studios Raum?

Zwischen zwei und fünf Startups am Anfang. Es geht hier aber nicht um Quantität, sondern – so wie wir New Work verstehen – darum, einen ständigen Wechsel zu haben. Die Startups müssen dort auch nicht jeden Tag sitzen. Die Idee ist, sich mit diesen zu vernetzen und sich mit den Themen auseinanderzusetzen.

© Signal Iduna

Das klingt alles sehr nett. Aber am Ende des Tages muss es sich doch rechnen. Konkret: Neue, digitale Versicherungsprodukte müssen entstehen. Was sind also die langfristigen Ziele?

Es gibt mehrere Ziele. Das größte Ziel ist tatsächlich, sich dieser Veränderung zu öffnen – und die hat unterschiedliche Ebenen: richtige Partnerschaften zu identifizieren, in Ökosystemen zusammenzuarbeiten, in der Berliner Szene einen Footprint aufzubauen und neue Geschäfts- und Produktideen zu entwickeln.

Beschreibt das nicht eine wesentliche Eigenschaft der Digitalisierung: Synergien mit anderen Branchen erzeugen?

Unbedingt. Ich finde, wenn ich insgesamt auf Deutschland schaue: Was wir für Industrie-Knowhow haben, von Insurance Automotive über Pharma, und wie wenig wir zusammenarbeiten und uns gemeinsam darüber unterhalten, wie wir diesem Veränderungsdruck der Industrie übergreifend standhalten. Wir wollen deshalb kein weiteres Thema aufbauen, dass sich nur mit Insurance beschäftigt. Ich würde mir wünschen, dass die Signals Open Studios zu einem Ort werden, wo sich Gründer und Leiter von anderen Labs treffen und sich darüber austauschen, an welchen Stellen man sich am besten vernetzen kann.

Was sind denn die konkreten Herausforderungen für die Versicherungsbranche bei der Digitalisierung?

Die Produkte, die wir heute als Versicherung beschreiben, die in sich das Thema Sicherheit tragen, werden sich völlig anders definieren. In Zukunft werden sie sich viel stärker an der Lebenssituation orientieren, in der ich mich gerade befinde. Technologien wie AI stellen eine große Herausforderung dar. Und als Arbeitgeber wollen wir natürlich auch ein Umfeld schaffen, wo die Leute Bock drauf haben, diese Veränderungen vorantreiben zu wollen.

Manche haben auch ein eher ungutes Gefühl, wenn es um die Themen Digitalisierung und Versicherung geht. Werden meine Daten gegen mich verwendet, wenn mir personalisierte Produkte, entsprechend meiner körperlichen und geistigen Verfassung angeboten werden? Sind solche Sorgen berechtigt?

Man muss erst einmal akzeptieren, dass Versicherungen in den nächsten Jahren ein völlig datengetriebenes Business werden wird. Versicherung ist per se ein völlig datengetriebenes Produkt. Wir müssen aufpassen, dass Angst und Regulatorik nicht die Innovationskraft hemmen.

Sie haben selbst 2010 ein Startup in einem Konzern gegründet: sijox. Eine Versicherungsplattform speziell für junge Leute. Was waren die wichtigsten Learnings aus der Gründerzeit?

Du brauchst ein geiles Team, eine geile Vision – das ist wichtig. Aber du brauchst auch ein Business-Verständnis. Außerdem Durchhaltevermögen. Du wirst einiges einstecken und mehrmals wieder aufstehen müssen. Und du musst in der Lage sein, deine Strategie überarbeiten zu können, ohne dein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren.


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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