Gastbeitrag: Warum die meisten Innovationen nicht die Welt retten

Text: Hans Rusinek

Innovationen, so hören wir täglich, sollen die „Welt zu einem besseren Ort“ machen. Google ich aber das Stichwort „Innovation“, so finde ich einen Service, der jemanden vorbeischickt, um mein Auto vollzutanken, sowie einen, der mir Bier liefert. Und eine App, die via Drohne alles, was ich tue, filmt.

Die Zukunft, die nie richtig zur Gegenwart wird

Ist das der Wandel, den unsere Welt braucht? Oder nur der, den sie verdient? Warum sind Innovationen so banal?

Gleichzeitig stehen wir doch vor großen Fragen etwa rund um Mobilität, Bildung und den Klimawandel. Und große Technologien wie Deep Learning, Nano-Sensoren und die CRISPR-Methode wollen ebenfalls sinnvoll genutzt zu werden. Was hält uns also davon ab?

Das Mindset: Empathie statt Wohlstandsdenken

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, glaubte Marx. Unsere Weltsicht, und was wir als Problem empfinden, hängen massiv von diesem „Sein“ ab. Ein MBA-Absolvent, der ein Startup gründet, mag es als wertvoll empfinden, wenn ihm jemand sein Auto volltankt und Bier vorbeibringt. Innovativ für ihn, sinnlos für die Welt da draußen. Was fehlt, ist Empathie für diese Welt da draußen.

Möglichkeitenräume schaffen: Innovation ist ein Entdeckungsprozess

„Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde“, so aber Henry Ford. Mit reiner Empathie ist es hier also noch lange nicht getan. Sonst tauscht man seine eigene Ignoranz gegen die Ignoranz der Konsumenten. Wer hätte das Bedürfnis nach dem Telefon in vorfernsprecherischen Zeiten äußern können? Niemand. Denn oft offenbaren Innovationen ihren Wert erst im Laufe der Nutzung. Edison wollte das Telefon für Opernübertragungen einsetzen. Die Geschichte der Entdeckungen hält ähnliche Beispiele parat: Man sucht nach dem Vorstellbaren (neuer Weg nach Indien) und findet etwas, das man sich nicht vorstellen konnte (Amerika). Mehr noch als Empathie brauchen Innovationen diesen Möglichkeitsraum. Wie viele Unternehmer fahren an Amerika vorbei, weil sie Indien suchen?

Der Markt: Regelt doch nicht immer alles

Zurück zum Service, der mein Auto und mich volltankt. Hier liegen auch fehlgeleitete ökonomische Anreize vor. Ein Gründer findet kurzfristig einen größeren Markt für On demand fuel delivery services als für sauberes Trinkwasser. Paradoxerweise haben die mit den wenigsten Problemen das meiste Geld, um ihre „Probleme“ lösen zu lassen. Und damit ausgestattet, bringen sie ziemlich schlaue Menschen dazu ihren Kopf über Tankservices zu zerbrechen, nicht über Trinkwasser. Am Ende eine Allokationsfrage. Vielleicht regelt der Markt doch nicht alles?

Ein stark unterschätztes Gegenmodell sind hier Social Impact Bonds. Bei diesen werden durch Wertpapiere privater Kapitalgeber Innovationen vorfinanziert, die messbar Probleme lösen. Bei Erfolg werden die Kredite öffentlich rückvergütet. So entstehen neue Anreize für soziale Innovationen, die am Ende sogar Rückkopplungseffekte für die weniger weltrettenden Probleme bieten. Solche sozialen Wirkungskredite funktionieren etwa, um neue Konzepte für die enge Begleitung und Unterstützung von jungen Langzeitarbeitslosen auszuprobieren, die dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit langfristig in den Arbeitsmarkt integriert werden können.


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