Crime: Der tiefe Fall des Boyband-Architekten Lou Pearlman

Der Sturz vom gefeierten Helden der Wirtschaft zum verurteilten Kriminellen kommt manchmal ziemlich abrupt. Doch nur weil ein Deal vielleicht nicht ganz legal war oder die Expansionsstrategie ein bisschen mafiös, bedeutet das ja nicht, das dahinter kein smarter Geschäftsmann gesteckt hat. Aus diesem Grund schicken wir in unserer neuen Reihe Business Punk Crime die Fälle berühmter Verbrecher in die Revision. Dieses Mal an der Reihe: Der berühmte Boygroup-Manager Lou Pearlman.

Kornblumenblau. Eine ungewöhnliche Farbe für einen Rolls Royce. Darin der erst 14 Jahre alte Justin Timberlake, ein junger Chauffeur und ein stark übergewichtiger Typ, den Timberlake später einmal Big Poppa nennen sollte. Über die Jahre ließ Big Poppa viele Teenie-Idole in seiner blauen Luxuskarre kutschieren: *NSYNC, die Backstreet Boys, O-Town, Natural oder auch US5. Denn Poppa war ihr Manager, ihr Entdecker, ihr Erfinder.

Big Poppa, das war Lou Pearlman. In den Neunzigern schuf er Boybands wie am Fließband – und wurde so selbst zur Legende. Er wusste ganz genau, worauf es ankam, was die Teenies zum Kreischen brachte. Aber, was erst Mitte der Nuller-Jahre aufflog, wusste er auch, wie man sehr viele Menschen um sehr, sehr viel Geld bringt. Mindestens 300 Mio. Dollar knöpfte er gut gläubigen Investoren durch eine Scheinfirma ab. Der immer nette, allseits beliebte Pearlman, für viele seiner Schützlinge eine Vaterfigur, war im Kern ein knallharter Betrüger.

Der Teenie-Versteher

1954, Queens, New York City. Pearlman wird in einfache Verhältnisse geboren, sein Vater betreibt eine Textilreinigung, seine Mutter hilft in einer Schulkantine aus. Angestachelt von den musikalischen Erfolgen seines 13 Jahre älteren Cousins Art Garfunkel wollte auch Pearlman ausbrechen, es zu etwas bringen, reich werden, berühmt sein. Nachdem er einsah, dass ihm das Zeug zum Popstar fehlte, entschied er sich für die Geschäftswelt und gründete Ende der Siebziger sein erstes Unternehmen: einen Helikopter-Shuttle-Service. Ziemlich bald schwenkte er um auf Zeppeline, später startete er ein Charter-Business, über das er Privatjets an die Reichen und Schönen vermietete.

Lou Pearlmans Boybands – und was aus ihnen wurde

Als 1992 New Kids on the Block, der Prototyp aller Teenie-Bands, eines seiner Flugzeuge charterten, wunderte sich Pearlman, wie um alles in der Welt sich ein Haufen singender Jungs diesen Luxus leisten konnte – und erkannte, welch riesige Goldgrube Boygoups sind. Wenig später organisierte er ein Casting, um eine eigene Band zusammenzustellen. Kurz darauf waren die Backstreet Boys geboren. Drei Jahre später castete Pearlman nach dem gleichen Schema *NSYNC zusammen, dann die nächsten, und wieder die nächsten. Jede neue Band sah er als Startup-Unternehmen, und so wurden es immer mehr, die er erst zusammenstellte und anschließend zu Weltstars machte. „Solange Gott weiter kleine Mädchen erschafft, wird es immer Boybands geben“, war er sich sicher.

Aber nicht nur Pearlmans Bands wurden zu Ikonen, auch die Methode, nach der er sie zusammenstellte, machte Schule. Mit „Making the Band“ erfand Pearlman die erste Reality-TV-Show und machte seine berühmte Boygroup-Formel zum Fernsehformat. Der „New Yorker“ schrieb einmal, wir würden in einer Welt leben, die Lou Pearlman entworfen hat, einer Welt aus künstlich geformten Popstars und Reality-Castingshows. Und ja, vielleicht gäbe ohne Pearlman heute keine One Direction, kein „American Idol“, kein „X Factor“.

Das wirklich Erstaunliche an Pearlmans Karriere: Er besaß weder überdurchschnittliche Management-Skills, noch war er besonders musikalisch. Die paar Songs, die er selbst schrieb, wurden niemals eingesungen. Aber er war quasi der Architekt der Bands, einer, der seine Begabung darin sah, solche Erfolgsgruppen zusammenzustellen. Doch sein viel größeres Talent, das war eigentlich ein anderes: das Lügen.

Sein wahres Talent war das Lügen

„Was immer er tat, er hatte nicht die Fähigkeit, ehrlich zu sein“, sagte ein alter Freund einmal über Pearlman. Obwohl die Backstreet Boys und *NSYNC Ende der Neunziger die größten Konkurrenten im Pop-Biz waren, verschwieg Pearlman seinen Schützlingen sehr lange, dass er der Kopf hinter der jeweils anderen Band war. Für ihn, mit unternehmerischer Denke, halb so wild: „Ich dachte mir: Wo es McDonald’s gibt, gibt es Burger King, wo es Coca-Cola gibt, gibt es Pepsi. Und wo es die Backstreet Boys gibt, wird es jemand anderen geben. Irgendwer wird dafür sorgen. Warum nicht wir selbst?“ Das sahen die Bandmitglieder natürlich etwas anders.

1998 kam heraus, dass Pearlman seine Bands nicht nur moralisch, sondern auch finanziell hintergangen hatte. Nach vier Jahren auf Tour, 150 Millionen verkauften Platten und dem Hit „Quit playing Games with my Heart“ waren die Backstreet Boys endgültig Weltstars. Anwälte fanden heraus, dass jedes Bandmitglied an die 50 Mio. Dollar wert war. Doch Pearlman, der sich vertraglich einen Status als sechstes Bandmitglied gesichert hatte, steckte sich den Großteil der Einnahmen in die eigene Tasche und speiste die Sänger mit nur 12.000 Dollar pro Jahr ab.

Und die Backstreet Boys waren nicht die einzigen. Zu Zeiten, als *NSYNC die bestverkaufende Band der Welt war, mussten Justin Timberlake und Co. mit einem Tagessatz von 35 Dollar leben. Alle von Pearlmans Bands, bis auf seine späten US5, verklagten ihn, als herauskam, wie er sie ausgenommen hatte. Für die Jungs ein Schock, schließlich war der gutmütige Big Poppa, der die blutjungen Sänger unter seine Fittiche nahm, zu Stars machte und ihr gesamtes Leben managte, so etwas wie ein zweiter Vater geworden. Sie vertrauten ihm blind. Und genau dieses Vertrauen nutzte Pearlman aus.


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