Richtig präsentieren: Wie du die Aufmerksamkeit deiner Zuschauer bekommst

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Mein Name ist Tinky Winky. Ich bin Ihr Purser auf diesem Flug. Gemeinsam mit meinen reizenden Kolleginnen Dipsy, Lala und Po werde ich Ihnen jetzt die Sicherheitsvorkehrungen erläutern.“

Kein Scherz meinerseits, sondern eine wahre Geschichte von einem Flug nach Großbritannien. Was sollte das? Hatte der Purser einen Clown gefrühstückt?  Nein, er hatte offenbar Ahnung von Rhetorik, oder wenigstens von deren Bedeutung für seinen Job. Nicht nur auf der Bühne, auch in ganz alltäglichen Redesituationen kann der Einsatz rhetorischer Mittel Wunder bewirken. Besonders dort, wo Routine die Aufmerksamkeit senkt oder sogar aushebelt.

Kein Mensch lauscht normalerweise der Präsentation der Sicherheitsvorkehrungen vor dem Start. Auf diesem Flug haben (fast) alle zugehört.

Das Unerwartete ist ein machtvolles Werkzeug. Der Autor des US-Serienhits Game of Thrones etwa geht mit seinen Protagonisten so rigoros um, wie wir es von keiner anderen Serie kennen. Als Zuschauer muss ich ständig damit rechnen, dass meine Lieblingsfigur jeden Moment das Zeitliche segnen könnte. Seit der Folge „Rote Hochzeit“ habe ich sicherheitshalber das Blinzeln eingestellt. Die Spannung, die Unsicherheit, die entsteht, wenn wir permanent das Unerwartete zu erwarten haben, fasziniert uns.

Warum erinnert sich jeder an The Sixth Sense? Vor allem wegen der überraschenden Wendung am Ende. Der Öl-Magnat und Kunstmäzen Jean Paul Getty wurde für einen Ausspruch berühmt, der seine Wirkung ebenfalls aus der Kraft des Unerwarteten zog: „Um es im Leben zu etwas zu bringen, muss man früh aufstehen, bis in die Nacht arbeiten – und Öl finden.“

Das Unerwartete erfüllt gleich drei Wünsche auf einmal, die wir an unsere Wirkung haben, wenn wir vor oder mit anderen sprechen:

1. Unerwartetes erzeugt Aufmerksamkeit.

2. Unerwartetes hält das Interesse aufrecht.

3. Unerwartetes bleibt im Gedächtnis haften.

Psychologisch ist leicht erklärt, warum das Überraschungsmoment so wirkungsvoll ist: Wir gewöhnen uns schnell an gleichförmige Muster. Wie die Sicherheitsvorkehrungen in einem Flugzeug. Vergleichbare Situationen im Business: Quartalspräsentationen, regelmäßige Meetings, Toilettenbesuche. Letzteres wird erst spannend, wenn wir beim blinden Griff an die gewohnte Stelle merken, dass kein Papier mehr da ist.

„Am einfachsten gewinnt man die Aufmerksamkeit anderer mit einem kleinen Trick“, schreiben Chip und Dan Heath in ihrem Buch Was bleibt: „Man muss ein Muster durchbrechen.“

Warum also den Redebeitrag beim Meeting nicht mal so beginnen: „Als ich gestern nach einer Besprechung mit der Frau des CFO die Hotelrechnung bezahlt habe, ist mir aufgefallen, dass wir über die Verteilung des Spesen-Budgets sprechen müssen.“

Beim Flug mit Teletubbie Air gab eine ältere Dame bei der Getränkerunde übrigens folgende Bestellung beim Purser auf: „Ich hätte gern einen Kaffee, Herr Tinky Winky.“ Sie verzog dabei keine Miene. Das war die zweite überraschende Wendung auf diesem Flug: Nicht jeder kennt die Teletubbies.


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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