Der WoW-Effekt: Wichtige Gespräche nicht verzocken

Bei World of Warcraft hat man es mitunter mit sehr unangenehmen Kontrahenten zu tun. Wohl den Priestern: Die verfügen unter anderem über ein Talent, das Schaden effektiv abwenden kann. Die so genannte „Klarheit des Willens“ schirmt das Ziel mit einem Schutzzauber ab.

Klarheit gleich Magie? Als Rhetoriktrainer kann ich diese Einstufung der Spieleentwickler sehr gut nachvollziehen. Auf die Kommunikation übertragen heißt Klarheit des Willens nichts anderes als ein klares Ziel zu verfolgen. Tatsächlich ist genau das der Punkt, an dem wir viele wichtige Gespräche verzocken, bevor sie begonnen haben.
Die meisten Gesprächsanlässe im Business-Kontext sind lösungsorientiert. Oder sollten es sein. Viele gehen sie dennoch mit der Haltung an, dass der Weg das Ziel sei. In manchen Lebensphasen mag das ein gesundes Mantra für die Navigation durch die Multi-Optionen-Gesellschaft sein. Für wichtige Gespräche nicht.

In einer Gehaltsverhandlung geht ohne konkrete Vorstellungen gar nichts, oder: immer zu wenig. In Diskussionen haben wir keine Chance uns durchsetzen, wenn wir keine Lösungsidee einbringen. Selbst Mitarbeiter zu motivieren wird nicht fruchten ohne konkrete Ideen, was genau die Leute denn leisten sollen. Klarheit des Willens kann in solchen Gesprächen Schaden abwenden, nämlich: argumentativ überrannt zu werden.
Gerade Führungskräfte knüpfen starke Wünsche an ihre Kommunikation mit Kunden, Kollegen und Mitarbeitern. Sie wollen andere überzeugen aktiver zu sein, sich mehr einzubringen, integrativer zu werden, leistungsbereiter, offener. Die Antworten auf die Frage, was genau mit diesen Veränderungen erreicht werden soll, fallen dagegen oft schwammig aus. Die Erwartungshaltung ist hoch, die Ziele unspezifisch.

Kommunikation kann nur dann effizient sein, wenn bei der Zielformulierung rationale Maßstäbe angelegt werden, die sich später überprüfen lassen. Bevor du in ein wichtiges Gespräch gehst, prüfe deine Zielstellung: Was willst du erreichen?
• Keine Antwort („Ich weiß nicht…“): Ziel unbekannt. Bürotür abschließen und Schutzzauber anwenden.
• Generalisierende Antwort („Ich will mehr Geld“): Ziel diffus. Gespräch verschieben und Denkkappe aufsetzen.
• Konkrete Antwort („Ich will zehn Prozent mehr Gehalt, gestaffelt innerhalb von sechs Monaten“): Ziel klar. Termin vereinbaren. Angstgegner kann kommen.

Die zentrale Frage bei der Gesprächsvorbereitung lautet also immer:
Woran wirst du später messen können, dass die Kommunikation erfolgreich war?
Nur wenn deine Ziele vernünftig durchdacht sind, bist du verhandlungsfähig und kannst im Gespräch auch mit Widerständen umgehen. Mit einem klaren Ergebnis vor Augen kannst du Gegenargumenten besser standhalten. Selbst wenn es emotional wird kannst du kühlen Kopf bewahren. Die Klarheit des Willens wird dich schützen.

So viel zum Vorurteil, Gamer wären Kommunikationsdeppen.


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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