Den Rahmen sprengen: Wie verbaler Humor funktioniert

„Haben Sie sich jemals Shakespeare als Kind vorgestellt? Shakespeare als Siebenjährigen? Ich meine, er muss doch in irgendjemandes Englischunterricht gesessen haben? Wie ärgerlich muss das für den Lehrer gewesen sein? ‚Das kannst Du besser!‘ Oder wenn er von seinem Vater ins Bett gebracht wird […]: ‚Geh jetzt schlafen. Und leg den Stift weg. Und hör auf so zu reden – es verwirrt alle.‘“ Wenn wir ‚Shakespeare‘ hören, haben wir sofort einen Themenrahmen im Kopf: Literatur. Verschwurbeltes Englisch. Ganz bedeutend. Je nach Qualität des Englischunterrichts, damals in der Schule, ruft der Name unterschiedliche Assoziationen hervor. Bei den meisten wohl eher die: gar nicht lustig.

Ken Robinson, der britische Bildungsreformer, weiß das natürlich. Und macht seinem Publikum einen Spaß draus. Der Mann ist wohl von Natur aus witzig, aber seine Pointen haben System. Auch die über Shakespeare. Die Bezugsrahmentheorie beschreibt zwei Mechanismen, die Komik hervorrufen können. Der obige Auszug aus Ken Robinsons berühmtem Vortrag Schools Kill Creativity macht von einer Gebrauch: der sogenannten Bezugsrahmenherstellung.

Bei der Bezugsrahmenherstellung rührt die Komik daher, dass sie mit den bestehenden Wissenszusammenhängen des Publikums spielt. Sie arbeitet mit Fakten, Erfahrungen, Meinungen oder Argumenten, die die Zuhörer kennen. Der Redner bezieht sich auf dieses Wissen und baut damit gezielt Erwartungen auf. Fällt in einem Vortrag über Bildung das Stichwort ‚Shakespeare‘, denkt jeder zuerst daran, wie bedeutend (oder eben auch nervtötend) dessen Werke für den Schulunterricht sind. Doch eben diese Erwartung wird nicht eingelöst – sondern in einen neuen Bezug gestellt. Dieser neue Bezugsrahmen trägt die Komik in sich. Bei Robinson wird der Barde so plötzlich zum komischen Kind, das endlose Texte in normabweichender Weise produziert. So hat ihn vermutlich noch kein Zuhörer betrachtet…

Die zweite Strategie der Bezugsrahmentheorie ist die Bezugsrahmendurchbrechung. Auch hier spielt der Redner gezielt mit den Erwartungen, allerdings auf andere Weise: Der Bezugsrahmen, also der aktuelle Kontext eines Redeinhalts, wird gesprengt. Die Pointe ersetzt ihn durch einen unerwarteten, weniger nahe liegenden Kontext. Das geschieht durch eine Umwertung einzelner Texteinheiten, Formulierungen oder Begriffe. Ein Beispiel aus derselben Rede:

„Wir sind von Stratford nach Los Angeles umgezogen. Aber mein Sohn wollte nicht mit nach Los Angeles, denn er hatte eine Freundin in England. Es war die Liebe seines Lebens. Sarah. […] Auf dem Flug war er sehr aufgebracht. Er sagte: ‚Ich werde niemals wieder ein Mädchen wie Sarah finden.‘ Von dieser Vorstellung waren meine Frau und ich überaus angetan. Genaugenommen war sie der Grund, weshalb wir das Land verlassen haben.“

Die Geschichte über Robinsons Sohn und seine Freundin könnte auch ohne Pointe stehen  bleiben – dann hätte sie eine vollkommen andere Aussage. Erst indem der Bezugsrahmen durchbrochen wird, stellt sich alles zuvor Gesagte in einem vollkommen anderen Licht dar. Dem Publikum wird der erschlossene Rahmen überraschend entrissen: Es geht gar nicht um den Sohn und seinen Liebeskummer.

Bezugsrahmenherstellung und Bezugsrahmendurchbrechung sind Strategien, die du gezielt nutzen kannst, auch wenn du kein geborener Spaßvogel bist. Tu nur nicht das, was ich hier gerade getan habe: Zerrede nicht die Pointe. Ich darf das – ich schreibe hier ja nicht zum Spaß.


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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