Leadership & Karriere „Das eine Prozent des einen Prozents“: Clay Cockrell über seinen Job als Therapeut der Superreichen in New York

„Das eine Prozent des einen Prozents“: Clay Cockrell über seinen Job als Therapeut der Superreichen in New York

Mo' money, mo' problems: Der New Yorker Therapeut Clay Cockrell kümmert sich um die ganz speziellen Sorgen und Nöte der Superreichen seiner Stadt.

Interview: Lukas Hermsmeier

Seine Praxis ist schlicht. Ein aufgeräumter Glasschreibtisch mit iMac, ein Bücherregal, das auffällig halb voll ist, zwei braune Ledersessel mit Rissen an den Armlehnen. Man sieht, dass Clay Cockrell nur selten hier ist. Der 45-Jährige hält die meisten seiner Therapiestunden im Freien ab, und zwar nicht irgendwo, sein Büro liegt direkt am Columbus Circle an der Upper West Side Manhattans, nur 100 Meter Luftlinie vom Central Park entfernt. Die wohl berühmteste Grünfläche der Welt als Therapieort, man könnte meinen, das sei der Klientel angemessen. Cockrell, der in Kentucky groß wurde (ungefähr 1,90 Meter) und in New Jersey lebt, hat sich eine ungewöhnliche Nische gesucht: Er ist auf die Probleme von Superreichen spezialisiert. Auf seiner Website spricht er vom „Wealth Fatigue Syndrome“, zu Deutsch: Reich-tum-erschöpfungs-syndrom. Ein Interview zwischen Praxis und Park.

Herr Cockrell, gibt es so etwas wie -typische Probleme und Sorgen, die Superreiche haben?

Es ist natürlich sehr individuell. Viele fühlen sich aufgrund ihres Geldes ausgeschlossen und stigmatisiert. Sie entwickeln ein Misstrauen gegenüber Menschen ohne Geld. Woran sind die Leute interessiert – an dir oder nur an deinem Geld? Der Besitz wird zum Geheimnis, und das kann belastend sein. Bei manchen meiner Patienten geht es um Schuld. Warum besitze ich so viel mehr als andere? Muss ich mich schlecht fühlen, mit Nichtreichen über meine Probleme zu sprechen? Andere, die aus finanziellen Gründen nicht arbeiten müssen, haben ein Problem damit, ihren Alltag zu gestalten.

Worüber reden wir eigentlich, wenn es um „Superreiche“ geht?

Das eine Prozent des einen Prozents. Menschen, die so reich sind, dass das Geld ein eigener Vollzeitjob ist. Es zu verwalten und sicherzustellen, dass es richtig investiert wird. Auf rund 30 Prozent meiner Patienten trifft das zu. Und die wiederum kann man grob in zwei Gruppen einteilen: Menschen, die in den Reichtum hineingeboren wurden, zum Beispiel die dritte oder vierte Generation einer sehr wohlhabenden Familie sind. Ich hatte mal einen Patienten, der an seinem 21. Geburtstag von seinem Vater erfuhr, dass die Familie steinreich ist. Diese plötzliche Erkenntnis war überfordernd. Dazu das Wissen, dass die Eltern lange Zeit etwas verheimlicht haben. Und dann gibt es Menschen, die ihren Reichtum selbst geschaffen haben. Sie wollen ihren Kindern beispielsweise ein schönes Leben bieten, aber sie gleichzeitig nicht verwöhnen. Denn sie selbst wurden als Kind nicht verwöhnt, sie mussten vielleicht sogar richtig kämpfen, und das war charakterbildend. Die Erziehung unter diesen Umständen kann herausfordernd sein.

Wie wird man überhaupt zum Therapeuten für Reiche? 

Ich habe in Kentucky Social Work studiert und bin 1997 nach New York gezogen. Hier habe ich aber zunächst für ein Versicherungsunternehmen an der Wall Street gearbeitet …

Was genau war dort Ihr Job? 

Ich habe in Einzelfällen geprüft, ob Patienten Anspruch auf die Bezahlung von psychotherapeutischen Behandlungen haben. Manche meiner heutigen Kunden sind übrigens Banker und schätzen es, mit jemandem zu sprechen, der ihre Branche kennt. Den Wortschatz, die Kultur, den Druck. Auch aus diesem Grund war meine Zeit an der Wall Street wertvoll. Auf jeden Fall habe ich 2003, 2004 dann das gemacht, was ich ursprünglich vorhatte: eine eigene Therapiepraxis zu eröffnen. Eines Tages hatte ein Patient zeitliche Probleme, in die Praxis zu kommen, also habe ich ihm vorgeschlagen, dass ich dorthin komme, wo er arbeitet. So entstand die Idee der Walk and Talk Therapy.

Welchen Unterschied macht das Laufen?

Ich selbst denke beim Spazierengehen am besten. Es eröffnet neue Perspektiven, es ist dynamischer. Am Ende liegt es aber in der Hand meiner Patienten, ob wir laufen oder sitzen. Die meisten wollen laufen, auch im Winter.

Hatten Sie von Anfang an vor allem wohlhabende Patienten? 

Nein. Aber es kamen schnell ein paar Leute zu mir, die konkrete Probleme hatten, die sich aus ihrem Reichtum ergaben. Weil meine Walk and Talk Sessions zu der Zeit auch von den New Yorker Medien aufgegriffen wurden, sprach es sich herum.

Sie werden mir keine Details verraten. Aber wie sind die Leute so, die zu Ihnen kommen?

Es sind mehr Männer als Frauen. Manche arbeiten in der Unterhaltungsbranche, andere, wie gesagt, an der Wall Street. Und Entrepreneure. 35 bis 60 Jahre alt. Ein Großteil aus New York. Aber ich habe auch Patienten, die woanders leben, mit denen ich skype. Die meisten haben viel Geld, aber ihre Namen sind unbekannt.

Sie nehmen 200 bis 450 Dollar pro Stunde. Das ist für Ihr Klientel nicht gerade viel Geld.

Das stimmt. Ich mache außerdem Pro-bono-Arbeit. Ich habe ja nicht ausschließlich wohlhabende Menschen als Patienten.

Wollen sehr, sehr reiche Menschen am Ende meist nur wissen, dass es in Ordnung ist, sehr, sehr reich zu sein?

Das Erste, was ich mache, ist, meinen Patienten ein Gefühl zu geben, dass ihre Sorgen legitim sind. Ob es Depression oder Angst oder Einsamkeit ist – diese Probleme sind echt, auch wenn man reich ist. Und wenn jemand ein Problem damit hat, dass du viel Geld hast, ist das erst mal nicht dein Problem, sondern sein Problem. Was hilft es anderen, wenn du dich schuldig fühlst? Ich versuche, mit den Patienten ein gesundes Verhältnis zum Geld zu entwickeln. Dazu gehört auch Dankbarkeit.

Ein naiver Vorschlag: Wenn Geld Probleme mit sich bringt, warum spendet man es dann nicht?

Ich versuche, solche Empfehlungen zu vermeiden. Aber ich versuche zu helfen, dass sie selbst darüber nachdenken. Was ist es, was du tun kannst? Das kann Phi-lan-thro-pie sein. Jemand, der ein Unternehmen aufgebaut hat, das mittlerweile alleine läuft, kann aber auch mit seinen Erfahrungen und Fähigkeiten helfen. Zum Beispiel beim Aufbau eines Startups. Es gibt viele Patienten, die sich in einem Loch befinden und dieses mit Essen, Alkohol, Drogen oder durch anderen Konsum füllen. Aber das funktioniert nicht.

New York ist eine Stadt der Superlative. Hier leben besonders viele Celebrities, hier ist besonders viel Geld unterwegs, und hier leben besonders viele arme Menschen. 2011 entlud sich der Frust über die Ungleichheit und den Kapitalismus bei Occupy Wall Street.

Occupy hatte viel Berechtigung. Aber die Ausführung war so naiv! Es war nicht organisiert, sie wussten nicht, was sie wollten. Sie waren einfach nur sauer. Die Botschaft wirkte verwirrt.

Vielleicht wirkte die Botschaft nur verwirrt für diejenigen, die im Ziel der Kritik standen. Die Lücke zwischen Reich und Arm wird in jedem Fall größer. Ende der 70er besaßen die reichsten 0,1 Prozent der Amerikaner sieben Prozent des Gesamtvermögens, mittlerweile sind es 22 Prozent. Kommt es vor, dass Sie moralische Probleme damit haben, wie ein Patient zum Geld gekommen ist?

Ich lasse grundsätzlich mein Urteil weg. Ich versuche herauszufordern, aber nicht zu bewerten. Aber ja, die soziale Ungerechtigkeit ist erschreckend.

Kann eine Bewertung Ihrerseits bei der Problemlösung nicht manchmal helfen?

Auch wenn ich an der Wall Street gearbeitet habe: Ich bin kein Finanzexperte. Ich kann keine perfekte Alternative zum Kapitalismus anbieten.

Eine Ihrer Kolleginnen, Jamie Traeger-Muney, die sich ebenfalls auf die Psychotherapie von Reichen spezialisiert und die Wealth Legacy Group gegründet hat, vergleicht die Probleme von Wohlhabenden mit den Problemen von Schwarzen und Homosexuellen. Was meinen Sie dazu?

Das ist ein peinlicher Vergleich. Was für eine schlechte Wortwahl. Ich habe das auch gelesen und distanziere mich davon.

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