Bragi: Das Ohr dieses Typen ist schlauer als du

Bragi ist Deutschlands spannendstes Gadget-Startup. So bescheiden sich Chef Nikolaj Hviid gibt – der kabellose In-Ear Kopfhörer The Dash ist erst der Anfang. Langsam werde sogar große Konzerne nervös.

von Sonja Salzburger

Wer seine Kunden lieber als „Menschen, die mit uns auf eine Reise gehen“ bezeichnet, der hat entweder eine Nase Silicon-Valley-Hybris zu viel genommen – oder er meint es ernst. Nikolaj Hviid, Gründer und CEO des Hightech-Startups Bragi, gehört zu denen, die es ziemlich ernst meinen. Vor knapp drei Jahren hat der Däne ein 15-Mann-Team um sich geschart und mit der Entwicklung von The Dash begonnen, dem ersten komplett kabellosen In-Ear-Kopfhörer der Welt. Wobei Hviid diese Bezeichnung eigentlich nicht gefällt. Er spricht lieber von einem Computer im Ohr, der auch ein Kopfhörer ist.

Bragi hat mit The Dash zahlreiche Innovationspreise gewonnen, denn die puristisch anmutenden Ohrknöpfe markieren eine völlig neue Gerätekategorie. Die Kopfhörer spielen schon auch Musik ab, sind aber zugleich mit 28 Sensoren vollgestopft, mit denen sie Schritte zählen, Zeiten und Distanzen messen, den Träger über Herzfrequenz und Kalorienverbrauch informieren. Vor allem sind sie nach Hviids Logik der erste Schritt, den Menschen von seinem derzeit noch wichtigsten Gadget zu befreien. „Vielleicht sind wir diejenigen, die das Smartphone töten“, sagt Hviid, während er entspannt in Jeans und Wollpulli auf einem grauen Sofa sitzt und beiläufig auf einen großen Bildschirm an der Wand zeigt. „Smartphones werden eines Tages sterben, genauso wie der Fernseher.“ Das Hauptquartier für diesen Feldzug steht nicht etwa im Silicon Valley, sondern in der Münchner Innenstadt. Dort ist in den vergangenen drei Jahren Deutschlands spektakulärstes Consumer-Electronics-Startup entstanden. Hviids Firma hat im Alleingang den mobilen Kopfhörer technisch auf eine neue Stufe gehoben, Weltkonzerne wie Apple und Samsung unter Zugzwang gesetzt und sich einen Vorsprung herausgearbeitet, den Hviid mit 150 Patenten abzusichern gedenkt.

Das Selbstvertrauen, das aus Hviids Projekt spricht, steht im krassen Gegensatz zu seinem bescheidenen Auftreten. Er beginnt Vorträge mit „Wenn ich ein bisschen merkwürdig spreche, ist es, weil ich Däne bin. Ich werde mich mit dem Deutschen bemühen.“ Dabei lebt er seit 17 Jahren im Land, sein Deutsch ist nahezu perfekt. Und er sagt Sätze wie: „Meine Mitarbeiter haben mich vom Trottel zum Visionär werden lassen.“ Die Geschichte von Bragi begann vor drei Jahren – ohne Mitarbeiter, ohne Vision, dafür mit einer Sinnkrise. „Ich saß allein in meinem Keller, habe Post-its an die Wand geklebt und überlegt, was ich gern machen möchte“, erinnert sich Hviid. Damals war er noch Partner und CEO bei der Designagentur Designit in München. Tolle Projekte für Großkonzerne habe er betreut. „Aber nichts gemacht, was Menschen hilft.“ Hviid beschloss, seine Anteile zu verkaufen und von dem Geld ein Startup aufzubauen. Irgendwann hat er dann seine Vision gefunden: „Einen diskreten Assistenten, der auf die Menschen aufpasst“, wie Hviid die Idee hinter The Dash umschreibt.

BRAGI

Als Hviid damals mit seinen Post-its im Keller hockte, hatte er eine ganz konkrete, sehr persönliche Motivation. Mancher Gründer würde die Geschichte maßlos für sein Marketing ausschlachten, Hviid erzählt sie nur, wenn man ihm verspricht, kein „emotionales Porno“ draus zu machen. „Ich will nicht durch eine persönliche Geschichte billige Punkte bekommen“, sagt er. 2013 ist seine Schwester gestorben, sie hatte Multiple Sklerose. Bereits kurz nach der Diagnose hatte sich ihr Zustand verschlechtert. Bald war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Hviid wünschte, sie hätte eine ausgereifte Version jenes diskreten Assistenten gehabt, an dem er seit ihrem Tod pausenlos arbeitet. Mit ihm hätte seine Schwester zum Beispiel ihren PC und ihren Rollstuhl steuern können. „Es hätte ihre Lebensqualität extrem verbessert“, ist Hviid überzeugt.

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