Peter Wittkamp ist genervt von Firmen mit Imagekampagnen

Kein TV-Abend ohne die Familie Heins. Da ihr alle natürlich keinen Fernseher mehr habt, muss ich kurz erklären: Die Familie Heins ist die Telekom-Familie, deren Abenteuer seit über zwei Jahren in der Werbepause laufen. Und weil die Familie das Produkt MagentaEINS bewirbt, heißt sie eben Heins! Eins, Heins. So etwas finden wir Werber clever.

Die Familie Heins ist aber bei Weitem nicht die einzige Werbeform der Telekom. Neben den klassischen Maßnahmen wie Anzeigen oder Postwurfsendungen reicht die Liste vom nischigen Onlinemagazin „Electronic Beats“ bis zu dem nicht ganz so nischigen FC Bayern.

Das Problem an dieser doch eigentlich sehr guten Strategie, so lange Werbung zu schalten, bis ich als Kunde hochemotionalisiert in den T-Punkt renne und „Einmal alles, bitte!“ verlange: Einen recht ähnlichen Ansatz verfolgen auch die meisten Mitbewerber.

Natürlich kann Vodafone nun nicht einfach mit der Familie Modersohn um die Ecke kommen. Stattdessen machen sie meist etwas Junges, Frisches mit hipper Musik – wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen, früher Mannesmann Arcor AG & Co. KG geheißen zu haben.

Auch O2 zeigt ab und an große Imagespots … aber ehrlich gesagt, keine Ahnung, was da passiert. Irgendwie blubbert es immer und sieht aus wie in einem Ozean oder einem Traum, aber – genau wie nach einem Traum – ich vergesse Sekunden später wieder, worum es genau ging. Wahrscheinlich um gutes Internet unter Wasser.

Zu O2 gehört mittlerweile auch der Anbieter Alice, der damals fast schon erfrischend ehrlich mit dem Konzept „Wir zeigen eine schöne Frau im roten Kleid, und Sie werden bei uns Kunde“ warb.

Das ist ja auch alles okay, und meine Kollegen in den Werbeagenturen, die sich das ausdenken, müssen ja auch erst mal genug Geld verdienen, um neue Stadtteile zu gentrifizieren und die erste Januarhälfte auf Bali zu verbringen.

Aber ich vermute, die meisten Kunden findet man nicht durch die Familie Heins, Blubberblasen unter Wasser oder einen Spot mit der Musik von Woodkid, sondern dadurch, dass etwas richtig gut funktioniert.

Nehmen wir WD-40-Kontaktspray. Ich habe keine Ahnung, ob es für WD-40 Werbung gibt. Aber wenn etwas quietscht, greife ich zu WD-40. Vielleicht gibt es sogar einen fürchterlich sexistischen WD-40-Wandkalender für Mechanikerwerkstätten, der es einem eigentlich verbietet, das Produkt zu kaufen. Es ist mir egal. Weil WD-40 funktioniert.

Oder Maggi-Würze. Für Maggi-Würze gibt es meines Wissens seit Langem keine Werbung mehr. Und sie gehört zu Nestlé, dem Darth Vader der Lebensmittelbranche. Aber wenn eine Erbsensuppe vor mir steht, weiß ich, dass die Maggi-Würze genau das tun wird, was ich von ihr erwarte. Also kaufe ich Maggi-Würze. Die könnten mit Daniela Katzenberger und beiden Check24-Familien dafür werben, ich würde es trotzdem weiter kaufen.

Mein Appell: Telekommunikationsfirmen, schaut auf WD-40 und Maggi-Würze! Macht ein bisschen weniger Werbung, und sorgt dafür, dass das, was ihr verkauft, möglichst gut funktioniert.

Mein Vorschlag: eine Hotline, bei der man direkt drankommt. Gut, das ist etwas unrealistisch.

Daher mein zweiter Vorschlag: Da physische Videotheken in Deutschland bald überflüssig sein werden, könnte man alle noch bestehenden Läden in Deutschland übernehmen und die Inhaber und Mitarbeiter zu Internet- und Handyexperten umschulen.

Die dürfen einem auch nichts verkaufen, sondern nur vor Ort helfen. Oder gleich direkt bei mir zu Hause vorbeikommen, wenn etwas nicht funktioniert. Ist ja um die Ecke. Ohne Hotline oder größere Wartezeiten. Zur Grundversorgung eines Dorfs oder eines Stadtteils würden fortan Bäcker, Metzger, ein Lidl und der Kommunikationsladen gehören.

Da könnte die Konkurrenz den FC Bayern, Real Madrid und Barcelona gleichzeitig sponsern: Ich bleibe bei WD-40, Maggi Würze und dem Anbieter mit dem Kommunikationsladen.

Zugegeben, die schöne Alice vermisse ich trotzdem ein wenig.

Der Kreative und freie Autor Peter Wittkamp denkt sich Gags für die „Heute-Show online“ aus. Außerdem betextet er die Social-Media-Kanäle der BVG. Auch lustig: Wittkamps Tweets unter @diktator.

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe 03/2017. Titelgeschichte: “Besser als Tindern. Mitgründerin Whitney Wolfe verließ Tinder im Streit. Jetzt bekämpft sie mit der Dating- und Networking-App Bumble Sexismus.“ Mehr Infos gibt es hier.

 


Peter Wittkamp

Peter Wittkamp ist Kolumnist bei Business Punk. Außerdem Hauptautor und Gagschreiber der heute show online. Ab und an schreibt er auch ein Buch oder podcastet mit unserem Redakteur Daniel Erk unter "Erk und Wittkamp".

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder
placeholder