Kommt Musik und Literatur bald auch aus dem digitalen Reagenzglas?

Man kann die Geschichte des Kapitalismus als Geschichte der voranschreitenden Automatisierung erzählen. Gehört das menschliche Autoren-Monopol an der Kunst und Kreativität nun auch dazu?

Breitbeinig sitzt Alex da Kid am Montag in Shorts und Tanktop auf dem weißen Sofa bei Cannes Lions und spricht vor dem Publikum des Kreativitäts-Festivals über seinen Song „Not Easy“. Der Song ist zwar bereits 2016 erschienen, trotzdem wollen die Leute von dem Grammy-Preisträger hören, wie er entstanden ist. Schließlich geht es hier um die Zukunft der Kreativ-Wirtschaft. Der britische Produzent, der unter anderem mit Rihanna, Eminem und Dr. Dre zusammengearbeitet hat, sagt Dinge wie diese: „Musiker suchen immer nach Inspiration, was oft sehr schwierig sein kann. Eine künstliche Intelligenz wie Watson kann an dieser Stelle sehr hilfreich sein.“

Die von Wiz Khalifa, Elle King und Sam Harris interpretierte Pop-Ballade „Not Easy“ gilt als erster Song, der mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz geschrieben wurde und beruht auf einer Datenanalyse mit IBMs Watson – einer semantischen Suchmaschine, die an sie gerichtete Fragen inhaltlich versteht und selbstständig in einer Datenbank nach passenden Antworten sucht. Alex „da Kid“ Grant analysierte nun Billboard-Songs aus den letzten fünf Jahren, Blogs, soziale Netzwerke, aber auch Zeitungsartikel und Kommentare und identifizierte mit dem Programm immer wiederkehrende emotionale Themen in Lyrics, Rythmen und Instrumentalbesetzungen, um die „emotional temperature“ der Zeit zu verstehen und den einen emotionalen Song zu schreiben. Das Thema, natürlich: Liebeskummer.

Game-Changer in der Kulturindustrie

Mit anderen Worten, Grant begab sich mit einer Maschine auf die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner menschlicher Emotion. Nach etwas, gegen das niemand so richtig etwas haben kann. Und er findet das, was viele als Quintessenz unserer Existenz beschreiben würden, die Liebe. Und die Tatsache, dass der Song eine rundgeschliffene, maximalharmonische Retorten-Schmonzette inklusive Schmuse-Zupf-Gitarre und Streichern ist, zeigt erstens, dass es irgendwie funktioniert hat (immerhin haben die Youtube Uploads mehrere Millionen Klicks und der Song war auf Platz vier der iTunes Hot Tracks Charts) und kündigt zweitens vielleicht einen Game-Changer in der Kulturindustrie an.

Denn da Kids datengestützte Methode beim Schreiben des Songs und die wie zum Trotz manspreadende Zurschaustellung seiner weltaneignenden Männlichkeit auf der Lions-Couch kündigen vielleicht auch einen Wandel innerhalb seines eigenen Berufs an: Alex da Kid arbeitet ja quasi an seiner Selbstentmachtung als Produzent. Was aber noch viel bemerkenswerter ist: Der innovative Brite steht am Anfang einer Entwicklung, die Mainstream-Popmusik auf eine neue Ebene der Kommerzialisierung führen könnte: Musik aus der digitalen Retorte, personalisierbar für die unterschiedlichsten Zielgruppen, via Datenanalyse und Targeting maximal kapitalisierbar.

Für die Buchbranche ist dieses Szenario ebenfalls denkbar: Auch der Co-Autor einer japanischen Kurzgeschichte, die es durch die erste Runde des nationalen Science-Fiction-Literaturwettbewerbs „The Nikkei Hoshi Shinichi Literary Award“ schaffte, war nicht menschlich, wie The Japan News berichtete. Zwar betrug der menschliche Anteil an der Geschichte etwa 80 Prozent, wie ein daran beteiligter Professor mitteilte, und Menschen bestimmten den Plot, die Charakterdetails, sowie die Wörter und Sätze, die aus einer bereits existierenden Geschichte stammten. Doch die AI übernahm es tatsächlich, die Kurzgeschichte aufzuschreiben, die – ganz meta – mit „The Day a Computer Writes a Novel“ betitelt war. Sie endet mit dem Satz: „The computer, placing priority on the pursuit of its own joy, stopped working for humans.

Songwriting per Algorithmus

Denkt man das Ganze weiter, ist das Analysieren menschlicher Emotionen, das Füttern künstlicher Intelligenzen mit den gewonnenen Daten und die daraus resultierende Ableitung eines massentauglichen „Werks“ nur ein erster Schritt. Ließe sich das Schreiben originärer Inhalte per Algorithmus noch weiter automatisieren, ist absolut personalisierte Musik und Literatur denkbar, mit persönlich zugeschnittenen Lyrics und Geschichten, auf eigene Hörgewohnheiten angepasste Harmonien und favorisierter Instrumentalbesetzung. Am Ende könnte der Konsument, etwa mit speziellen Apps, zum Schöpfer seiner eigenen Geschichten und Songs werden. Ein Markt mit riesigem Potenzial, der das konsequent weiterführt, was in einer digitalisierten Welt ohnehin schon gegeben ist: wir alle sind zugleich Sender und Empfänger, Publisher und Konsument.

Da Popkultur eine zutiefst kapitalistische Angelegenheit ist, ist es nur logisch, dass auch hier der Mensch zugunsten einer durch Datenanalyse optimierten Kommerzialisierung einstecken wird. Eine neue Dimension wäre es aber, sich einmal auszumalen, dass die Idee des künstlerischen Genies, das sich aus der humanistischen Tradition originaler Autorenschaft speist, vielleicht nach etwa 500 Jahren zu einem Ende kommt. Damit würde auch das, worauf der moderne Mensch in über 35.000 Jahren Kulturgeschichte immer ein Monopol gehalten hat, Teil der kapitalistischen Automatisierungsgeschichte werden: Kreativität und Kunst.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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