Vom Physiotherapeuten zum Stuntman: Über die Kunst, sich ständig neu zu erfinden

Die Serie „Ein Colt für alle Fälle“ war in meiner Generation absolutes Pflichtprogramm am Nachmittag. Wahrscheinlich war es darum immer mein Jugendtraum, eines Tages Actionheld zu werden. Der Gedanke hat mich immer begleitet, aber es war nie eine richtige Option für mich. Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht, wollte arbeiten, etwas Solides tun. Davon hatte ich mir viel versprochen und wollte mich sogar selbstständig machen. Bis ich im Fernsehen einen Bericht über Stunt-Schulen sah.

Daraufhin meldete ich mich für einen Wochenendworkshop an und machte wenig später ein Praktikum am Set von „Alarm für Cobra 11“. Als ich in meinen Job als Physiotherapeut zurückkehrte, war ich überhaupt nicht mehr glücklich. Ich hatte Blut geleckt und wollte richtiger Stuntman werden. Also habe ich gekündigt, lebte erst mal von meinen Ersparnissen und spielte in kleinen Stunt-Teams bei Messen und Shows. Angefangen habe ich mit Feuerspucken. In jeder freien Minute habe ich Fragen gestellt und mir zeigen lassen, wie was funktioniert. So habe ich mich durch Learning by Doing quasi selbst zum Stuntman ausgebildet. 

Mein Ziel war es, irgendwann zu „Alarm für ­Co­bra 11“ zurückzukehren, was schließlich geklappt hat. Relativ schnell sogar durfte ich auch den Hauptdarsteller doubeln – damit hatte ich alles erreicht. Das Team war toll, jeder Tag war eine Herausforderung. Aber der Job war auch extrem. Es gab ein hohes Pensum an Stunts, die gleichzeitig zu den anspruchsvollsten in ganz Europa gehörten. Dabei lernte ich viel über mich selbst und lernte, an meine Grenzen zu gehen. Das hat mich auch ein Stück weit verändert.

Crash mit dem Jetski

Vor acht Jahren hatte ich einen schweren Unfall am Set. In einer Szene lieferten sich ein Boot und ein Jetski eine Verfolgungsjagd, dabei wurde der Jetski an Land gedrängt, crashte mit einem Auto und explodierte. Ich saß als Double auf dem Jetski und sollte vor dem Zusammenprall abspringen. Leider ging der Stunt schief. Dadurch landete ich mitten in der Explosion – und brannte. Durch den Unfall erlitt ich Verbrennungen dritten Grades an den Händen und zweiten Grades am Kopf. Das waren die Stellen, die nicht mit feuerfester Kleidung bedeckt waren.

(c) Nicky Schäfer

Mein erster Impuls nach dem Unfall war, trotzdem weiterzumachen. Aber nach längerer Überlegung entschied ich mich dagegen. Ich wollte meinem Körper – und meiner Frau – nicht noch mehr zumuten. Nachdem ich ein Jahr lang arbeitsunfähig war, begann ich, Film zu studieren, und gründete wenig später meine eigene Kommunikationsagentur. Mit einem kleinen Team produziere ich auf Stunts spezialisierte Marketingfilme. Zusätzlich arbeite ich seit zwei Jahren als Coach, unter anderem für Unternehmen für Arbeitssicherheit oder auch für Gründer, die ich im Umgang mit Risiken schule.

Trotz des Unfalls bereue ich die Entscheidung, Stuntman zu werden, kein bisschen. Mein Leben wurde dadurch viel spannender. Die Vorstellung, ich hätte zig Jahre als Physiotherapeut gearbeitet, graut mir viel mehr. Durch den ersten Reset in meinem Leben fiel mir der zweite Neuanfang viel leichter. Weil ich gemerkt hatte, wie viele Optionen es im Leben gibt. Trotzdem fehlt es mir in meinem jetzigen Job manchmal, so extreme, abgefahrene Sachen wie damals zu machen. Diesen Kick bekommt man durch nichts anderes.


Leonie Habisch

Leonie fragt sich manchmal, warum sie nicht einfach was Ordentliches gelernt hat. Schreiben macht ihr trotzdem Spaß und zwar besonders, wenn sie dafür Interviews mit interessanten Leuten führen kann.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder
placeholder