Was passiert, wenn man im Bewerbungsgespräch mal richtig ehrlich ist?

Nirgendwo wird so viel geflunkert wie im Bewerbungsgespräch. Wäre es nicht schön, wenn wir dort einfach mal ehrlich sein könnten und zu unseren kleinen Macken und Fehlern stehen würden!? Aber wie sähen diese Gespräche dann aus? Hier eine Annäherung:

Herzlich willkommen, haben Sie gut hergefunden?

Gut hergefunden habe ich. Danke. Aber ich war echt im Stress, weil ich nahezu unfähig bin, Termine einzuhalten. Trotz der Zeitnot habe ich mir noch schnell einen Cheeseburger bei McDonald’s geholt. Bescheuert, ne? Aber ich habe gestern mit Freunden getrunken, noch nichts gegessen und ein bisschen die Sorge, dass ich hier einfach umkippe, wenn ich nichts im Magen habe.

Es ist 17 Uhr, und Sie hatten noch nichts gegessen!?

Ich bin – wie Sie aus meinem Lebenslauf wissen – arbeitslos. Wenn einer Zeit hat, bis zum Morgen auszugehen, dann ich.

Gutes Stichwort: Ihr Lebenslauf.

Den hat meine Freundin für mich geschrieben. Ich hasse Word. Nein, das stimmt nicht. Ich verachte Word – „Hass“ ist ein Begriff, den ich lieber für Excel verwenden möchte.

In Ihrem Lebenslauf steht aber, dass Sie das gesamte MS-Office-Paket beherrschen.

Schreibt man halt so rein. Wissen Sie doch selbst. Da steht auch, dass ich gute Französischkenntnisse besitze. Dabei reden wir hier von sechs Abenden in der Volkshochschule, von denen ich vier verpasst habe. Excusez-moi! Und wo wir gerade dabei sind: Da steht auch, dass ich extrem teamfähig bin. Das stimmt aber auch nur, wenn das Team aus mir, mir und mir besteht.

Gut. Ich verstehe. Wechseln wir mal das Thema. Was reizt Sie an dem Job?

Die spannenden Herausforderungen, das agile Umfeld, die horizontalen Strukturen … bla, bla, bla … mal im Ernst: Es ist doch eigentlich ganz einfach: Sie als Unternehmen haben Geld, ich brauche Geld! Und da Sie mir dieses Geld nicht einfach so schenken werden, ist dieser Job eben unser Kompromiss.

Womit wir bei den Gehalts­vorstellungen wären …

Tja. Was soll ich da sagen?! Ich benötige ja eigentlich nicht viel. Ich habe keine Kinder, und mein einziges richtiges Hobby ist Netflix – auch wenn im Lebenslauf Segeln steht. Der größte Posten sind Ratenzahlungen, weil ich während des Studiums so ein kleines bisschen in das Geschäftsfeld Kreditkartenbetrug hineingeschnuppert habe. Unter der Woche dann noch etwas Geld für Gras – Koks nur am Wochenende. So viel gibt man da nicht aus. Ehrlich gesagt: 4 000 würden mir dicke reichen. Aber da ich die Gehaltsstrukturen in Ihrem Unternehmen gegoogelt habe, muss ich leider 6 000 sagen. Und damit ich die auch bekomme, nachdem Sie versucht haben, mich herunterzuhandeln, sage ich jetzt einfach mal 6 500!

Vielen Dank für Ihre offenen Worte. Wir hätten maximal 8 000 gezahlt. 6 000 wären schon ein echtes Schnäppchen. Aber wenn Ihnen 4 000 reichen, reichen Ihnen auch 3 800. Lassen Sie halt das Gras weg. Dann futtern Sie auch weniger. Sie sind ja schon ein wenig rundlich. Wenn das in so jungen Jahren anfängt mit den Pfunden, kriegt man das später nie wieder weg. Montag um acht geht es los. Machen Sie sich aber keine allzu großen Karrierehoffnungen, die meisten bleiben hier nicht lange. Das Betriebsklima ist eine mittlere Katastrophe, und jeder, der vor 20 Uhr geht, gilt als Querulant. Übrigens: Ich verdiene 15 000 im Monat, obwohl ich die meiste Zeit bei „World of Warcraft“ rumhänge. Tja … Betriebsratsmitglied und damit unkündbar. Schönen Abend, Grüße an die Freundin und Netflix!

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 05/2017. Titelgeschichte:Gestartet als durchgeknalltes Kondom-Startup berät Einhorn Products jetzt milliardenschwere Konzerne. Mehr Infos gibt es hier.


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