Leadership & Karriere Virtueller Marktplatz für Dope: Telegrass macht dein Handy zum Dealer

Virtueller Marktplatz für Dope: Telegrass macht dein Handy zum Dealer

Kiffen? Mainstream. Doch der Handel mit Cannabis ist noch immer fast überall verboten. Das will Telegrass-Gründer Amos Dov Silver ändern. Seine boomende Dealer-Plattform soll eines Tages zum Global Player werden, ganz legal. Von Thore Schröder

Kiffen? Mainstream. Doch der Handel mit Cannabis ist noch immer fast überall verboten. Das will
Telegrass-Gründer Amos Dov Silver ändern. Seine boomende Dealer-Plattform soll eines Tages zum Global Player werden, ganz legal.
Von Thore Schröder

Kurz ist es still in der Leitung. Ich höre das Ratschen eines Feuerzeugs, Knistern, einen tiefen Zug, Ausatmen, zufriedenes Seufzen. Dann ist Amos Dov Silver wieder am Apparat. „Sorry, musste mir gerade einen Joint anstecken“, sagt der 33-Jährige. Silver ist Erfinder von Telegrass, einem virtuellen Marktplatz für Cannabis auf Basis des Messengers Telegram. In seiner Heimat Israel hat er damit den Dopemarkt revolutioniert.

Nach Angaben des Unternehmens, das in keinem Handelsregister eingetragen ist, nutzen 150  000 User und knapp 3 000 Dealer die Plattform. Der Gras-Preis sei um 30 Prozent gefallen, der Kauf so einfach wie noch nie. Auf 28 lokalen Kanälen preisen Verkäufer Ware an. Es gibt „saftig“ und „klebrig“, „medizinische Qualität“, Haze, Skunk und Kush, Indica und Sativa. Alles, was das Kifferherz begehrt, zu jeder Uhrzeit und vor allem völlig unkompliziert.

Geflohen wegen einer einzigen Pflanze

Telegram gilt schon lange als Ort für sichere, anonyme Kommunikation, weshalb auch Terroristen die App schätzen. Außerdem lassen sich durch Scripte die Funktionen erweitern – optimal, um aus der Chat-App eine Handelsplattform zu machen. Der Einstieg ist einfach: App installieren, Telegrass-Link – von der Website, der Facebook-Page oder Bekannten – aktivieren. „Die Qualität der Ware ist top. Und es ist sicher“, jubeln Silvers Fans in Israel. Doch sie können ihm nicht persönlich danken.

Vor gut zwei Jahren ist Silver, der auch einen US-Pass besitzt, nach Amerika geflohen. „Wegen einer einzigen Pflanze“ sei er in Israel zum ersten Mal verhaftet worden, sagt Silver. Von da an habe er all seine Energie auf die Legalisierung von Cannabis verwendet. Das zweite Mal wurde er wegen Erregung öffentlicher Aufruhr eingesperrt: Im April 2014 hatte er auf Facebook zu einer „Big Bong Night“ vor dem Parlament, der Knesset, aufgerufen. Tausende kamen. Als Silver dann noch Gras an einen ­Zivilpolizisten verkaufte, wanderte er für sieben Monate ins Gefängnis. Nach der Freilassung ging er in die USA. „Das Geld für das Flugticket hat mir mein Bruder geliehen“, sagt Silver.

Telegrass
Foto: Ingrid Karin Nieters

Aber wie wurde aus dem zerzausten Stoner und Aktivisten für die Legalisierung der Gründer und Chef eines Startups, dem eine Legalisierung eher schaden dürfte? Der Wandel begann bereits in seiner Kindheit in Safed, im grünen Galiläa. Dort wuchs Silver in einer streng religiösen Familie als fünftes von sieben Kindern auf. „Für mich hat sich das mit dem Glauben immer falsch angefühlt, ich hatte einfach keine Verbindung dazu“, sagt er. Deswegen verließ er mit 15 die Tora-Schule und ging nach Jerusalem. „Ich habe auf der Straße geschlafen und im Hinterzimmer des Kiosks, in dem ich gejobbt habe. Aber eigentlich war das eine gute Zeit“, sagt er heute. Seinen ersten Joint rauchte Silver unbewusst: „Ich war besoffen, ein Kumpel hat mir das Ding hingehalten. Das war ein ganz, ganz starkes Erlebnis, ich hatte plötzlich so viele Gedanken und so tiefe Gefühle. Es war, als hätte sich in meinem Kopf eine Tür geöffnet.“

Bei unserem Skype-Call geht an der Ostküste gerade die Sonne auf. Silver ist schon länger wach. „Ich muss mich ja auch ständig um das kümmern, was in Israel passiert“, sagt er. In den ersten Monaten in den USA ist er mehrmals umgezogen. New York, Las Vegas, Alaska, Texas, Kalifornien, wieder New York. „Ich habe bei Freunden von Freunden gepennt, später, als Geld da war, in Motels“, sagt er. Mittlerweile lebt Silver in einem Apartment in Poughkeepsie nördlich von New York. „Die Bude gehört einem Freund von einem Freund. Der mag meine Arbeit.“

„Immer erst das Profil des Kunden und ein Foto der ID“

Silver lebt noch immer bescheiden, dabei könnte er reich sein, würde er sich nicht bloß „hier und da mal 1 000 oder 2 000 Dollar“ auszahlen, sondern bei jedem Deal eine Provision nehmen. Denn nach seinen Schätzungen wird über Telegrass täglich Cannabis im Wert von rund 1 Mio. Euro verkauft. „Bisher nehmen wir aber nur Gebühren von Dealern, die ihr Zeug auf mehr als einem Kanal anbieten wollen, jeweils rund 100 Euro“, sagt Silver.

Monatlich kommen so etwa 70  000 Euro zusammen. Zehn Prozent gehen an wohltätige Zwecke, zuletzt an ein Projekt für autistische Kinder. Mit dem Rest würden die Mitarbeiter bezahlt – 110 sogenannte Manager und fünf Programmierer arbeiten für Telegrass. „Die sind zwar alle auf freiwilliger Basis dabei, aber wir wollen ihnen ein Gehalt zahlen. Das ist viel Arbeit“, sagt Silver. Ständig kommen neue Kanäle und neue Orte dazu. Das Wichtigste aber sei die Sicherheit.

Die Methode dafür lernte er in New York. „Damals habe ich mein Gras selbst noch über Facebook gekauft. Die Dealer da wollten vor dem Treffen immer erst das Profil des Kunden und ein Foto der ID sehen“, sagt Silver. Auf seiner eigenen Facebook-Seite hatte sich in der Zwischenzeit in Israel ein Marktplatz entwickelt. „Die Leute eröffneten falsche Konten, ich taggte sie, führte sie mit anderen zusammen, die verkauften. Bald waren das schon 30 Dealer. Das wurde schnell zu viel“, erinnert sich Silver. Ein Freund hatte schließlich die Idee, das Ganze auf Telegram zu verlagern.

„Vielen Leuten hat überhaupt nicht gefallen, was wir gemacht haben“

Am 1. März 2017 gingen sie online. „Wir hätten uns nicht träumen lassen, dass so ein Riesending daraus wird.“ Nach einem halben Jahr hatten sie über 100 000 User und fingen an, das Geschäft auf Bots umzustellen.

Silver leitet Telegrass alleine, angetrieben von Cola, veganem Essen und zwei bis drei Gramm Eigenbedarf täglich. Manchmal presst er sich Haschisch – „das gibt’s hier in Amerika nicht, das vermisse ich“. Auch nach Freunden und Familie hat er Sehnsucht. „Aber ein Teil meiner Kraft liegt in meiner Einsamkeit hier.“ Hätte er zum Zeitpunkt des Launches eine Freundin gehabt, wäre er erpressbar gewesen. „Vielen Leuten hat überhaupt nicht gefallen, was wir gemacht haben“, sagt er. Vor Telegrass habe es in Israel bloß ein paar Clans gegeben, die das Geschäft unter sich ausmachten, plötzlich waren Hunderte neue Dealer auf dem Markt.

Um sicherzustellen, dass alle nach den Regeln spielen, dass also keiner streckt oder betrügt, haben sich die Macher raffinierte Prüfsysteme ausgedacht, die über das Verifizieren der Profile und Ausweise hinausgehen. Die User können sich die Bewertungen der Dealer anschauen. Und wenn jemand richtig Mist baut, können sein Name, sein Foto und seine Adresse veröffentlicht werden. Das gilt auch für Polizisten. Public Shaming als Druck- und Abschreckungsmittel.


Ende Februar, einen Tag vor Telegrass’ erstem Geburtstag, der große Schock: „Daten von Tausenden israelischen Drogenhändlern publik nach App-Hack“ titelte die israelische Tageszeitung „Jerusalem Post“. Einen Monat später wurden 40 Händler verhaftet. „Von nun an wird jeder, der Telegrass benutzt, zweimal nachdenken, ehe er die Anwendung öffnet“, prahlte der verantwortliche Polizeichef.

Silver blieb cool, schrieb auf Facebook: „Die wahre Geschichte ist: Wir hatten einen Programmierer, der es geschafft hat, die Daten von 1 500 Usern zu stehlen. Wir haben ihm vertraut, und er hat uns verraten. Aber das System wurde nicht gehackt.“ Heute sagt er, es seien viel weniger Datensätze gewesen, er selbst habe überreagiert mit seinem Post. „Aber wir haben gelernt, dass wir den Zugang zu den Angaben der Leute noch besser schützen müssen, dafür haben wir neue Logs eingeführt“, erklärt er. Telegrass verifiziere nun auch die Profile der User ständig neu. „Wer nicht mehr aktiv ist, wird rausgeschmissen“, so Silver. Am Ende war diese Geschichte ein heilsamer Schock. Freunde in Israel berichten jedenfalls, sie fühlten sich immer noch sicher bei der Benutzung. Und es kommen weiter Kunden dazu.

Mehr Bots, mehr Automatisierung

Was aber, wenn Cannabis in Israel wie in vielen US-Staaten legalisiert würde? „Dass Kiffen nicht kriminell ist, ist die ganze Zeit die Grundlage und der Antrieb für meine Arbeit geblieben“, sagt Silver. Tatsächlich könnte Telegrass dafür sorgen, dass die Strafverfolgung aussichtslos wird – was die Legalisierung womöglich beschleunigt. „Dann könnten wir auch einfacher Geld einsammeln“, sagt Silver. Schon jetzt melden sich immer wieder Investoren bei ihm. „Jedenfalls glaube ich, dass uns die Leute weiter brauchen werden, weil wir einfach ein verdammt gutes System gebaut haben.“

Und es soll weitergehen mit der technischen Entwicklung. Noch mehr Bots, immer mehr Automatisierung. Vielleicht die Bezahlung mit Kryptowährung, ein eigenständigeres Design, die weitere Internationalisierung. „Gestern habe ich das erste Mal selbst Gras über Telegrass in New York gekauft“, freut sich Silver. Das Startup nähert sich seiner Vision, die jeder Kiffer nachvollziehen kann: „Bei uns einzukaufen muss einfacher sein, als eine Pizza zu bestellen.“

Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe 03/2018. Darin gehen wir der Frage nach wie Star-Investor Peter Thiel, der sich als Trump-Versteher unmöglich gemacht hat, so tief fallen konnte – und wie er es wieder nach oben schaffen will. Außerdem: Dossier Fußball. Genauer, zum Business mit, hinter und vor dem Spiel. Mehr Infos hier.

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