Karriere ohne Boxenstopp: Vanessa Mientus baut Formel-1-Pisten

Formel-1-Pisten bauen? Ein Männergeschäft. Vanessa Mientus hat sich dennoch in dieser Branche etabliert – mit Furchtlosigkeit und jeder Menge Ehrgeiz.

Vanessa Mientus sitzt in einem kleinen, aufgeheizten Baucontainer und beugt sich über die ausgebreiteten Pläne. Um sie herum: nichts. Bloß Brache und Baustelle. Mientus’ neuer Arbeitsplatz seit wenigen Wochen. Hier, mitten im staubigen Nirgendwo, 30 Kilometer südwestlich von Mexico City, kurz vor der 500. 000-Einwohner-Stadt Toluca, baut sie eine neue Rennstrecke. Nicht irgendeine: Sie baut das México Speedway Drive Resort, einen privaten Luxus-Circuit, exklusiv für 600 Clubmitglieder. Einen Spielplatz für Millionäre und Milliardäre. Noch ist davon nichts zu erkennen. Noch sind bloß erste Bagger angerückt, und ein paar Arbeiter wuseln auf dem Gelände umher. Aber mittendrin Vanessa Mientus, die coole Deutsche in Lederjacke und Nikes. Eine 38-jährige Frau, die schon an den großen Formel-1-Kursen der Welt mitgearbeitet hat.

Der Bau von Rennstrecken, das muss man vielleicht dazusagen, ist eine der Königsdisziplinen der Baubranche. Ein Großprojekt wie ein Flughafen, ein Bauwerk, das einen ganzen Landstrich prägt. Das Komplizierte daran: Fast alle neuen Rennstrecken werden des Lärms und der Größe wegen mitten in der Pampa hochgezogen. Weshalb erst mal eine komplette Infrastruktur samt Zufahrtsstraßen und Stromversorgung angelegt werden muss. Und dann muss da der Masterplan erstellt werden, eine riesige Gesamtplanung, die neben der Rennpiste selbst auch die Konzeption der Venues beinhaltet: Wohin kommen die Getränkebuden? Wohin die Umkleiden? Wo werden die Glasfaserkabel für den Pressezirkus verlegt? Wie wird der Sicherheitszaun platziert? Und wie können die Tribünen bei einem Gewitter innerhalb von acht Minuten geräumt werden, ohne dass eine Massenpanik entsteht? „Autorennen ist wie Olympia“, sagt Mientus. „Nur auf einem höheren technischen Level.“ Kurz: Die Komplexität ist enorm.

Überhaupt habe sich der Anspruch der Besucher stark verändert, erklärt Mientus. Sie wollen nicht mehr nur das Rennen verfolgen. Sie erwarten Rundum-Entertainment. „Vor 30 Jahren hat man den Zuschauern Getränke und etwas zu essen gestellt. Mittlerweile tritt Justin Timberlake an so einem Formel-1-Wochenende auf. Das muss erst mal gestemmt werden“, sagt Mientus.

Ein paar Runden und dann Party

Hier, im México Speedway Drive Resort, ist Mientus die Bauleiterin. Sie ist die Schnittstelle zwischen den Investoren, die eigentlich nichts mit Autorennen am Hut haben, dem Bauunternehmen und den Dienstleistern. Ihre Aufgabe: „Ich habe immer den Masterplan im Kopf“, sagt sie. „Ich finde die Fehler, damit das Ganze operativ funktioniert.“ Das Design der Piste selbst – wo welche Kurve mit welchem Gefälle asphaltiert werden soll – stand schon, als Mientus den Job übernahm. Der Masterplan auch – theoretisch. Aber sie warf ihn bald über den Haufen, denn vieles passte einfach nicht zum Ort. Viele Details wird Mientus ohnehin erst während des Baus festlegen.

Einmal fertig, soll das 35 Hektar große Areal eine 3,8 Kilometer lange Rennpiste beherbergen, drumherum 45 Luxusvillen. Erst können die Rich Kids ihre Porsches, Lamborghinis und Ferraris legal ausfahren, anschließend ordentlich Party machen. Ein Traum für die autoverrückte Jeunesse dorée. Wie kommt man zu so einem Projekt?

2007, Aachen. Vanessa Mientus ist gerade mit ihrem Architekturstudium fertig und sucht einen Job. Sie will raus aus der Kleinstadt, raus aus der Ödnis – doch dann bekommt sie ein Angebot von einem renommierten Aachener Unternehmen, das viele internationale Hotels, Malls und Krankenhäuser baut, vor allem aber der Weltmarktführer im Rennstreckenbau ist. Abu Dhabi, Malaysia, Bahrain, Austin – fast alle neueren Formel-1-Strecken stammen von diesem einen Unternehmen. Verlockend. Also entscheidet Mientus, erst einmal in Aachen zu bleiben.

©Carlos Álvarez-Montero

Plötzlich dreht sich damit alles in ihrem Leben um Autos, Kurven und Asphalt. Viel Verantwortung – und eine krasse Herausforderung für Mientus, die bis dahin nicht den blassesten Schimmer von Autorennen hatte. Oft muss sie nachfragen, sogar bei Kleinigkeiten, und macht sich damit mehrmals zum Horst, wie sie es selbst formuliert. Zum Beispiel, als sie in einer großen Besprechung fragen muss, wie die „rot-weißen Dinger“ am Rand der Rennpiste heißen. Curbs. Mientus ist die Blamage egal, sie fuchst sich rein, will alles ganz genau wissen, bis sie auch das letzte Detail verstanden hat.

Was Mientus’ Arbeit zusätzlich erschwert, ist die simple Tatsache, dass sie eine Frau ist. Frauen sind nicht nur in der Formel 1, sondern auch im Rennstreckenbau selten. Da brauche es ein starkes Selbstbewusstsein, sagt Mientus. Die meisten behandeln sie von oben herab, zweifeln ihre Kompetenz an, nicht selten wird sie für jemandes Assistentin gehalten. Es ist ein nerviger, kräftezehrender Kampf. Zwar kennt sie diese Zweite-Klasse-Behandlung inzwischen nur zu gut und kann mit einem flotten Spruch reagieren, aber dran gewöhnt hat sie sich immer noch nicht. „Da verkneifst du dir nach der Arbeit auch mal eine Träne im Auto“, sagt sie. „Aber das alles macht mich nur noch stärker.“

Eine Rennstrecke ist ein wahnsinnig komplexer Bau, erklärt Mientus. „Du hast superviele unterschiedliche Ebenen, und es macht Spaß, die zum Schluss zusammenzusetzen. Das ist wie ein großes Puzzle.“ Eine Herausforderung, die sie lieben lernt. Als am 1. November 2009 das erste Mal Formel-1-Boliden über den Yas Marina Circuit in Abu Dhabi brettern, der ersten Rennstrecke, an der Mientus mitgearbeitet hat, sitzt sie in Aachen vorm Fernseher – und ist furchtbar stolz. Ein Wahnsinnsgefühl, sagt sie, zu sehen, wofür man nächtelang durchgearbeitet hat. Und trotzdem bleibt da dieser eine Gedanke: Vielleicht sollte sie doch mal raus aus Aachen, raus in die Welt?


Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder