„Wir wollen einen von Kopf bis Fuß nachhaltigen Restaurantservice aufziehen“

2015 gründeten Christian Hengl, Fabian Kreipl, Tobias Kreß und Bastian Schumacher die Grünzeug GmbH, um ihr Produkt – die Vanilla Bean-App – zu entwickeln. Inzwischen ist ihr veganer Restaurantguide in den nachhaltigen Communities von Deutschland über Frankreich bis in die USA bekannt. Nun haben sie ein neues Projekt: Ein verpackungsfreier Lieferdienst, der nach der Finanzierungsphase im Herbst 2019 in Berlin starten soll. Wir haben mit Fabian Kreipl gesprochen.

Mitgründer Fabian Kreipl

Fabian, bitte erkläre uns doch euer Lieferdienst-Konzept.

Wir wollen mit einem Mehrwegkonzept verpackungsfreies Liefern ermöglichen. Dafür arbeiten wir mit wiederverwendbaren Boxen. Und das System ist eigentlich super einfach: Ich bestelle über die App, und das Essen wird in einer solchen Box gebracht. Und dann kommt das Essen entweder direkt auf den Teller und der Fahrradkurier nimmt die Box wieder mit oder ich behalte die Box und gebe sie bei meiner nächsten Bestellung wieder ab. Auf die Art und Weise habe ich einen bequemen Bestellvorgang, der gleichzeitig emissionsfrei ist. Ich muss nicht mal den Müll runterbringen.

Und ihr habt keine Angst, dass sich die Boxen bei den Kunden ansammeln?

Doch, das ist tatsächlich ein mögliches Problem. Deswegen ist auch vorgesehen, dass die Kunden die Box nach der ersten Probebestellung kaufen, beziehungsweise einen Pfand hinterlegen, müssen. So gehen wir sicher, dass uns niemand austrickst und Boxen hamstert.

Die Bestellung wird über eure schon bestehende Guide-App laufen?

Genau. Vanilla Bean ist ja ein veganer Restaurantguide und wir verstehen die Bestellplattform als weitere Funktion dieses Guides. Wenn es die Lieferoption in der Stadt und bei dem Restaurant gibt, wird einem sehr prominent angeboten werden, sie zu nutzen. Dieses Konzept kennt man auch von Tripadvisor oder Yelp in den USA.

Das heißt, man wird auch nur veganes Essen bestellen können?

Ja richtig, wir verstehen uns ja als nachhaltige Restaurantplattform und das nachhaltigste, was man machen kann, ist vegan zu essen. Es wäre komisch zu sagen: Gut, wir lösen das Müllproblem, aber in den super nachhaltigen Boxen liefern wir Fleischgerichte, die super viel Wasser verbrauchen und einen großen Anteil an der Klimaproblematik haben. Wir wollen einen wirklich von Kopf bis Fuß nachhaltigen Restaurantservice aufziehen.

Dass Veganer oder ökologisch bewusste Konsumenten eine Zielgruppe sein können, haben inzwischen ja auch große Player wie Foodora oder Lieferheld verstanden. Wieso glaubt ihr, gegen die bestehen zu können?

Genau durch unsere Spezialisierung. Für uns ist das kein Randthema, wir haben nicht nur einen Filter, sondern bei uns ist alles nachhaltig. Die Branche orientiert sich am Mainstream von heute und der konsumiert nicht nachhaltig. Wir orientieren uns am Mainstream in vier bis fünf Jahren und sind dort Spezialisten.

Und das Grüne ist in unserer Firmen-DNA verankert. Aufgrund dieser Ausrichtung können wir Restaurants anbieten, die bei anderen Plattformen nicht zu finden sind. Wir haben in Berlin Umfragen gemacht und dabei recht schnell herausgefunden, dass die, die aktuell mit den Großen kooperieren, großes Interesse daran haben, das zusätzlich mit uns nachhaltig und verpackungsfrei zu machen. Aber was noch interessanter war: Über die Hälfte der Restaurants, die bisher mit niemandem kooperieren, würden das mit uns sehr wohl tun. Weil sie zum Beispiel wegen der Arbeitsbedingungen der Kuriere oder des Müllproblems nicht mit den großen Playern zusammenarbeiten wollen.

Wieso habt ihr euch den Veganismus auf die Fahne geschrieben?

Für uns ist der vegane Markt ein großes Zukunftsthema. Wir erwarten hier eine ganz starke Entwicklung und Statistiken bestätigen diesen Eindruck. Während der Fleischmarkt in den USA um zwei Prozent gewachsen ist, ist der für Fleischersatz-Produkte um ganze 24 Prozent gewachsen. Vor allem in der Altersgruppe von 18 bis 28 gibt es viele Menschen, die sich sehr viel mit der Produktion des Essens auseinandersetzen.

Das wird auch nicht aufhören, weil einfach langsam allen klar wird, welche große Rolle Fleischproduktion bei hochproblematischen Umweltentwicklungen spielt. Vom Klimawandel über Wasserverschmutzung und Regenwaldabholzung bis hin zum Artensterben ist die Fleischindustrie ein riesiger Faktor. Das Problem mit uns Menschen ist aber, dass wir unser Verhalten nur ändern, wenn wir direkt den Impact sehen und das tun wir bei unserer Ernährung nicht. Deswegen muss man es den Leuten so einfach wie möglich machen. Das ist meine tiefste Überzeugung.

Ihr habt euch bei der Finanzierung für Crowdinvesting entschieden. Wieso?

Zum einen haben wir dadurch einen nicht zu verachtenden Marketing-Effekt. Außerdem können die Leute, die beim Crowdinvesting finanzieren, gleichzeitig auch Test-User sein. Wir bekommen direkt Feedback, das ist für uns verlockend und interessant.

Mit dem Restaurantguide habt ihr bisher keinen Gewinn gemacht. Soll sich das durch die Bestellplattform ändern?

Unser Ziel war es, den Guide in den Kernmärkten herauszubringen: deutschsprachiger Raum, Frankreich, USA und Großbritannien. Das haben wir gemacht und dadurch eine Brand und Community aufgebaut. Von Beginn an war die Strategie, im nächsten Schritt Bestellfunktionen anzubieten. Das ist unsere Umsatz-Möglichkeit. Langfristig wollen wir alles rund um ein nachhaltiges Gastro-Angebot abbilden. Also zum Beispiel auch Tischreservierungen oder Events.

Nun arbeitet ihr seit über drei Jahren zusammen, habt schon ein Produkt aufgebaut. Habt ihr in der Zeit Fehler gemacht, die ihr jetzt verhindern könnt?

Ja, so einige, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber was sicherlich das wichtigste Learning war, ist die Fokussierung. Wir haben am Anfang gleich sehr groß gedacht und sind dann recht schnell in verschiedene Länder gegangen. Das haben wir der Umsatzerzielung vorgezogen. Das würde ich so nicht mehr machen. Jetzt ist der Weg eher umgekehrt. Wir suchen uns mit Berlin einen überschaubaren ersten Markt aus und konzentrieren uns vorrangig auf das Business.

Wie soll es nach Berlin weitergehen?

Nach Berlin wollen wir unsere Bestellplattform in weitere deutschsprachige Städte bringen: Hamburg, München und Wien. Dafür bräuchten wir nochmal eine Finanzierungsrunde. Dann sollten wir ein Level erreichen, auf dem wir uns tragen können. Aus diesem stabilen Fundament wollen wir dann in weiteres Wachstum investieren. Nach dem deutschsprachigen Raum würden wir gerne noch großflächiger werden – mit einem Fokus auf Europa.

Und was ist euer Zeitrahmen dafür?

Wir planen da mit zwei bis drei Jahren, wenn keine speziellen Zwischenfälle vorkommen. Wenn es in Berlin total gut läuft und wir mehr Finanzierung oder strategische Partner reinholen können, kann sich das natürlich massiv beschleunigen.

Was sind denn eure Lunch-Routinen?

Tatsächlich bestehen die aus Tupperware und Edelstahlboxen. Unser Büro ist in der Tech Base in Regensburg und die Kantine ist leider nicht besonders vegan-freundlich. Das bedeutet für uns also, Essen von zu Hause mitzubringen. Ab und zu gehen wir gemeinsam zum Inder und lassen es uns dort gut gehen.


Nele Spandick

Nele hat nichts mit Medien studiert und versucht es trotzdem. Verheddert sich häufig in philosophischen Gedankenspielen und politischen Diskussionen. Entheddert sich dann mit wirtschaftlichem Pragmatismus, down-to-earth Trashkultur-Konsum und gutem Essen.

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