Volucap macht begehbare Filme und will damit das Kino disrupten

Mit seinem volumetrischen Studio arbeitet das Potsdamer Startup Volucap an der Zukunft des Kinos. Schon in wenigen Jahren will man hier begehbare Filme auf Hollywood-Niveau produzieren.

Der Raum ist gleißend hell, es fällt schwer, die Augen offen zu halten. In der Mitte steht auf einer dunkelgrauen Fußmatte, die verhindern soll, dass der weiße Boden schmutzig wird, Sven Bliedung. Der große, breit gebaute Mann im Nadelstreifenanzug dreht sich langsam um die eigene Achse und deutet auf die kuppelartige Konstruktion um sich herum. „Das, was wir hier aufgebaut haben“, sagt Bliedung, „ist an der Grenze von dem, was technisch überhaupt geht.“

Der 33-Jährige ist Geschäftsführer des Potsdamer Startups Volucap. Bei der Kuppel, in der er steht, handelt es sich um ein volumetrisches Filmstudio, in dem so etwas wie 3D-Scans von Personen und Gegenständen gemacht und im Anschluss zu hologrammartigen 360-Grad-Darstellungen errechnet werden. Mimik, Gestik, Bewegungsabläufe, alles sieht genauso aus wie bei der realen Person, selbst die Falten in der Haut. Diese lebensechten Abbilder können dann in Filme und Videospiele gesetzt oder in Form von Augmented Reality in reale Umgebungen projiziert werden – etwa wenn man durch eine VR-Brille schaut und plötzlich ein Pferd in der eigenen Küche steht. Es gibt eine Handvoll solcher Studios auf der Welt, aber keines liefert so detaillierte Aufnahmen wie das von Volucap auf dem Gelände des Filmstudios Babelsberg.

Film als Erlebnispark

Was erst einmal sehr abstrakt klingt, ist nicht weniger als die Zukunft des Kinos. Die große Vision hinter Volucap ist der begehbare Film. Das heißt, der Zuschauer soll sich mittels VR-Brille völlig frei in Filmszenen bewegen und um die Schauspieler he­rum­ge­hen können. Ein riesiger Sprung von aktuellen VR-Filmen, die bestenfalls ein paar Schritte vor oder zurück erlauben. In einer mit der Technik von Volucap gedrehten Adaption von „Der Herr der Ringe“ könnte man selbst auf dem Schicksalsberg herumspazieren, während Frodo und Sam ihn mühevoll erklimmen, oder Gollum über die Schulter schauen, wenn er am Rande des Lavakessels den einen Ring an sich reißt. Kurz: Der Film wird zum Erlebnispark.

Noch ist das eine Vision, denn für das große Kino sind die 3D-Hologramme von Volucap nicht scharf genug. Feinheiten wie Haare verschwimmen, sodass die Figuren immer irrealer aussehen, je näher man ihnen kommt. Heute können gescannte Personen nur als Statisten im Hintergrund eines Films eingesetzt werden. Doch die Technologie entwickelt sich rasant, vor allem die Software. „Bei den Aufnahmen, die wir jetzt gemacht haben, werden in einem Jahr komplett andere Ergebnisse rauskommen“, sagt Bliedung.

Ehe der Medieninformatiker Geschäftsführer von Volucap wurde, baute er zwei Firmen mit Fokus Special Effects und Postproduktion auf. Foto: Tobias Heuser

Der Rostocker hat Medieninformatik studiert. Nach einer Zwischenetappe als Gründer eines Reise-Startups kam er zum Film und spezialisierte sich auf 3D-Animationen und Special Effects. Bliedung hat an mehreren Hollywoodproduktionen mitgewirkt und gründete schließlich zwei Startups in dem Bereich. Als er mitbekam, dass in Babelsberg ein volumetrisches Studio entstehen soll, zog er sich aus dem operativen Geschäft seiner Firmen zurück und wurde im April 2018 Geschäftsführer von Volucap. Mit einem schmalen Team von sechs Leuten schreibt Bliedung nun Mediengeschichte.

Gedreht wird bei Volucap fast wie an einem normalen Filmset. Die Schauspieler stehen in der weißen Kuppel, die in eine vier Meter hohe Rotunde eingebaut und ringsherum mit knapp 250 LED-Panels und 32 hochauflösenden Spezialkameras ausgestattet ist. Dieses Setting wird ähnlich auch in Geschäften genutzt, wo man sich Mini-3D-Doubles von Menschen oder Haustieren drucken lassen kann. Der große Unterschied: Dort werden nur Fotos gemacht, bei Volucap wird tatsächlich gefilmt. Die Takes, die im Innern der Kuppel entstehen, können auf einem Bildschirm an der Außenseite parallel mitverfolgt werden und landen auf Servern im Nebenraum. Sobald alles abgedreht ist, werden die Aufnahmen vollautomatisch zu den besagten 3D-Figuren verarbeitet.

Potsdam im Rampenlicht

Die Software, die Volucap dafür verwendet, heißt 3D Human Body Reconstruction, kurz 3D HBR, und wurde am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin entwickelt. Volucap wurde von Gesellschaftern wie der Ufa und dem Filmtechnikausstatter Arri ins Leben gerufen, um 3D HBR kommerziell zu nutzen. Das Potsdamer Startup ist an den dort kürzlich entstandenen Digital Hub für Medientechnologie angedockt. Gefördert vom Wirtschaftsministerium, soll hier ein Ökosystem erstehen, das Austausch und Innovation in der Branche vorantreibt.

Was bei Volucap derzeit noch in einer experimentellen Phase steckt, hat das Potenzial, das Motion-Capturing zu ergänzen oder gar zu ersetzen. Bislang steckt man Darsteller in hautenge Sensoranzüge und erfasst so deren Bewegungen, Mimik und Gestik. Später wird dann quasi am Computer eine neue Haut darübergelegt, um Personen oder sonstige Figuren für Spiele oder Filme zu animieren. Diese Methode ist wahnsinnig teuer, bedarf unzähliger Zwischenschritte und vor allem viel händischer Nachbearbeitung. Die voll automatisierte, darum schnellere und günstigere Volumetrie ist ein echter Game-Changer. Den braucht es auch, denn immersive Medien boomen, und mit ihnen steigt der Bedarf an Figuren, die man in virtuelle Welten platzieren kann.

Die im Inneren des volumetrischen Studios aufgenommenen Filmsequenzen sind zeitgleich auf einem Display außerhalb der zylinderartigen Konstruktion zu sehen. Foto: Tobias Heuser

Seit der Eröffnung im November 2018 ist das Volucap-Studio ausgebucht. Denn obwohl es noch eine Weile dauert, bis der begehbare Blockbuster die Menschen vom Sofa lockt, kommt die Volumetrie schon jetzt in vielen Bereichen zum Einsatz, die keine extrem hohe Auflösung erfordern. So könnten beispielsweise Industriekunden ihre neue Maschine einscannen lassen, um den Mitarbeitern virtuelle Schulungen zu verpassen. Angehende Ärzte könnten an virtuellen Menschen die Untersuchung von Patienten trainieren oder komplizierte OPs simulieren. Denn da ist es erst mal egal, ob die Haare perfekt fallen oder das Lächeln natürlich aussieht.

Das größte Potenzial, glaubt Bliedung, liege ohnehin nicht im Entertainment-Sektor, sondern in Branchen wie der Medizintechnik oder der Automobilindustrie. Zum einen, weil hier viel Geld steckt, zum anderen, weil man gut skalieren kann. Noch könne man aber gar nicht alle Anwendungsszenarien der Volumetrie abschätzen, so Bliedung. „Darum ist es wichtig, diese Technologie am Standort zu haben, damit die Firmen hier damit herumexperimentieren können.“

Caligari, Telekom, Industrie

Bliedung darf nur wenig darüber verraten, wer sein Studio schon genutzt hat. Zum einen ließ sich die deutsche Modemacherin Lana Mueller volumetrisch scannen, damit ihre Kunden sich mittels Augmented-Reality-App auf dem Smartphone die Kleidung von der Designerin im eigenen Wohnzimmer vorführen lassen können. Sie werden um Müllers Hologramm herumgehen und ganz genau sehen können, wie der Stoff an welcher Stelle fällt. Eine wesentlich aufwendigere Produktion machte Volucap mit der Ufa, einen begehbaren Stummfilm: „Der Traum des Cesare“ erzählt die Geschichte hinter dem Klassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und soll unter anderem bei der Berlinale 2020 gezeigt werden, wenn der in Babelsberg entstandene Stummfilm sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Neulich hat auch die Telekom das Studio gebucht, ebenso waren Kunden aus der Industrie bereits in Potsdam.

In wenigen Jahren will Bliedung mehrere Volucap-Studios weltweit betreiben. Parallel schweben ihm mobile Studios vor, die man je nach Bedarf an Filmsets fahren und dort aufbauen kann. Läuft alles so, wie er es sich vorstellt, sollen die volumetrisch erzeugten 3D-Hologramme bald auch schon mittels Artificial Intelligence beliebig animierbar sein. Bislang können sie nur genau so wiedergegeben werden, wie sie aufgenommen wurden – wie bei richtigen Filmaufnahmen eben. Gerade fängt es an, dass Kleinigkeiten wie Kopfbewegungen verändert werden können, aber in einem Jahr sollen die Figuren schon viel freier animierbar sein. Irgendwann will Bliedung sogar die Mund- und Lippenbewegungen steuern können, sodass man eine Figur jeden beliebigen Text sprechen lassen kann – ohne dass es animiert aussieht. Wann es so weit sein wird, darauf will Bliedung sich nicht festlegen. „In der Forschung gibt es schon viele Möglichkeiten, das zu machen. Also es ist nicht so, dass wir hier von 20 Jahren reden.“

Vom Mimen zur Marionette

Ein Gedanke, der sich aufdrängt: Was bedeutet das für Schauspieler? Braucht es die dann überhaupt noch? Ja, sagt Bliedung. Das Geschäft wird sich aber verändern, gutes Marketing und Lizenzverträge werden wichtig, schließlich werden Prominente es sich gut bezahlen lassen, will man sie zu digitalen Marionetten machen. Abgesehen davon wird VR herkömmliche Filme nicht ersetzen, glaubt Bliedung. „Das ist so wie mit Theatern – die haben zwar mit der Einführung von Kinos extrem abgenommen, aber es gibt immer noch Theater.“ Neben Schauspielern stehen auch Regisseure und Drehbuchautoren vor neuen Herausforderungen, wenn begehbare Filme kommen. „Wie man Geschichten damit erzählen kann, muss erst mal rausgefunden werden“, sagt Bliedung. Denn wie baut man Spannung auf, wenn der Zuschauer nicht mehr in einer vorgegebenen Kameraeinstellung gefangen ist? Die über Jahrzehnte geprägten Stilmittel und Sehgewohnheiten sind im begehbaren Film außer Kraft gesetzt.

Bislang wird mit dieser neuen Form des Kinos im Volucap-Studio vor allem experimentiert und getestet, was technisch überhaupt möglich ist. Noch mögen VR-Filme ein nettes Gimmick sein. Aber, da ist sich Bliedung sicher, die virtuelle Realität ist die Zukunft des Films. „Alles, was nicht dem Schema der 3D-Inhalte folgt, wird wie flacher, alter Kram wirken.“


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Tanja Lemke

Tanja ist Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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