Nguyen-Kim: „Ich bin dafür, dass der Mittagsschlaf in Büros etabliert wird“

Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin und verdient ihr Geld mit Youtube-Videos, in denen sie Phänomene aus der Wissenschaft so erklärt, dass sie auch die größten Nicht-Nerds verstehen. Wir haben mit ihr über ihren Job als Youtuberin gesprochen und uns Mythen aus der Arbeitswelt erklären lassen.

Mai, Chemie wird von vielen ja eher gefürchtet. Was fasziniert dich an dem Fach? 

Dass wir alle aus Molekülen bestehen. Wenn du es wissenschaftlich genau nimmst, sind du und ich nur zwei Haufen von Molekülen, die gerade über Moleküle kommunizieren. Das ist schon fast spirituell.

Das ist eine interessante Perspektive. 

Es gibt einfach so viel cooles chemisches Wissen. Zum Beispiel: Obwohl Luft zum größten Teil aus Nichts besteht, hat jedes Luftmolekül eine Masse. Alle Luftmoleküle gemeinsam wiegen so viel, dass wir unter einer Last von einem VW-Polo sitzen. Dieses Wissen hat dein Leben jetzt zwar nicht verändert, aber es hat einen Wow-Effekt.

Du hast Chemie nicht nur studiert, sondern darin auch promoviert. Wieso hast du dich gegen eine wissenschaftliche Karriere entschieden?

Es war weniger, dass ich die Wissenschaft aktiv verlassen habe, sondern eher, dass ich mit Überzeugung in den Journalismus rein bin. Für mich war schon immer klar, dass über Wissenschaft zu reden und Leute aufzuklären genauso wichtig ist wie Forschung im Labor zu machen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass die Forschung im Labor wertlos ist, wenn sie nicht aus dem Labor rauskommt. Und dazu gehört auch, dass man sie vermitteln kann.

Wieso ist es so wichtig, dass das Wissen den Elfenbeinturm verlässt? 

Wenn ich überlege, was momentan an Technologien in unser Leben reinkommt – zum Beispiel autonomes Fahren und Gentechnik. Das sind Sachen, die sind real. Menschen müssen da politische und juristische Entscheidungen treffen. Nur auf welcher Basis treffen sie die? Sind die Leute gut informiert? Ist da genug Austausch? Da sehe ich meine Verantwortung als Wissenschaftlerin im Journalismus an den gleichen Stellen, wie im Labor.

Wie bist du auf die Idee gekommen Youtube-Videos zu machen? 

Zum einen durch meine nerdige Freude an der Wissenschaft, die ich mit anderen Leuten teilen möchte, und weil ich schon immer viel über meine Arbeit gesprochen habe. Zum anderen, weil jede Wissenschaft eine schöne Metaebene hat. Wer sich mit Chemie auseinandersetzt, setzt sich automatisch mit einem wissenschaftlichen Denken auseinander. Dazu gehören die Suche nach Beweisen, eine gesunde Skepsis – auch gegenüber der eigenen Meinung, eine Offenheit für neue Erkenntnisse und auch eine gewisse Sachlichkeit. Aufklärung statt Aufregung. Das ist eine schöne Grundhaltung, die man überall in der Gesellschaft gebrauchen kann.

Wie entstehen deine Videos dazu? 

Ich schaue immer was öffentlich diskutiert wird. Ich muss auch herausfinden, was Leute bereits wissen und wo vielleicht Missverständnisse kursieren. Wenn ich beim Googlen auf widersprüchliche Aussagen stoße, kann ich davon ausgehen, dass die Leute für eine ordentliche Aufklärung dankbar sein werden. Das heißt, neben der wissenschaftlichen Recherche, gehört für mich auch normales Googeln dazu.

Chemische Phänomene zu erklären ist ja schon anspruchsvoller als Schminktipps zu geben. Wie schaffst du es die Inhalte verständlich herunterzubrechen? 

Das Wichtigste bei Kommunikation generell ist, dass man immer vom Publikum aus denken muss. Das klingt banal, aber das vergessen wir tatsächlich oft. Vieles ist Perspektivenwechsel. Je besser ich mich in jemand anderen hineinversetzen kann, desto besser kann ich Inhalte rüberbringen.

Was glaubst du, welchen Stellenwert hat die Wissenschaft in der Gesellschaft momentan?

Ich bin da etwas ambivalent. Einerseits scheint alles ein bisschen düster mit „Fake News“, Wissenschaftsskeptikern und Verschwörungstheorien. Durch meinen Youtube-Kanal merke ich aber immer wieder, dass die Leute es doch genau wissen wollen. Meine Strategie ist ja eigentlich nur den Leuten mehr zuzutrauen. Klassischerweise steigt man in den Medien bei komplexen Themen nie zu tief in die Materie ein. Aber bei einem Youtube-Video, auf das die Leute extra drauf klicken, um etwas zu erfahren, da laber ich die schon mal 20 Minuten lang mit wissenschaftlichen Details voll – und die Leute schauen es sich an!

Was möchtest du mit deinen Videos erreichen?

Einen wissenschaftlichen, respektvollen Umgang mit Themen. Weg von den emotionalisierten Debatten und wieder zurück zu den Fakten. Nebenbei finde ich es ganz schön, dass ich viele Frauen und Mädchen erreichen kann. In meinem Kanal sind 40 Prozent der Zuschauer weiblich. Wenn man das mit anderen naturwissenschaftlichen Formaten vergleicht, dann ist das wirklich viel.


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