Sophie Passmann: “Unsere Generation gehört durchtherapiert“

Sophie Passmann ist 25 Jahre alt und von Beruf aus Komikerin, Poetry-Slammerin, Radiomoderatorin, Autorin beim „Neo Magazin Royale“, kritisches SPD-Mitglied, Kolumnistin, Feministin und seit heute auch Autorin ihres neuen Buches „Alte weiße Männer“. Ergo: ziemlich gut unterwegs und medial sehr präsent.

Passmann hat eine steile Karriere hingelegt. Anfang 2017 hatte sie gerade einmal 100 Follower auf Twitter und auch auf Instagram hatten ihre ersten Bilder noch im Vergleich zu heute eher wenig Herzen erhalten. Anno 2019 vergeht kein Tag, an dem sie via Twitter oder Instagram ihren Senf – klug und gleichzeitig unterhaltsam – zu aktuellen Themen aus Politik oder Popkultur einabgibt und damit Tausende von jungen Menschen erreicht.

Warum das gut ist und was sie mit ihrem neuen Buch erreichten möchte, verrät sie uns an einem sonnigen Vormittag bei einem schwarzen Kaffee in Berlin.

Sophie, du hast für dein neues Buch das „Who’s Who“ der männlichen Polit- und Medienbranche getroffen und wolltest gemeinsam mit ihnen der Frage nachgehen, was einen typischen „alten weißen Mann“ – das Feindbild aller Feministinnen –ausmacht. Hast du eine Antwort gefunden?

Was wir am Ende rausgefunden haben, ist, dass man final nicht sagen kann: Diese Voraussetzung muss ein Mann erfüllen und dann ist er ein alter weißer Mann. Es ist eher ein schwer zu greifendes Gefühl. Ziel war, dass ich im Buch eher beschreibe, wie ein bestimmter Habitus auf mich wirkt, und dann sollen die Leser*Innen für sich selbst die Antwort auf die Frage finden.

Einige deiner Gesprächspartner waren der Meinung, dass sich das Machtgefälle zwischen Mann und Frau schon von allein lösen würde, es wäre „eine Generationsfrage“. Wie siehst du das?

Ich glaube, der größte Fehler, den man bei einem emanzipatorischen Akt machen kann, ist, an einem Punkt zu denken: So, jetzt sind wir durch. Denn in der Sekunde, in der man sich entspannt, geht die Emanzipationsbewegung rückwärts. Ich würde also der oben genannten Argumentation in keiner Sekunde folgen. Denn in dem Moment, in dem man abhakt und denkt, man wäre mit einem Thema fertig, hört man auf zu reflektieren. Außerdem: Ich kenne ein Dutzend älterer Herren, die bei diesem Thema total progressiv sind. Und auf der anderen Seite kenne ich auch ein Dutzend junge Männer, die so konservativ sind, dass es mich gruselt.

Müsste man nicht gerade bei der jüngeren Generation früher ansetzen? Zugespitzt gesagt: Brauchen wir ein Schulfach „Feminismus“? 

Ein Schulfach Feminismus fänd ich bevormundend, weil der Feminismus meiner Meinung nach ein Blick auf die Welt ist und nicht etwas, das einem aufgezwängt werden sollte. Aber natürlich muss sich in der Gesellschaft was ändern. Ich glaube, unsere Generation läuft Gefahr, den Feminismus auf einer marktwirtschaftlichen Ebene auszuhandeln. Und klar ist: Feminismus muss viel mehr wollen als eine marktwirtschaftliche Gleichstellung der Frau, denn Frauen sind mehr als nur eine geile Wirtschaftskraft. Richtiger Feminismus muss vor allem für die Frauen da sein, die in ihrer Lebenswelt so weit entfernt sind von einer C-Level-Position wie ich von einem Stabhochsprung.

Was muss deiner Meinung nach dafür passieren? 

Wir brauchen viel mehr starke Frauen in der Öffentlichkeit, vor allem mehr vielseitige und diverse Frauen. Nicht nur die typischen Frauenbilder, die in den Medien präsentiert werden, sprich: Entweder bin ich die heiße, fuckable Sekretärin oder ich bin die karrieregeile Bitch, die jeder hasst. Von diesen Rollenbildern müssen wir weg in der medialen Darstellung. Es muss die ganze Bandbreite gezeigt werden, denn eine Frau sollte nicht nur bestimmte Vorraussetzungen erfüllen, damit sie als Frau in einer Serie Sinn ergibt. Mein Ziel wäre, dass eine Frau genauso der verlotterte, leicht schmierige, Dosenbier saufende, vom Liebeskummer getränkte Kommissar sein darf wie aktuell jeder Mann sein darf.  Wo dann auch alle sagen: Was für eine beeindruckende Rolle.

Richtiger Feminismus muss vor allem für die Frauen da sein, die in ihrer Lebenswelt so weit entfernt sind von einer C-Level-Position wie ich von einem Stabhochsprung.

Im Buch schreibst du in einer Fußnote, dass du einmal einen Job nicht bekommen hast, weil du eine Frau bist. Wie hast du damals davon erfahren?

Ich bin ja Radiomoderatorin, und da wird auf einer anderen Ebene mit dir gesprochen, warum man dich auf eine Sendung setzt – oder eben nicht. Da muss man intellektuell nicht besonders viele Kapazitäten haben, um rauszufiltern, dass man den Job nicht wegen seiner Qualifikationen nicht bekommt, sondern weil die Chefs „etwas anderes“ suchen. Das meint dann entweder: Du entsprichst nicht dem Klischee einer typischen weiblichen Radiomoderatorin, nämlich einer, die nichts von Fußball versteht, shoppen geht und voll lacht, wenn der Hauptmoderator einen tollen Witz macht. Oder: Hm, also eine Frauenstimme in der Sendung? Sehen wir nicht. Und ganz ehrlich: Gerade die Radiolandschaft ist sinnbildlich für ein ungleiches Geschlechterverhältnis.

Aber abgesehen davon gab es auch andere Situationen, wo eigentlich klar war, dass ich für diese Postion am besten geeignet war – und dann doch plötzlich zufällig der befreundete Kollege vom Chef den Job bekam. Solche Situationen kennt jede Frau.


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