Wie das Startup Unown mit Leasing-Mode den Markt aufmischen will

Kleidungsstücke sind in ihrer Herstellung alles andere als nachhaltig und gut für die Umwelt. Ingesamt wird in einem Jahr durch die gesamte Textilproduktion eine Milliarde Tonnen CO2 verursacht. Chemikalien und Mikroplastik verschmutzen zudem die Gewässer. Kein Wunder also, dass sich im Modesektor etwas ändern muss. Eine Lösung ist nachhaltig produzierte Mode. Nur ist die ziemlich teuer.

Linda Ahrens und Tina Spießmacher haben deswegen ihr Startup Unown gegründet. Sie bieten nachhaltige Kleidung ausgewählter Marken zum Leasen an. Seit neuestem können auch Kund*innen ihre Kleidungsstücke, die sie nicht mehr tragen möchten, an Unown schicken – und sich dabei sogar sozial engagieren. Wir haben mit den Gründerinnen über ihr Konzept, Vorteile des Leasings und Nachhaltigkeit gesprochen.

Ihr wollt, dass Menschen weniger Kleidung kaufen. Wieso?

Tina: Die meiste Kleidung liegt ungenutzt im Schrank. Statistiken sagen, dass wir nur ein Drittel unseres Kleiderschrankinhalts wirklich tragen. Gleichzeitig kaufen Deutsche aber durchschnittlich 60 neue Teile pro Jahr. Das ist eine riesige Verschwendung von Ressourcen. Wer verantwortungsvoll mit der Umwelt umgehen will und dabei nicht auf Abwechslung im Kleiderschrank verzichten möchte, für den ist Leasing aktuell die nachhaltigste Alternative.

Wie funktioniert euer Konzept?

Linda: Wir möchten, dass unsere Kund*innen neu über ihrer Mode-Ausgaben nachdenken. Die meisten Berufstätigen geben im Jahr 1500 Euro und mehr für Kleidung aus. Wenn sie die Hälfte davon für das Prinzip „Nutzen statt Besitzen“ ausgeben, dann wird letztendlich weniger Kleidung produziert, das Existierende wird länger getragen und insgesamt landet weniger Textil im Müll.

Tina: Kund*innen, die Teil unserer Bewegung sein wollen, haben mit Unown aktuell zwei Optionen: Entweder, sie leasen einzelne Teile, wobei der Preis nach Wertigkeit und Leasingdauer variiert. Oder sie schließen ein Abo mit vier Teilen pro Monat für 69 Euro ab. In einem Jahr sind das bis zu 48 Teile bei 55 Prozent des durchschnittlichen Mode-Budgets.

Welche Kleidungsstücke kann man bei euch leasen? 

Linda: Unterwäsche und weiße Seidentops findet man nicht bei uns. Wir achten darauf, dass die Teile nicht zu empfindlich sind und lange ihre Qualität bewahren. Außerdem suchen wir Artikel mit aussagekräftigem Stil. Basics wie eine schwarze Jeans sind für das Leasing weniger spannend. Jetzt im Herbst bieten wir viel Strick, Übergangsjacken und Teile, die gut im Lagenlook funktionieren.

Woher bekommt ihr die Klamotten?

Linda: Aktuell arbeiten wir mit 13 Marken aus der Welt der nachhaltigen Mode zusammen, zum Beispiel Kings of Indigo, Lanius und schwerer zu findende Nischenbrands wie Elementy und Kowtow.

Die Kleidung muss sicherlich in einem einwandfreien Zustand wieder bei euch ankommen. Welche Regelungen habt ihr für den Umgang mit den Kleidungsstücken?

Tina: Wir sagen unseren Kund*innen: Bitte vor der Rückgabe nicht waschen, denn wir müssen das ohnehin machen, bevor es an die nächste Person geht. Grundsätzlich ist jedes Teil gegen normale Abnutzung und kleinere Schäden versichert. Man braucht sich bei einem abgefallenen Knopf also keine Gedanken zu machen. Wenn aber ein Riss quer durchs Kleid geht, müssen wir den Restwert in Rechnung stellen.

Ich habe gelesen, dass die Kleidungsstücke, die ihr zum Leasen anbietet, zwischen sechs und zwölf Monaten im Umlauf sind. Ist das nicht etwas kurzlebig? 

Linda: Es ist kaum zu glauben, aber tatsächlich werden bis zu 40 Prozent der Kleidungsstücke nur ein oder zweimal getragen. Zwölf Monate aktive Tragezeit ist im Vergleich also solide. Trotzdem sind sechs bis zwölf Monate nur erste, sehr konservative Annahmen. Wir glauben und hoffen, dass viele Teile deutlich länger leben. Um präzisere Angaben zu machen, tracken wir jedes einzelne Kleidungsstück und bauen einen umfassenden Daten-Service auf, von dem auch unsere Partner-Labels profitieren werden. Darin sammeln wir Informationen wie Kund*innenbewertungen, Materialbeständigkeit und Anzahl der Nutzer*innen. Mit diesen Daten-Insights können Produzent*innen verstehen, was genau mit ihrer Kleidung passiert, und so künftig noch langlebigere Teile designen.

Die Kleidungsstücke kosten zwischen zwölf und 66 Euro – ist das nicht teuer, dafür, dass man sie letztendlich nicht besitzt?

Tina: Ein Monat kostet bei uns aktuell zwischen zehn und 18 Prozent des normalen Kaufpreises. Das heißt, die Winterjacke, die im Laden  390 Euro kostet, bekommt man bei uns für 66 Euro zum Leasen. Wir bewegen uns damit in der Welt der nachhaltigen Mode, die wir mehr Menschen zugänglich machen wollen. Wenn Produzent*innen soziale und Umweltstandards einhalten, kann eine Bluse nicht 24,90 Euro kosten. Das muss man verstehen. Wir arbeiten aktuell daran, unsere Preisgestaltung noch transparenter zu machen.

Ihr habt im August Unown gelauncht. Wie wird euer Angebot bisher angenommen?

Tina: Wir waren im August mit einem kleinen Sortiment online und nach gerade mal einer Woche waren alle Kleidungsstücke verleast. Seit Oktober haben wir neue Styles im Angebot. Wir stehen am Anfang und kommunizieren noch keine konkreten Zahlen, aber der Bedarf ist groß und wir sind mit der aktuellen Entwicklung sehr zufrieden. Viele unserer Kund*innen vom August sind bereits zurück, weil sie die Vorteile des Leasings für sich entdeckt haben.

Mit eurem „Declutter Programm“ können jetzt auch Kund*innen ihre Klamotten an euch schicken. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? 

Tina: Das beste Kleidungsstück, das es gibt, ist eines, das bereits existiert – unabhängig davon, welche Marke auf dem Label steht. Wir wollen, dass wertvolle Ressourcen voll genutzt werden, statt immer Neues zu produzieren.

Linda: Mit unserem „Declutter Programm“ rufen wir dazu auf, sich von Teilen zu verabschieden, die kaum genutzt im Schrank rumliegen. Aus unserer eigenen Forschung wissen wir, dass sich über 60 Prozent der Frauen gerne einfacher und sinnvoller von Kleidung trennen möchte.

Was muss ich machen, um euch meine Kleidung zuschicken zu können?

Linda: Das Ganze geht super einfach: Kund*innen schicken uns per WhatsApp Bilder vom Kleidungsstück. Bei geeigneter Qualität und passendem Stil nehmen wir es in unserem Sortiment auf. Im Gegenzug können die Kund*innen entscheiden, ob wir 25 Prozent jedes Leases an Greenpeace oder Atmosfair spenden, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Modeindustrie einsetzen. Oder ob einen einmaligen Unown-Gutschein im Wert zwischen fünf und 150 Euro haben möchte.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Klamotten aus?

Linda: Die Kleidung sollte qualitativ hochwertig und sehr gut erhalten sein. Wir akzeptieren alle Marken – auch Teile, die nicht nachhaltig produziert wurden.

Auf WhatsApp sieht man ja nicht jeden Fleck oder Verschleiß der Kleidung. Schickt ihr die Sachen auch wieder an Kund*innen zurück, wenn sie doch nicht geeignet sind oder was passiert dann mit ihnen?

Tina: Wir setzen hier vor allem erstmal auf Vertrauen. Sollte jemand das Prinzip ausnutzen, behalten wir uns natürlich vor, das Teil nicht anzunehmen.

Ihr habt erzählt, dass eure Kund*innen Erlöse der Teile an Greenpeace oder Atmosfair spenden können. Inwiefern ist es für Startups heutzutage notwendig, sich sozial und nachhaltig zu positionieren?

Linda: Alle Unternehmen – nicht nur Startups – sollten sich Gedanken über die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf Menschen und unseren Planeten machen. Wir möchten ein Unternehmen aufbauen, das sich wirtschaftlich gut entwickelt, ohne dabei rücksichtslos mit Mensch und Umwelt umzugehen. Für uns ist das einfach Common Sense.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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